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Katharina Günther
Foto (Ausschnitt): Carsten Schmale

„Wir haben für alle Sinne etwas zu bieten“

30. April 2026

Kuratorin Katharina Günther über „Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf!“ in Solingen – Sammlung 05/26

Der Dadaismus übte antibürgerlich, anarchistisch und pazifistisch Gesellschaftskritik. Das Zentrum für verfolgte Künste zeigteine Ausstellung über politische Kunst zwischen den Weltkriegen.

engels: Frau Günther, leben wir in einer Zeit, in der Dada-Kunst und –Künstler:innen von einer großen deutschen Bevölkerungsschicht wieder als „entartet“ bezeichnet würden?

Katharina Günther: Ich hoffe nicht – natürlich leben wir nicht in der nationalsozialistischen Diktatur, die ausschließlich diesen Begriff verwendet hat. Trotzdem kann ich nicht für die deutsche Bevölkerung sprechen, wie sie Dada heute findet und bewertet. Ich kann aber sagen, dass wir im historischen Kontext der Weimarer Republik schauen, wie Dada angenommen wurde. Und da sehen wir, ob und wie die Künstler:innen etwa mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind und dass sich die Polizei vielleicht bei einigen Aktionen mal eingeschaltet hat. Wir schauen natürlich auch, was ab 1933 mit den Dadaist:innen geschehen ist. Und ich finde, da müssen sich alle Besucher:innen ihr eigenes Bild machen und ihre eigene Meinung bilden, auch vor dem Hintergrund der historischen Geschehnisse. Was darf man sagen, was darf man zeigen?

Dada war in all seinen Erscheinungsformen immer hochpolitisch. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Kunstform sogar das Oval Office in Washington erreicht hat.

(lacht) Unsinn, Humor und Satire sind ja Stilmittel desDada. Ein Schelm, wer Böses bei unserer Ausstellung denkt. Und wenn man genau hinschaut, dann findet man bestimmt an der einen oder anderen Stelle, hier und dort, mehr oder weniger deutliche Bezüge zu der heutigen Zeit.

Welche so genannten Kampfmittel der Kunst sind im Zentrum für verfolgte Künste zu bestaunen?

Die Mission des Zentrums für verfolgte Künsteistja nicht, die Kampfmittel der Kunst offenzulegen, sondern es geht vor allem darum, die Kampfmittel der Politik gegen die Kunst darzustellen. Die verbotenen und verfolgten Künstler:innen, auch die verschollene Generation zu zeigen und deren Geschichten zu erzählen. Und die haben ja nicht immer nur explizit politisch oder gegen das Regime gearbeitet; manchmal hat es einfach ausgereicht, dass sie existierten, dass sie vielleicht die falsche politische Einstellung hatten oder einfach nur Jüdinnen oder Juden waren. Oder sie haben einfach nur Kunst gemacht, die inhaltlich oder stilistisch dem Regime nicht gepasst hat. Das wurde dann einfach von der anderen Seite als Kampfmittel angesehen, war aber von den Künstler:innen gar nicht so intendiert.

Welche Künstler:innen sind in der Ausstellung zu sehen?

Da haben wir tatsächlich das Who is who der Dadaist:innen zusammengetragen, von Hannah Höch über Kurt Schwitters. Zu sehen sind Hugo Ball und Rudolf Schlichter, aber auch George Grosz und John Heartfield, den viele kennen werden. Wir haben die ganze Bandbreite in der Ausstellung, auch die Künstler:innen, die Bücher und Lyrik verfasst haben wie Walter Mehring oder Walter Serner, aber auch Vertonungen von Gedichten wie Schwitters‘ „Ursonate“. Wir haben als Zentrum für verfolgte Künste aber auch Bühnenkunst undPerformances zu bieten, darunter Faksimiles von Marionetten von Sophie Taeuber-Arp und einen Film, in dem man Valeska Gert sehen kann, wie sie in den 1920ern tanzt. Wir haben also für alle Sinne etwas zu bieten.

Was wäre die wichtigste Arbeit in einer Ausstellung über politische Kunst zwischen den Weltkriegen?

Also die interessanteste und an der man ganz, ganz viel festmachen kann, was wir mit dieser Ausstellung zeigen möchten, ist vielleicht eine Rekonstruktion des „Preußischen Erzengels“ von Rudolf Schlichter und John Heartfield. Das ist ein Objekt, eine ausgestopfte Militäruniform, wir haben natürlich nur einen Nachbau, denn das Original existiert nicht mehr. Auf diese Uniform hatten die beiden Künstler dann einen Schweinskopf montiert, vielleicht aus Pappmaché oder einem anderen Bastelmaterial. Der hatte auch noch eine Mütze auf, da hing ein Schild dran, dass man das Objekt nur verstehen kann, wenn man das Tempelhofer Feld rauf und runter marschiert. Das hängt bei uns an der Decke und das hing im Original 1920 in der Internationalen Dada-Messe in Berlin. Das zeigt natürlich ganz deutlich, was die Dadaist:innen in der Weimarer Republik über den Militarismus dachten, was die aber auch für einen Humor hatten und wie bissig die waren, aber natürlich auch wie böse. Die Justiz hat prompt reagiert und die beiden wurden wegen Verunglimpfung des Militärs angeklagt und mussten sich erklären, weil man da keinen Spaß verstand.

Wie viel Erklärung neben dem Kunstwerk braucht Dada nach 100 Jahren?

Weniger als man denken könnte, weil sich viele Sachen auch heute noch von selbst erklären. Wenn man sich beispielsweise einmal die Vertonung von Hugo Balls „Totentanz“, 1916, anhört – das ist eine satirische Umdichtung eines Militärliedes aus dem ersten Weltkrieg – wo dann beispielsweise steht, dass man marschiert, bis sich das Gelenk aus dem Hüftbein dreht und dass es sich bei fröhlichem Gesang schön sterben lässt, dann muss man eigentlich nicht mehr viel erklären. Das hört man sich an und versteht das sofort. Auch die satirischen Zeichnungen von George Grosz, wo die Militär-Bonzen und die Gewinner der Weimarer Republik mit ihren dicken Bäuchen, dicken Zigarren und dicken Uhrenketten zu sehen sind und ihnen gegenüber der müde, arme, abgemagerte Arbeiter steht, auch da braucht es gar nicht mehr Text daneben.

Titel der Ausstellung: „Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf!“ Was glauben Sie, wie bringt man so eine Aussage heute unter das Volk?

Wir hoffen, dass wir auch mit dem Titel schon ein bisschen kitzeln und provozieren. Vielleicht wird so das Publikum auch ein bisschen neugierig gemacht und vermutet, dass die Ausstellung auch etwas mit dem Heute oder auch mit ihnen zu tun haben könnte. Damit wollen wir die Besucher:innen dann anlocken.

Unbekannter Fotograf, Installationsansicht, Erste Internationale Dada-Messe 1920, Abbildung aus Dada-Almanach, hg. von Richard Huelsenbeck, Berlin 1920, Sammlung Wassermeyer

Vielleicht lockt auch Rocko Schamoni die Leute ins Museum?

Bestimmt, denn der Rocko Schamoni passt ganz hervorragend zur Ausstellung. Der interessiert sich ja nicht nur für Kunst und kennt natürlich Dada. In seiner eigenen Arbeit hat er durchaus Themen und Stilmittel weiterverfolgt, die Dada ja auch schon genutzt hat. Er ist ja einerseits Teil von Studio Braun mit Heinz Strunk und Jacques Palminger, und wenn man überlegt, was die für unglaublich lustige und absurde Telefonstreiche gemacht haben, dann sieht man da schon diesen Dada-Nonsense durchblitzen. Andererseits hat Rocko Schamoni auch ein Gespür dafür, wie wirkungsvoll Humor und Satire auch als Kampfmittel sind. Er kommt ja aus der Punk-Bewegung, einer Musikrichtung,die sich in Großbritannien auch gegen die damalige Regierung gewendet hat. Da gibt es also viele Anknüpfungspunkte und ich bin total gespannt, wenn ich mich mit ihm ein bisschen über Dada unterhalte, über die Ausstellung, aber auch über seine eigene Arbeit und wieso Dada für heute noch relevant ist.

Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf! | 9.5. bis 13.9. | Zentrum für verfolgte Künste, Solingen | 0212 23 37 47 52

Interview: Peter Ortmann

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