Die Ausstellung befasst sich mit dem Austausch von Mathematik und Kunst. Sie ist eine Zusammenarbeit mit dem Universitäts-Sonderforschungsbereich Port-Hamiltonian Systems, der an der Schnittstelle von Mathematik, Ingenieurwesen und Physik forscht.
engels: Frau Pfeiffer, wird die Kunsthalle Barmen jetzt zu einem Zustandsraum für Kunsttheorie-Variablen? Physik, Mathematik und Flow.
Katja Pfeiffer: Also das Fach Physik betrifft es in diesem Fall nicht direkt. Die sogenannten Port-Hamiltonschen Systeme sind zwar ein mathematisches Forschungsgebiet im Grenzbereich zur Physik, aber wir kooperieren aktuell mit dem Sonderforschungsbereich „Port Hamiltonian Institute“ der Mathematik. Tatsächlich rückt das Programm der Kunsthalle damit genau in Themenbereiche vor, in denen wir daraus schöpfen können, eine ganze Universität im Hintergrund zu haben – was eine Besonderheit für eine Kunsthalle darstellt. Das führt zwar einerseits auch zu einigen organisatorischen Hürden, weil Universitäten ja nicht dafür ausgelegt sind, Kunsthallen zu betreiben. Aber es gibt andererseits riesige Chancen, weil wir eben beispielsweise Forschungsfragen der Naturwissenschaften verhandeln können. Deren Fragen werden durchaus auch von Künstler:innen behandelt, nur eben auf andere Art und Weise.
Wie bringt sich die Mathematik ein?
Die Mathematiker:innen haben sich erst einmal darum bemüht, uns völlig fachfremden Menschen aus der Fakultät für Kunst und Design zu erklären, was sie genau erforschen. Das war sehr spannend, weil man sich natürlichnormalerweise in dieser Spitzenforschung der anderen Fakultäten, was der Sonderforschungsbereich ja darstellt, normalerweise nicht auskennt. Das war unsere erste Begegnung. Und dann haben die Forscher:innen durchaus Ideen zu Kunstwerken eingebracht, die mit ihrer Forschung zu tun haben. Ein Hauptwerk, das wir in dieser Ausstellung zeigen, ist eines der sogenannten Strandbiester von Theo Jansen. Es war die Idee aus der Mathematik, diese komplexen mechanischen Gebilde zu zeigen, da sie sehr viel mit den Port-hamiltonschen Systemen zu tun haben. Ich habe dann Theo Jansen angefragt, der sich gefreut und uns eine seiner Maschinen geschickt hat. Das Strandbiest mit Namen Ordis wird unter der Anleitung von Jansens Sohn von Mathematikstudierenden und Kunststudierenden gemeinsam im Rahmen eines Workshops aufgebaut. Die Mathematiker:innen liefern dazu auch Texte und Erklärungen, damit die Gebiete umrissen werden, für die ihre Forschung relevant ist. Wir erhoffen uns, dass durch die Ausstellung eine große Nahbarkeit unserer beiden Forschungsfelder entsteht.
Joseph Beuys hätte eher auf Gesetze der Thermodynamik gesetzt, oder?
Ja, wahrscheinlich. Das ist aber ein anderes Feld. Vielleicht verhandeln wir das mal mit der Physik oder der Chemie. Da bieten sich derzeit ganz konkrete Chancen, denn viele Kolleg:innen der Universität entdecken, dass die Kunsthalle hierfür ein großartiger Möglichkeitsraum ist. Wir sind mit verschiedenen Forschenden im Gespräch.
Wie passt Thomas Rentmeisters Nutella in die Ausstellung?
Die Nutella-Installation stellen wir zur Enttäuschung meiner Kinder gar nicht aus. Wir zeigen Diagramme von Thomas Rentmeister. Die verhandeln aber in der Materialästhetik ähnliche Fragen wie die Nutella-Arbeiten – und nicht nur das. Es werden auch konzeptuelle Fragen verhandelt und die Besucher:innen dürfen sich davon überraschen lassen. Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass wir ihn für die Teilnahme an der Ausstellung gewinnen konnten.
„Effort + Flow“ – da zeigt sich die Kunsthalle Barmen als offenes Labor. Was ist noch zu sehen und warum?
Zum einen ist tatsächlich als Labor wieder unser Lab-Raum aufgebaut. Dort wird dann auch wieder eine Vielzahl von Veranstaltungen angeboten. Wie immer Family and Friends Days und so weiter. Aber diesmal haben wir zudem eine große Wand komplett als Tafel umgestaltet, auf der dann Tafelbilder der Mathematiker:innen entstehen sollen. Die haben an sich schon einen hohen ästhetischen Wert – auch, wenn sich nicht jedem Menschen erschließt, was sie bedeuten. Da werden wir also quasi das Tafelbild zur Kunstform erheben. Außerdem zeigen wir viele Arbeiten, bei denen es auf die ein oder andere Art um Formen der Energieübertragung geht.
Wie bei Fischli/Weiss?
Ja genau. Von Fischli/Weiss zeigen wir ihren „Der Lauf der Dinge“. Der ist zwar schon vielfach gezeigt worden, ist aber immer noch die beste mir bekannte Rube Goldberg Maschine. Das sind diese Apparate, die eine einfache Aufgabe absichtlich in viele unnötige, komplizierte Einzelschritte und Abläufezerlegen, die dann in einer Kettenreaktion ablaufen. Außerdem zeigen wir noch Zeichnungen zum Thema Vogelschwarm und Vogelflug von der Künstlerin Katja Davar, die sich direkt mit den Mathematiker:innen zusammengesetzt hat, um zu verstehen, was sie zu diesen Themen erforschen. Anschließend hat sie speziell für die Ausstellung eine Serie von Zeichnungen angefertigt. Wir haben eine riesige Rauminstallation von Sabrina Fritsch, die sie speziell für unsere Ausstellung konzipiert hat und der wir mit großer Vorfreude die Gelegenheit bieten konnten, einen gesamten Raum farbig zu gestalten. Ihre Arbeit zeigen wir in Kombination mit einem Projekt von Studierenden aus dem Design interaktiver Medien, die einer kleinen Roboterschar diverse Dinge beigebracht haben. Weitere schöne Arbeiten haben wir von Attila Csörgö und Philip Gröning. Wir haben aber auch performative Beiträge, etwa von Tanja Kodlin und Studierenden der BUW und vieles andere mehr.
Foto: Theo Jansen „Ordis“Mathematik und Kunst modellieren Wirklichkeit auf unterschiedliche Weise, heißt es. Trump macht das auch. Ist er vielleicht eigentlich Künstler?
Oh, das ist eine beängstigende Frage, die besser in das Podiumsgespräch der letzten Ausstellung gepasst hätte, in dem wir über die Kreativität der Zerstörung diskutiert haben. Was nach der Ära Trump noch übrig ist von der Wirklichkeit, das werden wir sehen.
Warum muss sich Kunst immer an bestimmte Schnittstellen begeben, reicht sie sich selbst nicht mehr aus?
Nein, die Kunst muss überhaupt nichts! Das Interesse an Schnittstellen setzen Künstler:innen oder Kurator:innen jeweils individuell und situativ, aber sie sind natürlich jeweils Teil ihrer Zeit. Ich glaube, es gibt Momente der Verdichtung. Momentan, würde ich sagen, gibt es vielleicht eine Hinwendung zu einer größeren Inhaltlichkeit, vielleicht auch wieder einer Politisierung der Künste. Das Nachdenken über die reine Abstraktion ist möglicherweise etwas in den Hintergrund getreten. Das gab es in anderen Zeiten stärker. Die Kunsthalle Barmen im Betrieb durch die Bergische Universität sucht auf jeden Fall Schnittstellen zwischen universitärer Forschung, der Kunst und dem Publikum der Stadt Wuppertal und darüber hinaus.
Effort + Flow – Mathematik und Kunst im Austausch | bis 29.3. | Kunsthalle Barmen, Wuppertal | 0202 43 90
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