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Katja Pfeiffer
Foto (Ausschnitt): Sigurd Steinprinz, 2024

„Viele Möglichkeiten, fröhlich mitzumischen“

28. Mai 2026

Kuratorin Katja Pfeiffer über „Merry Company“ in der Kunsthalle Barmen – Sammlung 06/26

Die Ausstellung befasst sich mit menschlichen Zusammenkünften zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss.

engels: Frau Pfeiffer, ein zentrales Thema in der Malerei des 17. Jahrhunderts war nicht nur fröhliches Beisammensein, sondern auch dionysisches Gelage mit Saufen und Unzucht. Wo landet da der Blick in der Gegenwart?

Katja Pfeiffer: Wir haben die Genremalerei als Ausgangspunkt genommen. Die Bildinhalte, auf die Sie sich beziehen, werden unter dem Überbegriff „Merry Company“ zusammengefasst und das kann man als „fröhliche Gemeinschaft“ übersetzen. Für die damaligen Betracher:innen waren da viele Anspielungen versteckt, auf Familienverhältnisse oder auch außereheliche Verhältnisse und vieles mehr, was immer auch Hinweise darauf sind, wie das Zusammenleben zu der Zeit strukturiert war. Diese Frage ist es, die uns eigentlich in der anstehendenAusstellung interessiert und aus diesem Grund trägt sie den Titel „Merry Company – Formen der Gemeinschaft“. Wir untersuchen eine ganz große Bandbreite verschiedenster Gemeinschaftsformen, die zu unterschiedlichen Zwecken zusammenkommen. Mit diesem Blick auf die Vielfalt fragen wir danach, wie gemeinsameAutor:innenschaft, geteilte Verantwortung, aber auch gemeinsame Wissensproduktion funktionieren kann. Uns interessiert, unter welchen Bedingungen solche Gemeinschaften fröhlich sind oder eben nicht so fröhlich.

Fröhliche Gemeinschaft“ kann ja auch etwas Doppeldeutiges haben.

Ja, und vor allem kann da ziemlich viel schief gehen. Wir zeigen unter anderem Arbeiten der Künstlerin Cornelia Schleime, die im vergangenen Jahr für ihr Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz erhalten hat. Sich mit ihrer überaus spannenden Biografie zu befassen, ist mit Blick auf die Gegenwart überaus bereichernd. Sie hat in der ehemaligen DDR im widerständigen Berliner Untergrund gelebt und gearbeitet und wir fragen an ihrem Beispiel danach, was es mit Individuen macht, die in Gesellschaften leben, in denen Ausdrucksfreiheit eingeschränkt wird. Wie schließen sich die Menschen dann trotzdem noch zusammen, was ergeben sich daraus für Gemeinschaften? Im Osten Deutschlands haben sich zu der Zeit wechselnde Gruppen zusammengetan, die auch medial sehr unterschiedlich unterwegswaren, Schriftsteller:innen haben mit Künstler:innen und mit Musiker:innen zusammengearbeitet oder man hat teilweise abrupt das Medium gewechselt, wenn man zum Beispiel mit Ausstellungs- oder Auftrittsverboten belegt wurde. Das kann man bei Cornelia Schleime sehr gut nachzeichnen, die trotz hoher persönlicher Belastung immer einen Weg gefunden hat, ihr Werk voranzutreiben. Bei all dem darf man nicht vergessen, dass der Weg in anderen Fällen über die Strafverfolgung auch ins Gefängnis führen konnte.

Gemeinschaften können auch unheimlich oder bedrohlich sein, oder?

Genau. Das haben wir als These schon in den beiden Bildern angelegt, die wir in dieser Ausstellung vom Von der Heydt-Museum ausleihen durften. Wir haben diesmal Originalwerke aus besagter Genremalerei, zwei „Wirtshausszenen“ von einem unbekannten niederländischen Künstler. Da sind Figuren zu sehen, die gar nicht besonders fröhlich wirken, bis hin zur Gans, die gerade gerupft wird. Das scheint eher eine dumpfe Angelegenheit zu sein, in dunklen Buden, nach anstrengendem Tagwerk. Passend dazu haben wir Arbeiten von Kati Heck, einer Künstlerin, deren beeindruckende Malerei uns zunächst interessiert hat, von der wir nun aber ein skulpturales Werk und Druckgrafik zeigen – alles Werke, die nach kultureller Identität und Herkunft fragen. Die Arbeiten tragen so schöne Titel wie „Bonzenspeck und Prollgehabe“ oder „Unrasiert und fern der Heimat – ein Randgruppenstammtisch“. Die Worte Stammtisch und Randgruppe rufen ja gleich bestimmte Assoziationen hervor. Und aus dieser Melange ergibt sich ein Blick darauf, wie sich Gesellschaften verhalten, wenn sie sich nicht öffnen oder wenn sich Gruppen zusammentun, um sich von anderen abzugrenzen.

Zur Versöhnung zeigen wir dann aber auch Arbeiten mit gegenteiligen Beobachtungen, zum Beispiel eine Videoinstallation von Valerie Feldhaus mit dem Titel „Die Wupper runter bis nach Sizilien“. Der Film handelt von einer Wuppertaler Café-Bar, die berechtigterweise eine gewisse Berühmtheit besitzt, weil sie ein sehr besonderes, fast süditalienisches Flair vermittelt. Alltagsbeobachtungen dort wurden von der Künstlerin dann in Zusammenhang mit historischen Zitaten von Else Lasker-Schüler gebracht. Da verbinden sich also historische Beobachtungen der Arbeiterschaft vor 100 Jahren mit einem Heute, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft aufgrund einer stets freundlichen Behandlung und einer Tasse Espresso gut gelaunt in den Arbeitsalltag starten. Wofür dem Barbesitzer Mario Mazza, wie ich finde, tatsächlich ebenfalls ein Verdienstorden gebührt, da das ein Dienst an der Gemeinschaft ist, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Das Dionysische findet sich auch in der heutigen Definition von Karneval.

Karnevalsgesellschaften haben wir leider keine eingeladen – die fehlen unserem Panorama in der Tat. Aber rund um die Präsentation der Künstlerin Babu Noella werden wir die fröhliche Gemeinschaft des Ubuntu in die Ausstellung integrieren. Ubuntu kennen die kulturinteressierten Wuppertaler:innen schon aus dem Pina BauschZentrum, und wie dort wird die Gruppierung auch bei uns Möglichkeiten zum fröhlichen Miteinander eröffnen. Viele weitere Möglichkeiten, fröhlich mitzumischen, wird es ohnehin im Rahmenprogramm der Ausstellung geben, zu dem wir jeweils aktuell auf unserer Homepage informieren. Vielleicht denken wir dahingehend auch nochmal über den Karneval nach.

Aber Naziaufmärsche werden nicht zu sehen sein?

Nein, wir zeigen keine Naziaufmärsche und auch keinen Gruppensex. Beides hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen – wobei, wenn ich die Wahl hätte, würde ich letzteres bevorzugen. Ist zwar auch nicht jugendfrei, aber immerhin hat es weniger Zerstörungspotenzial. Faschisten werden also nicht zu sehen sein, aber sie sind explizit in dieser Frage nach Abgrenzung enthalten. Den ganz bösen Gemeinschaften bietet die Kunsthalle Barmen keinen Raum für ihre Anliegen.

Kati Heck, Unrasiert und fern der Heimat, Foto: Tim van Laere

Der kunsthistorische Faden aus der Vergangenheit landet wo?

Wir fächern eine riesige Bandbreite auf, von den Gemälden des 17. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit, entlang derer wir über den kulturellen Begriff des „Gemeinsamen“ nachdenken. Der Eröffnungstag fällt auf den Tag des Grundgesetzes und wir fanden es sinnvoll, in diesem Rahmen zu überlegen, welche Grundwerte nötig sind, dass das gemeinsame Sein, aber auch das Forschen gelingt. Wir wollten uns darum nicht unbedingt in erster Linie an künstlerischen Kollektiven orientieren, sondern den Bogen weiterspannen, um etwa auch über die politischen Voraussetzungen nachzudenken, die es braucht, damit so etwas glücken kann. Wir zeigen mit der Universität im Hintergrund diesmal in einem Raum Einblicke in die ganze Vielfalt unserer Forschung, sodass das spannende Spektrum sichtbar wird, in dem so etwas stattfindet.

Es gibt ganz kleine Forschungsgruppen, quasi Uni-intern; es gibt die regionalen und die bundesweiten Netzwerke. Aber manchmal reicht das auch darüber weit hinaus bis hin zu weltumspannenden Formaten, in denen Menschen gemeinsam erforschen, wie wir den Herausforderungen unserer Zeit sinnvoll begegnen können. Im Rahmenprogramm werden sich diese Forschungsgemeinschaften während der Ausstellungslaufzeit den Besucher:innen vorstellen. Wir zeigen dort, dass in der Hochschule meist in gutem Einvernehmen geforscht und neues Wissen produziert wird und dass es dafür Grundlagen braucht. Eine fröhliche und neugierige Gemeinschaft aus forschenden Menschen, die daran arbeiten wollen, unsere heutigen und zukünftigen Probleme zu lösen und eine Politik, die den Mut hat, dafür freiheitliche Bedingungen und Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Merry Company | bis 13.9. | Kunsthalle Barmen, Wuppertal | 0202 43 90

Interview: Peter Ortmann

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