Eine einmalige Werbeaktion soll es gewesen sein, so zumindest Sven Lauer, bekanntes Gesicht der Salafistenszene in Wuppertal, über die Aktion von einem guten Duzend Anhängern der ultrakonservativen Strömung im Islam. Anfang September waren die mit selbstgebastelten Westen als „Scharia Police“ vor Diskotheken patrouilliert, um Jugendliche vor Verfehlungen wie Drogen, Alkohol, Musik, Pornografie usw. zu warnen. Das mediale Echo kann sich sehen lassen, es reicht bis nach Berlin; von so einer Wirkung können die braven Zeugen Jehovas, die uns still stumm mit dem Heftchen in der Hand erwecken wollen, nur träumen. Missionarischer Eifer ist letzten Endes eben auch nur geschickte PR. Aber Octave, Anti-Held aus der zynischen Film-Persiflage der Werbeindustrie „39,90“ und somit echter Marketingexperte, hat schon Recht, wenn er angesichts seines Jobs sagt: „Kein verantwortungsloser Idiot hatte in den letzten 2.000 Jahren so viel Macht wie ich.“ Werbung vereinfacht komplexe Inhalte, denkt schwarz-weiß, spart aus, diffamiert subtil die Konkurrenz und lebt in erster Linie von Manipulation. Insofern Respekt, dass die Protagonisten der oben erwähnten
Kampagne diese auch aufrichtig als das bezeichnet haben, was sie ist. Religiöser Fundamentalismus ist ebenso ein internationales Politikum wie das derzeit stark debattierte Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU, kurz TTIP. Anlässlich des europäischen Aktionstages gegen TTIP, der am 11. Oktober stattfinden wird, heißt unser Thema FREIER HANDEL und versucht, negative wie positive Haltungen zum TTIP aufzuzeigen und den möglichen Einfluss, den TTIP auf Kommunen wie Wuppertal haben könnte, zu skizzieren.
Richtig zur Sache geht es auch am THEATER DORTMUND, wo Regisseur Kay Voges den HAMLET splattert, während an der Wuppertaler Oper kommunale Kulturpolitik im Spotlight steht, wenn Stefano Poda mit TOSCA die erste Saison ohne eigenes Ensemble eröffnet. Die freie Tanztruppe BODYTALK choreografiert mit JEWROPE ein kontroverses Stück politischen Tanztheaters.
Weniger kulturpolitisch als kulturgeschichtlich widmet sich das KUNSTMUSEUM SOLINGEN unter dem Titel ROSS OHNE REITER dem Pferd in der Kunstgeschichte der Gegenwart. Erschreckendes vermittelt hingegen das Bonner FRAUENMUSEUM mit seiner neuen Ausstellung SINGLE MOMS, die leidvolle Geschichte alleinerziehender Mütter durch die Jahrhunderte dokumentiert.
Der Genozid an den Armeniern 1915 bietet das historische Passepartout für THE CUT. Vor diesem breitet FATIH AKIN sein neues Werk aus. Im Gespräch zum Film berichtet er von seinen ästhetischen und narrativen Entscheidungen. Auch Christian Petzold beschäftigt sich mit historischem Stoff, allerdings ist hier Deutschland im Jahre Null nach dem Zweiten Weltkrieg die Folie, vor der er unseren Film des Monats PHOENIX inszeniert. Wer zu guter Letzt von unserem Interview mit Florian David Fitz doch noch ein bisschen leichtere Kost erwartet, wird leider enttäuscht werden. Im Roadmovie HIN UND WEG spielt er einen ALS-Kranken. Erleichterung hat er also künstlerisch in keiner Hinsicht zu bieten, der deutsche Herbst. Aber auch das ist vielleicht eine historische Kontinuität.
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