Farbe war sein Lebenselixier – speziell Rottöne in allen Schattierungen, von Orangegelb bis Pink. Rupprecht Geiger (1908–2009) ist berühmt für seine betörend intensive Farbfeldmalerei. Die Farbe war ihm alles, sein Lebenswerk zeugt von großer Konsequenz. Die Retrospektive im Emil Schumacher Museum zeichnet nun Geigers künstlerische Entwicklung in die Farbabstraktion nach. Den Münchner Maler in Hagen zu zeigen, ist naheliegend. Schumacher und Geiger kannten sich und schätzten das Werk des anderen, trotz oder wegen ihrer Verschiedenartigkeit. Hier Schumachers Informel, seine expressive pastose Malweise, dort Geigers dünn aufgetragenen oder gesprühten monochromen Farbverläufe. Beide tauschten Werke. So startet die Geiger-Ausstellung auch in der aktuellen Schumacher-Präsentation im ersten Stock mit einer Gegenüberstellung zweier Bilder, die ganz unterschiedliche Ansätze abstrakter Malerei offenbaren. Die zweite Etage gehört allein Geigers Œuvre in einer Auswahl von rund 60 Werken aus allen Schaffensjahrzehnten, die meisten aus dem kooperierenden Archiv Geiger, München.
Es bietet sich an, den chronologischen Rundgang im zentralen Kabinett zu starten: bei farbig illustrierten Kriegstagebüchern und ersten Landschaftsaquarellen des Soldaten Geiger Anfang der 1940er-Jahre. Ins Auge fallen die farbenprächtigen Himmelszonen in sonnigem Orange, denen der Autodidakt besonders viel Beachtung schenkte. Auch frühe surrealistische Experimente zeigen eine Vorliebe für Farbverläufe in der Hintergrundgestaltung und für außergewöhnliche Bildformate. Als Geiger Ende der 1940er seinen Architektenberuf aufgab, um sich als freier Künstler ganz der Farbe zu verschreiben, verbannte er letzte abbildhafte Verweise. Und wechselte von matter Eitempera als erster Künstler zu neuer Acrylfarbe aus künstlich hergestellten Tagesleuchtpigmenten von enormer Strahlkraft.
Diese ikonischen Bilder brachten in den 1960ern den Durchbruch und sind das Highlight der Schau. Rundformat, eckig oder aufgerollt, darauf kreisrunde oder formatfüllende Farbe pur, satt, sinnlich: An den hohen weißen Wänden der Haupthalle können die Großformate ihre volle Wirkung entfalten – eine Einladung ins visuelle Farbenbad. Und ein Jungbrunnen für den Künstler selbst, der noch mit über 100 Jahren an der Staffelei stand.
Rupprecht Geiger: Farbe - Licht – Energie | bis 7.6. | Emil Schumacher Museum, Hagen | 02331 207 31 38
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