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So schlimm ist das doch gar nicht!
Foto: Tijana / Adobe Stock

Scheiße, ich blute!

28. Februar 2023

Ist die Geschichte der Menstruation voller Missverständnisse? – Glosse

„Direkt nach dem Frühstück habe ich heute eine Anakonda in die Schüssel gedrömmelt, das glaubst du nicht. Erst wollte sie nicht raus, also musste ich kräftig drücken, dass ich dachte, mir platzt ne Ader. Aber als die dann rauskam aus meinem Arsch, Junge, war das eine Erleichterung.“

„Alter, bist du widerlich! Aber pass mal auf. Letztens im Büro, da habe ich meine Tage bekommen. Ich bin also aufs Klo, wollte meine Menstruationstasse rausholen …“

„Was ist denn das?“

„Das ist quasi so ein kleiner Becher, den du dir reinsteckst in die Vagina, der das Menstruationsblut auffängt. Ein bisschen wie ein wiederverwendbarer Tampon. Ich will den also so rausholen, randvoll ist der, da rutscht der mir aus den Fingern. Platsch, schwapp, klitsch, überall Blut, auf meiner Hand, auf dem Klopapierhalter, dem Porzellanthron, meinen Schuhen. Und natürlich der ganze Boden voll.“

„Würg! Das hast du aber weggemacht irgendwie, oder?“

„Ja klar, so gut es ging …“

Natürlich tabu

Man konnte fast hören, wie die Leute um uns herum mit den Augen rollten. Vielleicht gaben sie auch wirklich Geräusche von sich. Kopfschütteln, verächtliches Schmatzen. Vielleicht das ein oder andere Würgen?

Manche Dinge sind eben Tabuthemen, auch wenn sie natürlich sind. Der Tod gehört dazu, weil er uns Angst macht. Wenn eine alte Witwe ein Taxi zum Friedhof nimmt, um ihren verstorbenen Gatten zu besuchen, sollte der Taxifahrer ihr nicht unter die Nase reiben, dass er dann am besten nicht für die Rückfahrt auf sie warten wird. Religion ist auch ein Tabu, weil religiöse Gefühle anscheinend wichtiger sind als andere Empfindungen. Es ist akzeptierter, jemanden einen Trottel zu nennen, der an Echsenmenschen glaubt, als jemanden, der glaubt, der Erschaffer des Universums schere sich darum, ob man masturbiert oder nicht. Masturbation hingegen ist ein Tabu, weil es tief in unserer Privatsphäre wurzelt. Kacken, pardon defäkieren, und menstruieren (wieso gibt es eigentlich kein prollig-vulgäres Wort dafür?) stören unser Hygieneempfinden, genauso wie Pickel ausdrücken, Schuppenflechte, die über den Kaffeetisch rieselt oder Schamhaare im Gästebad.

Was empört, unterhält

Wenn die Witwe sich aber keine Hoffnungen mehr machen kann, dann sollte über den Tod gesprochen werden. Wenn irgendwas mit der Darm- oder Vaginalaktivität nicht stimmt, dann sollte auch darüber gesprochen werden. Wenn der Bauch aua macht, dann entschuldigt man sich kurz vom Tisch oder Arbeitsplatz (es sei denn, man arbeitet auf der Bühne, in einem Rennwagen oder operiert am offenen Herzen, dann sollte man sich noch eine Zeit lang zusammenreißen), verschwindet auf dem Örtchen und kommt nach einem Weilchen erleichtert wieder. Gleiches sollte für Unterleibs-Aua gelten. Und wenn es doch nicht besser geht, dann schaut man, ob man nicht besser nach Hause gehen sollte.

Niemand sollte irgendjemanden für irgendwas verurteilen, was der Körper (weitgehend) unkontrolliert tut. Kacken müssen wir alle, blutschlotzen (nee, über einen angemessenen Vulgarismus müssen wir noch nachdenken) ist nur der Hälfte der Säugetiere vorbehalten. Aber ob man Details darüber laut in die Welt ruft, das darf jeder selbst entscheiden. Und jeder darf sich davon angeekelt fühlen. Das ist auch gut so, denn ohne empörte Leute würden Gespräche in der S-Bahn nur halb so lustig sein.

Meine Meinung zu diesem Thema

 

DER GESCHMACK VON BLUT - Aktiv im Thema

perioden-system.com | Der in Berlin ansässige Verein Periodensystem versorgt soziale Einrichtungen mit gespendeten Menstruationsprodukten und klärt über Menstruation auf.
hearnepal.de/madchen-und-frauenprojekt | Hear Nepal Deutschland e.V. klärt über Maßnahmen auf, um die Bildung und Gesundheit von Mädchen und Frauen in Nepal zu fördern.
ravensburg.de/rv/aktuelles/2022/kostenlose-menstruationsartikel-in-den-weiterfuehrenden-schulen-der-stadt-ravensburg | Die Stadt Ravensburg informiert über erste Schritte, Menstruationsartikel kostenlos zugänglich zu machen.

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Marek Firlej

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