Geburt, das klingt nach unveränderlicher Natur. Wie wir zur Welt kommen, ist aber auch geprägt durch Ideale, Technik, Bürokratie und Budgets. Eine Instanz kennen wir, die eine verlässliche Größe sein sollte, um „das Wunder Geburt“ einfühlsam und souverän zu begleiten: die Hebamme. Ausgerechnet um Hebammen ist es aber schlecht bestellt. In Deutschland sollen rund 23.000 Hebammen arbeiten, in NRW bis zu 5.000 – männliche Entbindungspfleger lassen wir mal außen vor; bis zu sechs von ihnen soll es in Deutschland geben.
In Kliniken geraten Hebammen unter höchsten Druck, wenn sie mehrere werdende Mütter zugleich betreuen und entscheiden müssen, wem die Aufmerksamkeit als nächstes gelten soll – vielleicht der in Wehen liegenden Mutter, der just gebärenden oder der, die gerade ihr Kind verloren hat? Freiberufliche Hebammen sehen sich zudem kaum in der Lage, die jährliche Berufshaftpflichtversicherung von rund 8.000 Euro zu bestreiten, die sich damit seit 2002 verzehnfacht hat. So bieten viele nur eingeschränkte Dienstleistungen an oder arbeiten nebenberuflich. Das hat enorme Auswirkungen darauf, wie Kinder zur Welt kommen.
Auf die Betreuung durch eine Hebamme gibt es einen gesetzlichen Anspruch. Bis in die zwölfte Woche nach der Geburt soll eine Hebamme ihren Aufgaben nachkommen: Vorbereitung auf die Geburt, Umgang mit Komplikationen, Betreuung am Wochenbett. Werdende Eltern haben allerdings Mühe, unter den wenigen Hebammen überhaupt eine zu finden, die Schwangerschaft und Geburt begleiten kann. Dabei sollten doch Charaktere zueinander passen, damit sich Vertrauen aufbauen kann, das es braucht, damit heikelste und intimste Berührungen stressfrei möglich sind; damit der Kopf frei ist, Fragen zu stellen. Wie sonst sollte es selbstverständlich sein, zur Ruhe zu kommen, auf die Signale des sich verändernden Körpers zu hören und das Werden des Kindes bewusst zu erleben, also: Schwangerschaft zu genießen?
Der Verlust an Entscheidungsfreiheit bedeutet auch, dass die Frage, wo das Kind zur Welt kommen soll, kaum gestellt zu werden braucht: 98% der Geburten erfolgen in Kliniken. Es ist fraglich, ob das Interesse an alternativen Geburtsorten wie dem eigenen Wohnzimmer bei bestenfalls zwei Prozent liegt. Mit dem Mangel an Hebammen, vollberuflichen zumal, wäre eine erhöhte Nachfrage nach alternativen Geburten jedenfalls nicht zu bedienen.
In unserem Monatsthema GEBURTS-TAG möchten wir wissen, was unter diesen Umständen von der alten Hebammenkunst geblieben ist, welche Ansprüche an moderne Hebammen gestellt werden, wie Hebammen ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden können und wo Hebammenkunst und moderne Gerätemedizin einander ergänzen oder in Konflikt geraten.
Das Ideal einer selbstbestimmten Geburt, die Freiheit zu entscheiden, wie und wo unsere Kinder zur Welt kommen – wir möchten es nicht aufgeben.
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