Die retrospektiv angelegte Werkschau zeigt 14 Arbeiten der interdisziplinären Künstlerin Rebecca Horn (1944–2024) aus mehreren Jahrzehnten.
engels: Herr Koch, von dem frühen Werk „Einhorn“ bis hin zum Bundesrat in Berlin war es ein weiter Weg. Nun ist Rebecca Horns Schaffen in Wuppertal zu sehen. Sicher war es nicht einfach, aus 50 Jahren Schaffenskraft eine Auswahl zu treffen?
Christian Koch: Das war in der Tat ein intensiver Prozess. Die Ausstellung entstand in enger Kooperation zwischen derMoontower Foundation, die Rebecca Horn noch zu Lebzeiten gründete, und derCragg Foundation. Tony Cragg hat die Werke gemeinsam mit Peter und Karin Weyrich, langjährigen Mitarbeitern der Künstlerin, ausgewählt. Uns war wichtig, dass die Arbeiten nicht nur retrospektiv wirken, sondern explizit auf die Landschaft und die Situation hier im Skulpturenpark reagieren.

Ausstellungen im Skulpturenpark sind oft Streifzüge durch die Bildhauerei. War Rebecca Horn nicht auch eine Grenzgängerin zwischen den Medien?
Absolut. Ich kenne kaum eine Künstlerin des 20. Jahrhunderts, die mit einer solchen Bandbreite an Materialien und Ausdrucksformengearbeitet hat. Sie war eine Schlüsselfigur zwischen Konzeptkunst, Bildhauerei, Film und Lyrik. Sie hat sich nie auf eine Form festgelegt; jeder Arbeit ging ein langer Denkprozess voraus. Genau das fasziniert auch Tony Cragg, der selbst oft vor einem weißen Blatt Papier beginnt, um seine Skulpturen zu entwickeln.
Was erwartet die Besucher in den Pavillons? Gibt es dort auch akustische Erlebnisse?
Wir zeigen insgesamt 14 Arbeiten. Es gibt laute Objekte mit viel Sound, Arbeiten, die mit Elektrizität spielen, und sehr stille Werke. Fast alle haben jedoch eines gemeinsam: Sie bewegen sich. Wir zeigen beispielsweise zwei Maschinen, die selbsttätig malen – darunter die „Preußische Brautmaschine“, die mit Preußischblau arbeitet. Zudem gibt es Steine, die sich in Bewegung setzen, und ihre bekannten, sehr poetischen Flügelobjekte. Die Auswahl ist so konzipiert, dass man in jedem Pavillon neu überrascht wird. Es gibt sogar eine Arbeit, die in der Villa versteckt ist und erst gefunden werden muss.
Welche Rolle spielt die Kinetik, also die Bewegung, für die Wahrnehmung der Werke?
Durch die Bewegung werden die Besucher automatisch dazu gezwungen, sich physisch zu den Objekten in Beziehung zu setzen. Man umrundet sie, manche ahmen die Bewegungen sogar nach. Ich konnte schon früher beobachten, wie Menschen ganz intuitiv auf die Dynamik dieser Objekte reagieren.
In den 90ern war Horns Werk stark politisch, später eher mythisch. Wie choreografiert man eine solche Werkschau quer durch das Gelände des Waldfriedens?
Wir haben in der Mitte angefangen. Das „Concert for Anarchy“ (2006) – ein hängendes Klavier – war die erste gesetzte Arbeit, auch wenn die Installation in der mittleren Halle technisch eine Herausforderung war. Von dort aus hat Tony Cragg die Ausstellung quasi im Raum „gesehen“. Er arbeitet da mit einer starken visuellen Vorstellungskraft. Es hat fast etwas von Pantomime, wenn man zu fünft in einem leeren Raum steht und sich gemeinsam vorstellt, wo welches Werk seine Wirkung entfaltet.
Gibt es einen vorgegebenen Weg durch die Ausstellung?
Nein, den gibt es bei unsnie. Wir möchten, dass sich die Menschen die Kunst selbst erarbeiten und ihren eigenen Weg bahnen. Nur so entwickelt man eine eigene Haltung dazu. Wir bieten zwar Führungen an, aber auch dort bleibt der Ablauf den jeweiligen Vermittlern überlassen.
Was raten Sie einem jungen Menschen, der noch nie von Rebecca Horn gehört hat?
Einfach hingehen und anschauen. Man kann aus Texten allein kaum ermessen, wie faszinierend diese Arbeiten live sind. Rebecca Horn ist in diesem Jahr übrigens auch Abiturthema in Kunst. Wir laden deshalb gezielt Schulklassen ein, sich ein eigenes Bild zu machen.
Wie werden die Werke dem Besucher erklärt?
Wir setzen weniger auf klassische Erläuterungen als auf Erweiterungen. Zu der Arbeit „Turm der Namenlosen“ gehört beispielsweise ein Gedicht der Künstlerin, das wir an die Wand bringen. Das erklärt das Werk nicht im herkömmlichen Sinne, sondern öffnet eine neue Ebene. Tony Cragg handhabt das ähnlich – er verzichtet bei eigenen Ausstellungen manchmal sogar ganz auf Schilder, um die unmittelbare Wirkung der Skulptur nicht zu stören.
Rebecca Horn. Emotion in Motion | 14.3. bis 30.8. | Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal | 0202 47 89 81 20
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