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Falk Wolf
Foto(Ausschnitt): Linda Inconi (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen)

„Visuelle Erschöpfung wird sich auf keinen Fall einstellen"

29. Oktober 2026

Bildhauer Thomas Schütte präsentiert neue Ausstellung im K21 in Düsseldorf – Sammlung 11/26

Das K21 im Düsseldorfer Ständehaus zeigt den Bildhauer Thomas Schütte. Der zählt zu den international bedeutendsten Künstler*innen unserer Zeit. Über den auch in Düsseldorf lebenden Künstler sprach ENGELS mit dem Kurator Falk Wolf.

engels: Wäre der Künstler Thomas Schütte nicht vielleicht doch lieber Architekt geworden?

Falk Wolf: Das ist eine sehr gute Frage. Ich meine nein. Natürlich hat Thomas Schütte sehr viele Architekturmodelle gemacht und das von Beginn seiner Laufbahn an. Das ist ein ganz wichtiger Teil seines Schaffens, aber es sind eben keine Entwürfe, die von einem Architekten stammen, sondern von einem Künstler. Der wesentliche Unterschied ist, dass man sie eher als Bilder, Vorschläge oder Denkmodelle bezeichnen müsste, denn sie sind nicht in erster Linie dafür gemacht, tatsächlich ausgeführt und gebaut zu werden. Vielmehr sollen sie die Fantasie und die Vorstellungskraft anregen und dazu einladen, über sie nachzudenken. Es gibt beispielsweise Modelle, die das ideale Atelierhaus für einen Künstler imaginieren. Es liegt eigentlich nahe, dass Thomas Schütte als junger Künstler darüber nachdachte, wie das wohl aussähe und wie dort die idealen Arbeitsbedingungen wären. Das hat er dann als Modell gebaut. So zeigt er uns, wie es sein könnte: das ideale Bildhaueratelier, das ideale Maleratelier. Und das zu einer Zeit, als er sich selbst solche Arbeitsbedingungen noch nicht erlauben konnte. Bei den späteren Modellen geht es dann auch darum, sich ein Stück weit von der Welt abzukapseln und durch die Wände des Hauses Zurückgezogenheit auszudrücken. Diese Häuser haben manchmal auch einen gewissermaßen physiognomischen Ausdruck. Sie haben vielleicht zwei Augen und blicken einen an. Sie sind bildhaft. Seine Herangehensweise ist also ganz anders als die eines Architekten.

Die raffinierten Behausungen, die er entwickelt hat und die Sammler auch schon realisiert haben, sind ja immer für einzelne Menschen gedacht. Das geht eigentlich an unserer mietwucherischen Gegenwart vorbei.

Viele sind wirklich Behausungen für Einzelne. Und sie sind oft auch ein Spiel mit Formen und Kubaturen. Gerade die One Man Houses sind eigentlich alle Variationen eines einzigen Entwurfs: Einmal ist er auf den Kopf gestellt, einmal von links nach rechts gedreht. Die Kubatur bleibt aber immer gleich. Wenn der Entwurf gedreht wird, folgt daraus auch eine ganz andere Vorstellung davon, wie das Haus wohl funktioniert: Wo ist der Eingang? Wo ist der Ausblick? Das ist also auch ein freies Spiel mit Form und Volumen. Allerdings bleiben die Modelle, die tatsächlich im Maßstab eins zu eins gebaut worden sind, trotzdem Modelle. Selbst wenn ich in ein solches Haus hineingehen und mir vorstellen kann, dass es tatsächlich existiert, bleibt es trotzdem ein Modell.

Die Ausstellung im K21 zeigt erstmals einen umfassenden Überblick über sein Schaffen. Wie verwirrend wird denn dieser Mix?

Einen wirklich umfassenden Überblick zeigen wir vor allem über die Architekturmodelle. Dieser Teil der Ausstellung befindet sich im Untergeschoss mit seinen 1.100 Quadratmetern. Das beginnt mit einem der frühen Westkunst-Modelle aus unserer Sammlung und der Hauptstadt aus dem Jahr 1981 bis zu den Modellen, die er nach dem 11. September 2001 gemacht hat. Hier gibt es tatsächlich einen umfassenden Überblick. Aber in den oberen Etagen gehen wir darüber hinaus: Das alte Landesparlament ist ein historisches Gebäude und wir haben hier ganz unterschiedliche Räume. Für all diese Räume hat Thomas Schütte ganz eigene Präsentationsformen entwickelt. Im Untergeschoss werden die Architekturmodelle zu sehen sein. Auf der Piazza, also in der Eingangshalle des Museums, werden zwei monumentale Skulpturen stehen: Vater Staat und Mutter Erde. In den Räumen im zweiten Obergeschoss mit ihrem schönen Nordlicht werden wir viel Keramik und Glas, aber auch Skulpturen aus Bronze zeigen. Teilweise handelt es sich um ganz neue Arbeiten, die frisch aus der Gießerei oder der Keramikwerkstatt kommen. Das alles zieht sich bis auf die Kuppelebene, wo wir drei begehbare Architekturen aufbauen. Diese sind teilweise schon im Untergeschoss als kleine Modelle zu sehen gewesen und stehen hier plötzlich in großem Maßstab.

Ist es eigentlich einfacher oder schwieriger, wenn man als Kurator den Künstler an seiner Seite hat?

Das kommt ein bisschen auf den Künstler oder die Künstlerin an. Bei Thomas Schütte kann man sagen: Man hat einen der erfahrensten Ausstellungskünstler an seiner Seite, der wie kaum ein anderer mit dem Raum umgehen kann, weil der Raum sein tägliches Arbeitsmedium ist. Da kann man sich schon darauf verlassen, dass das funktionieren wird, was er vorschlägt.

Und wie lenkt man die Besuchenden dadurch und vor allen Dingen, wie verhindert man visuelle Erschöpfung?

Ich glaube, visuelle Erschöpfung wird sich auf keinen Fall einstellen. Weil wirklich jeder Raum und jeder Bereich so anders ist. Das ist ja das Spannende bei Thomas Schütte: Er arbeitet mit so vielen Medien, Materialien und Techniken, dass man manchmal gar nicht auf die Idee kommt, dass all diese Arbeiten überhaupt von demselben Künstler stammen. Allein das verhindert schon, dass man ermüdet. Stattdessen wird man von Raum zu Raum immer wieder neu überrascht.

Muss man für Besucher:innen, die Schütte nicht kennen, viel erklären?

Bei manchen Arbeiten ist es wichtig zu wissen, wie sie entstanden sind und wovon der Künstler da ausgegangen ist. Dazu haben wir natürlich Informationen. Es gibt ein Begleitheft und kurze Texte zu einzelnen Werken an den Wänden. Das Besondere bei Schütte ist aber, dass man auch dann vieles intuitiv versteht, wenn man nicht viel darüber weiß, weil er immer mit dem unmittelbaren Ausdruck arbeitet. Manchmal versteht man aber auch nicht, wie etwas genau gemeint ist. Das liegt dann aber daran, dass der Künstler es bewusst offen gelassen hat. Dann ist man selbst gefragt weiter darüber nachzudenken.

Das wäre zum Beispiel bei Vater Staat und Mutter Erde so, bei denen man immer denken könnte, wir sollten nur gehorsame Kinder sein.

Genau. Das ist zum Beispiel bei Vater Staat so. Wenn man auf den ersten Blick denkt: Oh, der sieht aber sehr autoritär aus, der schaut so streng. Man sieht also erst einmal diese einschüchternde Figur in dem schweren, bodenlangen Mantel. Wenn man aber genauer hinschaut, stellt man dann fest: Moment mal, der hat die Arme gar nicht hinter dem Rücken verschränkt, der hat überhaupt keine Arme. Und wie handelt der Staat dann, wie funktioniert er? Und wenn man noch genauer hinschaut, erkennt man, dass diese ganze Figur überhaupt nur aus dem Mantel besteht. Oft könnte man denken, solche Figuren nutzten sich mit der Zeit ab. Und diese Arbeit stammt aus dem Jahr 2010. Damals befanden wir uns politisch in einer anderen Situation als heute. Und trotzdem kann man mit dieser Figur heute immer noch wahnsinnig viel anfangen und sie immer weiter befragen. Sie hat sich also überhaupt nicht abgenutzt.

Thomas Schütte | 14.11. - 11.4.2027 | K21, Düsseldorf | Infos: 0211 8381-204

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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