Der Wuppertaler Künstler Carl Grossberg (1894–1940) ist ein bekannter Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Das Museum zeigt nun die erste Retrospektive seit über 30 Jahren.
engels: Frau Storm, manche Traumbilder von Carl Grossberg könnten Titelbilder früher Science-Fiction-Romane sein.
Anna Storm: Absolut. Die wenigen Traumbilder, die er zwischen 1925 und 1939 gemalt hat, sind schon sehr besonders und zeichnen ihn auch als einen besonderen Maler innerhalb der Neuen Sachlichkeit aus. Während Grossbergs Architektur- und Technikbilder deutliche Anschlüsse zur Neuen Sachlichkeit bilden, sind seine Traumbilder ein Ausnahmephänomen, einzigartig in ihren Themen und der Gestaltung. Mit der dichten Atmosphäre und den vielen Anspielungen wirken sie fast schon ein bisschen bedrohlich. Die Assoziation mit Science-Fiction kann ich durchaus nachvollziehen.
Der Mensch erscheint da immer winzig, oder?
Wenn überhaupt. Wie all seine Werke sind auch die Traumbilder meist menschenleer. Aber wenn der Mensch erscheint, dann ist er eher ein Nebendarsteller. Es geht viel eher um diese Magie der Dinge, um diese eigentümliche Aufladung der Objekte, die er ja aus unterschiedlichen Quellen zusammensetzt. Die Traumbilder sind fast wie Collagen, es gibt sehr oft auch Tiere in ihnen, die er aus einem Naturkundebuch entnommen hat, das er seit der Kindheit hatte.
Was macht seine sachlichen Bilder heute so besonders? Viele waren wohl auch sogenannte Auftragsarbeiten?
Ja, es gibt viele Auftragsarbeiten, die er gemacht hat, auch für die Industrie. Aber ich glaube, das Besondere heute und was uns in der Ausstellung auch so sehr gereizt hat, ist seine kühle, präzise Malweise, dieser sehr genaue, fast fotografische Blick auf seine Umwelt. Dadurch sind die Bilder zeitlos. Es gab wohl auch Zeitgenossen, die bei den Abbildungen seiner Werke gedacht haben, sie würden Fotografien sehen. Die Aquarelle andererseits haben etwas sehr Malerisches. Hier erkennt man, dass Grossberg auch ein gekonnter Kolorist war und frei mit Farbe und Strukturen umging. Diese Gegenüberstellung von Gemälden, Grafiken, Aquarellen und Fotografien macht die Ausstellung besonders spannend und lässt uns heute Grossberg neu entdecken.
War das damals auch eine Art Gegenposition zur Fotografie?
Ich weiß nicht, ob der Begriff Gegenposition nicht zu stark ist, denn eine richtige Gegenposition ist die Fotografie nicht, weil es doch viele Ähnlichkeiten gibt. Man spricht da vom sogenannten Neuen Sehen, was sich auch durch das Bauhaus mitentwickelt hat, wo auch Carl Grossberg ausgebildet wurde. Das Bauhaus war wichtig für seine Entwicklung, nicht nur als Maler, denn er verstand sich ja im Grunde genommen auch als Architekt. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte er Architektur studiert und dann Ende der 1920er-Jahre Raumgestaltungen übernommen. Das Bauhaus war dafür entscheidend, auch für die Entwicklung der Fotografie. Das Neue Sehen und die Neue Sachlichkeit teilten unter anderem dieses Nüchterne, Objektive.
Dieses Neue Sehen auf eine Art Magie der Dinge – ist das nicht ursprünglich ein fernöstlicher Ansatz?
Nicht ganz. Der Kunstkritiker Franz Roh hatte den Begriff des Magischen Realismus 1925 als künstlerische Strömung eingeführt und damit die Malerei nach dem Expressionismus versucht zu fassen. Daraus wurde dann der Begriff der Neuen Sachlichkeit.
Die Ausstellung in Wuppertal ist die erste Retrospektive seit über 30 Jahren und zeigt deshalb wohl auch eine Reihe bisher unbekannter Arbeiten?
Genau. 1994 gab es in Wuppertal eine Retrospektive zum 100-jährigen Geburtstag von Carl Grossberg. Seitdem wurde er kaum mehr gezeigt. In den letzten Jahren, wo die Neue Sachlichkeit in vielen bedeutenden Häusern gezeigt wurde, war Grossberg immer ein Teil des Diskurses, wurde aber nie vollständig beleuchtet. Unsere Ausstellung versteht sich als erste große Ausstellung des Künstlers seit 30 Jahren und wir konnten viele neue Aspekte darstellen, die vorher nicht bekannt waren. Die Ausstellung zeigt insgesamt 190 Werke, darunter rund 50 Gemälde und ein wirklich wunderbares Konvolut von 100 Grafiken und Aquarellen. Wir haben am Anfang nie damit gerechnet, dass wir auch viele Leihgaben aus den USA bekommen könnten.
Menschenleere Avus. Carl Grossberg, Berlin, AVUS, 1928, Öl auf Sperrholz, 44 x 70 cm, Privatsammlung SüddeutschlandWie wandert man durch die Ausstellung im Wuppertaler Museum?
Zunächst wird man mit Werken aus der Sammlung in das Thema der Neuen Sachlichkeit eingeführt, wir haben ja einen sehr schönen Bestand aus dieser Zeit. Das ist der Auftakt. Im nächsten Raum kommen wir dem Menschen Carl Grossberg auf die Spur. Da zeigen wir das einzige von ihm bekannte malerische Selbstporträt in Gegenüberstellung mit Porträts von August Sander. Danach gehen wir chronologisch durch sein Werk. Es gibt ein Thema zum Bereich Innenraumgestaltungen, die er Ende der 1920er-Jahre in Süddeutschland übernommen hat. Dann kommen wir zu dem Thema Stadt und Land, auch mit einer sehr schönen Reihe von Werken aus Amsterdam, wohin er 1925 eine Studienreise unternommen hat. Und dann zeigen wir die Traumbilder unddanach, sozusagen als abschließenden Höhepunkt, seine Maschinen- und Industriebilder. Als Epilog ganz am Ende gehen wir noch mal einen Schritt weiter, verlassen Carl Grossberg und zeigen die nächste Generation ab den 1950er- und 60er-Jahren und schauen, wie das Thema der Dingmagie sich in der nächsten Künstler:innengeneration fortgesetzt hat.
Ist das vielleicht auch ein Blick auf den schleppenden Strukturwandel in NRW? Als Ruf aus der Vergangenheit?
Ja, vielleicht ein Stück weit. Das haben wir jetzt nicht explizit in der Ausstellung so thematisiert, obwohl das ein Gedanke ist, der naheliegt.
Carl Grossberg | bis 30.8. | Von der Heydt-Museum | 0202 563 62 31
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