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Felicity Korn
Foto: Andreas Endermann

„Jemand, der den Finger in die Wunde steckt“

30. September 2026

Kuratorin Felicity Korn über die Retrospektive „Immendorff“ im Kunstpalast Düsseldorf – Sammlung 10/26

engels: Frau Korn, in seinem Atelier wurde wohl gekokst, bis die Rauchmelder anschlugen. Jörg Immendorff hatte auch immer Angst um seine Rolle in der Kunstgeschichte. Heute ist er ungewollt ein deutsches Kunstdenkmal, ist es nicht so?

Felicity Korn: Er ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler:innen des 20. Jahrhunderts und hat einen wesentlichen Beitrag zur Kunstgeschichte der Nachkriegszeit geleistet. Seine Biografie läuft quasi parallel zu der deutschen Geschichte nach 1945 – beispielsweise wurde er nur einen Monat nach der Kapitulation geboren. Diese enge Verzahnung spiegelt sich auch in seinem Werk wider. Darüber hinaus thematisiert Immendorff machtpolitische Fragestellungen so virulent wie kaum jemand in seiner Zeit und erreicht damit auch ein Publikum, das nicht ausschließlich ein Kunstpublikum war. Für mich liegt hier begründet, warum ihm dieser Platz in der deutschen Kunstgeschichte gebührt.

Er hat sicher diese Retrospektive verdient. Was ist denn in so einer Ausstellung alles zu sehen?

Das Ziel der Ausstellung ist es, die ganze Bandbreite seines Werkes zu zeigen. Wir präsentieren eine Vielzahl an Gemälden, darunter einige Hauptwerke, die sich in unterschiedlichsten europäischen Museen befinden. Zudem legen wir einen Fokus auf seine Skulpturen, Zeichnungen und viel Dokumentations- und Archivmaterial. Es werden auch Fotografien von ihm zu sehen sein. Er hat auch fürs Theater viele Projekte umgesetzt – von Anfang an ist bei ihm das Interesse an der Bühne zu beobachten. Wir glauben, dass die Besuchenden nur dann ein Gesamtbild von ihm bekommen, wenn alle diese Aspekte nebeneinander präsentiert werden.

Ist denn auch der berühmte LIDL-Holzblock von 1967 zu sehen?

Das Original befindet sich im MoMA in New York und konnten wir leider nicht ausleihen. Aber wir durften mit der Genehmigung des Nachlasses von Jörg Immendorff ein Faksimile erstellen. Vor der damaligen Performance hat er einen Holzblock mit den deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold bemalt und „LIDL“ darauf geschrieben, was der Name einer von ihm mitgegründeten Künstlergruppe war. Den an sein Bein gebundenen Block hat er dann vor dem damaligen Bundestag in Bonn hinter sich hergezogen, bis die Polizei einschritt. Diese bedeutsame Aktion mit dem sprichwörtlichen „Klotz am Bein“ sprach damals vielen, vor allem jungen Leuten aus dem Herzen. Immendorff wurde dafür sogar verhaftet, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, aber zeigt, in was für einer Atmosphäre die Performance stattgefunden hat.

Wie viel Erklärung benötigen denn die Besuchenden?

Ich denke, gerade einem jungen Publikum müssen wir einen Zugang zur deutschen Geschichte vermitteln, denn dieses Hintergrundwissen ist wichtig, um Immendorffs Werk einordnen zu können. Gleichzeitig gibt es sicher auch Besuchende, die eher ähnlichen Jahrgangs wie der Künstler sind und denen wir diese Informationen nicht mitgeben müssen. Es ist immer ein schmaler Grat. Im Idealfall können alle etwas mit der Kunst anfangen, also ist es unsere Aufgabe, jedem und jeder einen Zugang zu ermöglichen. Die Texte stellen dafür ein Angebot dar.

Jörg Immendorff, Café, 1990, (Öl auf Leinwand, 140 x 160 cm) Foto: Kunstpalast, Düsseldorf – LVR-ZMB – Stefan Arendt, © Nachlass Jörg Immendorff

Gibt es denn direkt einen gelenkten Parcours?

Im ersten Raum stellen wir zunächst einmal Immendorff und die für ihn wichtigsten Themen vor. Hier wird es um den Maleraffen als Motiv und die zentrale Idee der Menschwerdung gehen: Immendorff hat Kunst als ein Mittel verstanden, um zu sich selbst und den wichtigsten menschlichen Motiven zu finden. Anschließend folgt eine chronologische Hängung der Werke, beginnend mit seiner Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie. Der Hauptraum ist den „Café Deutschland“-Bildern gewidmet. Ein weiteres wichtiges Kapitel thematisiert sein Bühnenbild und die Kostüme für die Neuinszenierung von Igor Strawinskis Oper „The Rake’s Progress“ bei den Salzburger Festspielen 1994. Gegen Ende der Ausstellung verhandeln wir die Frage, wie er mit der ALS-Diagnose und seiner Erkrankung umgegangen ist. Was bedeutet es, wenn jemand, der so leidenschaftlich als Maler, als Bildhauer tätig war, aufgrund dieser Nervenkrankheit seine Hände nicht mehr benutzen kann? Trotzdem hat Immendorff bis zuletzt weitergearbeitet, bis zu den allerletzten Bildern, die seine Assistent:innen nach seinen Anweisungen gefertigt haben.

Und ein neues „Café Deutschland“ wäre ja heute auch mal wieder fällig gewesen, wenn er noch da wäre.

Darüber hätte ich sehr gerne mit ihm diskutiert, auch über die aktuellen Ergebnisse und Prognosen der Landtagswahlen. Meiner Ansicht nach könnte Deutschland einen Künstler oder eine Künstlerin wie Immendorff gerade sehr gut gebrauchen. Jemand, der unter breiter öffentlicher Wirkung etwas überspitzt Debatten führt, quasi den Finger in die Wunde steckt und die Leute ein bisschen aufrüttelt.

Werden die von den Assistentinnen gemalten und von ihm signierten Bilder besonders gezeichnet?

In den Wandtexten schreiben wir, bis wann er selbst gemalt hat und ab wann seine Assistent:innen übernommen haben. Wir erläutern, wie dieses komplexe Prozedere stattfand und wie seine Anweisungen umgesetzt wurden. Für mich liegt in diesen späten Werken eine weitere interessante Fragestellung, denn selbstverständlich hätte er die Kunst nach seiner Diagnose aufgeben können. Aber er hat das Gegenteil getan, weil er nicht anders konnte, und aufgrund seiner Überzeugung, dass Kunst einen wesentlichen Beitrag zur Gesellschaft leisten sollte.

Immendorff | 25.9.2026 bis 10.1.2027 | Museum Kunstpalast, Düsseldorf | 0211 56 64 21 00

Interview: Peter Ortmann

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