„Ich finde es komisch“, beantwortet Anne Lepper die Frage, in welches Gen- re das von ihr geschriebene Theaterstück „Käthe Hermann“ passt. „Komisch heißt nicht lustig. Das ist ja kein Witz.“ 2010 wurde „Käthe Hermann“ veröffentlicht, sorgte bereits in Berlin und Bielefeld für volle Häuser und wird jetzt am Kleinen Schauspielhaus gezeigt. Der Inhalt ist schnell erzählt: Diese Käthe Herrmann (Sophie Basse) ist eine alte Frau. Und Witwe. Sie ist sehr arm und lebt mit ihren beiden erwachsenen Kindern Irmi (Ann Catherine Studer) und Martin (Lutz Wessel) in einem symbiotischen Verhältnis in einem vom Abbruch bedrohten Haus.
Dialoge voller Treffer
Dass es ohne den Traum vom Glück nicht geht, auch wenn man weiß, dass manche Wünsche pure Illusion sind, ist das Thema der viel gelobten, 34 Jahre alten Autorin, die in Wuppertal lebt. Familie Hermann träumt davon, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Allerdings kennt sie das, was sie für „die Gesellschaft“ hält, nur aus dem Fernsehen. Es gibt philosophische Fragen, die sich nur schwer beantworten lassen. Die Frage nach dem Glück ist eine davon. Was es mit Ausflüchten, Schwindeleien und Lügen auf sich hat, ist eine andere. Für manchen sind sie das tägliche Brot, speziell in der sogenannten Lebenslüge kann man sich regelrecht einrichten. Wenn es gut läuft, trägt ein Konstrukt diese eigene Welt, beispielsweise die Familie.
Natürlich, es hat nie jemand behauptet, es sei einfach, als Familie das Glück zu finden. Jedenfalls sind die Theaterstücke voll davon, was alles schiefgehen kann. Inmitten der vom Wind des Schicksals schief gewehten Existenzen blickt beispielsweise der Handlungsreisende Willy Loman nur selten der Wahrheit ins Auge. Lieber beflügelt man sich und die Seinen mit Begeisterungsrhetorik, die winzige Erfolge zu gewaltigen Fortschritten aufbläst. Oder Martha und George aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, die im gegeneinander geführten Krieg offensichtlich nur durch eine gemeinschaftliche Erfindung eine einzige Gemeinsamkeit hatten: den nicht existenten Sohn.
„Es sind lauter schräge, eigentlich schon im Voraus gescheiterte Existenzen“, sagte John von Düffel über die eigensinnigen Charaktere aus „Käthe Hermann“, „die aber doch durch die Art und Weise, wie sie denken und ihre verrückten Wünsche formulieren, den Zuschauer faszinieren, ihn einnehmen und ihn ins Mark treffen können.“
Verknappte Sätze, die für sich sprechen
Der in Wuppertal lebende Jakob Fedler, ebenfalls Jahrgang 1978, inszeniert das Stück. „Bei der ersten Leseprobe war Anne dabei“, bei der eigentlichen Probearbeit aber hält sich die ebenso talentierte (sie wurde von der Kritikerjury des Fachblatts „Theater heute“ zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres gewählt) wie scheue Autorin vollkommen heraus. „Das ist nicht meine Aufgabe.“ „Wir halten uns sehr an die Textvorgaben“, sagt Jakob Fedler. Was kommt heraus, wenn man ein Stück vom Blatt spielt? Etwas sehr Spannendes. „Diese beiden Utopien der Käthe Herrmann stehen im Mittelpunkt. Nämlich eine tolle Familie zu haben, in der sie die beste Mutti der Welt ist, und ihren Karriereträumen nachzuhängen.“ Es sind Zukunftsvisionen. „Das Stück lebt von Behauptungen“, so Fedler. „Käthe definiert ihre Welt.“ Eine böse Figur sei sie nicht, eher jemand, der in seinem eigenen Kokon lebt. „Alle sind immer auf der Bühne. Da gibt es kein Entkommen.“ Das sei tragischkomisch, findet der Regisseur. Nein, ein lokaler Bezug zu Wuppertal würde in „Käthe Herrmann“ nicht hergestellt, sagt Jakob Fedler. Und dann, nach längerem Zaudern und großem Zögern, sagt diese große Schreibpersönlichkeit Anne Lepper, die so ungerne mit Fremden zu sprechen scheint, dass die Bedrohung im Stück, nämlich der drohende Abriss des Hauses, doch etwas mit Wuppertal zu tun haben könnte: nämlich mit der Schließung des Schauspielhauses.
„Käthe Herrmann“ von Anne Lepper | R: Jakob Fedler Kleines Schauspielhaus | Do 6.12./Sa 8.12. 20 Uhr www.schauspiel-wuppertal.de
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