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„Der gute Mensch von Sezuan“
Foto: Klaus Lefebvre

Der Kippmoment des Kapitals

27. April 2017

Maik Priebe inszeniert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Wuppertaler Oper – Auftritt 05/17

Ein Elektroset im Orchestergraben. Eine mächtige schwarze Schräge als Bühne, nix drauf. Der Sequenzer legt los, ein paar Menschen tauchen auf. Das soll die chinesische Provinz Sezuan sein? Und drei Götter? Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ ist im Wuppertaler Opernhaus mal so richtig reduziert worden. Der Musiker Stefan Leibold reibt unten noch die elektrifizierten Metallstangen, oben sucht der Wasserverkäufer Wang (Stefan Walz) bereits nach einer Unterkunft für die drei Sandgestrahlten, die bewiesen haben wollen, dass auch gute Menschen auf der Erde leben. Tja. So einfach ist das nicht und eigentlich ziemlich modern. Götter muss man aushalten, nicht ertragen, sondern bezahlen. Das ist heute nicht anders. Bei der Prostituierten Shen Te (Lena Vogt) wird Wang fündig, nachdem er mehrfach von wohlhabenderen Menschen abgewiesen wurde. Auch das dürfte den heutigen Zeitgeist phänomenal treffen.

Maik Priebe
Foto: Cathleen Leu

Zur Person
Maik Priebe studierte Regie in Berlin. Er inszenierte bereits am Staatstheater Kassel, am Deutschen Nationaltheater Weimar und am Burgtheater Wien.


Das Bühnenbild besorgt das Tanzensemble (zehn junge Tänzerinnen und Tänzer) selbst, einzeln oder in Massen, als Passanten, Hochzeitsgäste, als Wände oder Dach oder als wilde Choreografie als Bildtrenner. Maik Priebe scheint sich im positiven Sinne vor der pädagogischen Fuchtel des alten Brecht zu fürchten, der diese Parabel ja nicht mal alleine verzapfte, Ruth Berlaus und Margarete Steffins haben mit ihm zwei Jahre lang die griechische Sage von Philemon und Baucis und Zeus und Hermes und dem alten Bibelstar Lot gemischt und das epische Lehrstück daraus entwickelt. Die Welt ist schlecht, also lasst uns in den Morgen tanzen. Ist die Not auch groß, nur mit Glück kommt man da nicht unter die Räder. Hit the dancefloor. Aber Paul Dessau, den hört man raus, möge das präparierte Klavier auch noch so scheppern und das „Neubauten“-Percussions-Equipment noch so quietschen. Diese „Modernisierung“ soll dankenswerterweise von den Erben erlaubt worden sein.

Shen Te wird von den Göttern – nach langer Diskussion natürlich – fürs Nachtquartier göttlich bezahlt, das kleine Vermögen steckt sie in einen eigenen Tabakladen, ohne die Mechanismen des Marktes zu kennen und die Habgier der Besitzenden. Außerdem muss sie immer mehr Mäuler stopfen, die gutherzige Shen Te, die sich irgendwann nicht mehr zu helfen weiß und in den abgezockten Vetter Shui Ta verwandelt. Ohne eine Schauspielerin wie Lena Vogt wäre das in einer solchen Inszenierung sicher in die Hose gegangen, aber ihr Spiel strukturiert mit der immer präsenten Tanzchoreografie den ganzen Abend. Aber erst einmal muss sie den stellungslosen Flieger (Lukas Mundas) überleben, der seinen Traum mit ihrem Geld bezahlen will, sie muss die Hausbesitzerin (Miko Greza, wie immer sehr wandlungsfähig und ein bisschen tuntig) in Schach halten und gerät bei dem alten, freundlichen Teppichhändler-Ehepaar ungewollt in die Schuldenfalle. Die Zukunft sieht alles andere als rosig aus. Priebe spielt hier mit den Charakteren und den Mehrfachrollen, Chinesen sehen eben alle gleich aus, nein, böser Scherz, Wang versucht ja zu helfen, doch die Götter bleiben hart, dem Engel der Vorstädte wird nicht geholfen, hilf dir selbst und wachse an den Problemen, genau, so könnten wir heute auch unsere Sozialstaat-Ausgaben locker sanieren. Und dass das alles noch so modern klingt, ist eigentlich ein Armutszeugnis für die westliche Demokratie, dass das so modern aussieht sicher der gelungenen Ästhetik von Regie, Bühne (Susanne Maier-Staufen – auch Kostüme) und Dramaturgie (Susanne Abbrederis) geschuldet, die gutes Wasser auch im Regen kaufen würde. Shen Te bezahlt ihre Liebe zum Flieger mit neuer Not. Pause.

Bert Brecht taucht auf mit Flöte und Hütchen, das Ballett gibt Gas, Götter sind scheiße. Klar. Wer war wieder Schuld? Genau. Die Verhältnisse. Wie es ist, bleibt es nicht, Shen Te als Shui Ta hat die Produktionsmittel nun in der Hand, die arbeitende Bevölkerung, die Mittelklasse auch, der Kapitalismus boomt, die schnieken Götter verlassen den Olymp, mischen und trampeln sich ins Publikum. Die Last der guten Vorsätze bringt alles zum Einsturz. Nur Shen Te steht noch auf der Bühne. Allein. Ja, die Verhältnisse. Den Epilog gibt’s als grünen Zettel (Hoffnung?). Man möge sich das Ende selber denken. Vielleicht wäre eine Revolution mal wieder ganz hilfreich – oder doch der Untergang bevor es Nacht wird.

„Der gute Mensch von Sezuan“ | R: Maik Priebe | Sa 6.5., Do 1.6. 19.30 Uhr, So 7.5. 18 Uhr | Oper Wuppertal | 0202 563 76 66

Peter Ortmann

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