Das Stück nach E. T. A. Hoffmanns 1816 erschienenem Kunstmärchen handelt von Nathanael, der seit seiner Kindheit vom Tod des Vaters und Erzählungen vom grausamen Sandmann traumatisiert ist. Nathanael ist verliebt in die schöne, aber gefühllose Olimpia. Als sie sich als Automat in Menschengestalt entpuppt, verfällt er dem Wahnsinn.
engels: Herr Dahlem, der Titel „Der Sandmann“ hört sich erst einmal an, als gehe es um ein erwachsen gewordenes Sandmännchen, oder?
Karsten Dahlem: So klingt das erst einmal. Aber es geht eigentlich um ein groß gewordenes Kind, das ein Trauma mit dem Sandmann verbindet.
Ihre Version des Sandmann-Stoffes heißt „nach E.T.A. Hoffmann“. Was ist gestrichen worden am Stück?
Wenn ich solche Stoffe angehe, dann versuche ich sie natürlich so heutig wie nur möglich zu erzählen. Gleichzeitig achte ich in meiner Fassung darauf, wie ich es später inszenieren will. Klassiker von Goethe, Schiller, aber auch von E.T.A. Hoffmann haben eine Daseinsberechtigung. Es gibt einen Grund, warum sie heute noch auf der Bühne gezeigt oder verfilmt werden. Gleichzeitig gibt es aber Dinge, die man unbedingt ins Heute übertragen muss, denn die Welt hat sich verändert. Bei E.T. A. Hoffmann ist das zum Beispiel, was im Arbeitszimmer des Vaters passiert ist. Was haben die beiden Männer da ,,gebaut’’, als Nathanael sie erwischt hat? Ich versuche also, so viel wie möglich aus dem Original zu lassen, aber auch zu aktualisieren. Hajo Wiesemann als mein Musiker hilft mir bei der Übertragung von Emotionen und am besten live. Da bewegen wir uns zwischen Klassik, House, Pop und Techno.
Die Geschichte von menschlichen Automaten ist sehr alt. Einer der Kerne des Märchens wird immer moderner, siehe Firmen wie bspw. Boston Dynamics (entwickelt z.B. autonome Laufroboter, d.Red.). Kommt E.T.A Hoffmann auch deshalb wieder ins Theater?
Vielleicht. Viele Menschen benutzen die KI. Einige verweigern sich. Aber ich denke, das ist nur eine Frage der Zeit. Wie damals bei der Einführung des Internets oder beim Smartphone. Die KI wird nicht mehr verschwinden. Im Gegenteil, man muss mit ihr umgehen lernen, bedacht, bewusst und dabei seinen normalen Menschenverstand nicht vergessen.
Ist in Ihrer Inszenierung in Wuppertal die mechanische Puppe eher ein Androide?
Bei uns ist die Puppe tatsächlich eine Art KI, in einer vermenschlichten Form. Es gibt ja seit langem Filme, die diese Thematik transportieren. Ich denke beispielsweise an Maria Schraders Film „Ich bin dein Mensch“ von 2021. Eine Frau verliebt sich in einen Roboter. Bei E.T.A Hoffmann ist das ähnlich. Nathanael verliebt in eine Puppe, einen Automaten.
Kann die Bühne heute überhaupt gegen Hollywoods Androiden-Visionen von „Metropolis“ über „Blade Runner“ bis „I, Robot“ konkurrieren?
Das ist eine häufig gestellte Frage. Klar, aber das lässt sich schwer vergleichen. Die Bühne macht´s halt anders. Wir haben andere Mittel, wir sind unmittelbar. Es ist ein Live-Erlebnis. Im Gensatz zu einer Serie oder einen Kinofilm sind bei uns echte Menschen auf der Bühne. Die Zuschauer:innen können angesprochen werden, sind unmittelbar dabei. Das ist ein ganz großes Pfund des Theaters.
Denkt man bei der Inszenierung das mögliche Alter des Publikums mit?
Wenn ich inszeniere, möchte ich nicht den Eindruck haben, dass die Erwachsenen, die Kinder oder Jugendliche begleiten, sich langweilen. Ich möchte, dass für alle was dabei ist.
Wie gruselig wird das Stück werden?
(lacht) Das kann ich Ihnen noch nicht ganz beantworten, wir proben ja erst seit drei Tagen. Aber es ist schon sehr düster, es geht ja auch um ein Trauma. Aber ich bemühe mich, auch die Höhen auszuleuchten, die guten Tage, denn die gab es. Ich will die Figuren so weit ins Heute ziehen, dass man versteht, warum das so passiert. Es muss eine ganz starke Liebesgeschichte zwischen Clara und Nathanel stattfinden, damit mir das auch weh tut, wenn sie sich trennen, wegen einer KI.
Wie sieht es mit den Schulaufführungen aus, ist das Stück auch was für die Jüngeren?
Das Theater kündigt das Stück ab 15 plus an.
E. T. A. Hoffmans Psychodrama von 1816 ist nicht gerade lang. Ist die Wuppertaler Opernbühne dafür nicht ein bisschen zu groß?
E. T. A. Hoffmann hat tatsächlich ein sehr kurzes Stück geschrieben. Aber besser kurz und knackig als lang und langweilig. Ich mache mir darüber aber eigentlich keine Gedanken. Ein großer Raum wie die Oper ist super dafür. Er bietet viele Vorteile auch für das Bühnenbild von Claudia Kalinski. Ich muss ihn natürlich füllen können. Aber ich bin lieber auf einer großen Bühne als auf einer kleinen.
Der Sandmann | 21. (P), 22., 28.2., 13.3., 11.4., 17.5., 10.6., 11., 17.7. | Opernhaus Wuppertal
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