Komponist und Librettist sind in der Regel ein Team. Man unterhält sich miteinander, geht auf Vorschläge, Ideen, Vorstellungen ein, bis schließlich Text und Musik eine Symbiose eingehen. Paradebeispiele sind etwa Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte oder im letzten Jahrhundert Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann. Auch im Barock gab es solche Duos.
1735 entstand die Oper „Griselda“ in Zusammenarbeit von Antonio Vivaldi mit dem italienischen Komödiendichter und Librettisten Carlo Goldoni. Es geht um die einst arme Schäferin Griselda, die mit Gualtiero, König von Thessalien, verheiratet ist. Er will sich von ihr scheiden lassen und Constanze heiraten, ohne zu wissen, dass es sich um seine Tochter handelt, die er nach ihrer Geburt dem Grafen Corrado in Athen übergab, um sie von ihm aufzuziehen zu lassen. Sie jedoch liebt Roberto, Corrados jüngeren. Und Griselda wird von Gualtieros Höfling Ottone angeschmachtet. Mit im Spiel ist das Kind Everardo in einer stummen Nebenrolle. Es geschehen einige Liebesdreiecke und Verwirrungen bis zu guter Letzt Griselda und Gualtiero wieder zueinanderfinden sowie Constanza und Roberto heiraten dürfen.
Selten gespielt
Dieses dreiaktige „Dramma per musica“ wurde lange nach der Uraufführung nicht wiederaufgenommen. Erst 1978 gab es außerhalb Italiens in London eine erste moderne Aufführung, in den USA sogar erst 2000. Bis heute ist das Stück in Opernhäusern selten zu erleben. Eine Ausnahme macht nun die Wuppertaler Oper. Sie hat mit der Neuinszenierung die britische Regisseurin Mathilda du Tillieul McNicol beauftragt, die diese Geschichte in das Hier und Jetzt verlegt.
Gualtiero ist der CEO eines TECH-Unternehmens. Seiner Gattin Griselda hat er einst einem Nachtclub begegnet, wo sie als Tänzerin wirkte. Die anderen Figuren sind Angestellte der Firma. Die Handlung findet auf zwei, von Noemi Daboczi geschaffenen, Drehbühnen statt. Auf ihnen befinden sich ein Firmenbüro, Kinder- und Schlafzimmer, Treppenhaus, eine Wohnküche und den Nachtclub. So wechseln die Szenerien andauernd und schnell. Die Bühnenbildnerin zeichnet auch für die aktuelle Kleidung der Personen verantwortlich. Nur die Titelfigur kommt mit solchen Hosen und kurzen Haaren daher, als befände sie sich noch in einer vergangenen Zeit der Emanzipation, als dieser Look chic war und ein Glimmstängel nach dem anderen gequalmt wurde, wie es auch ihre Art ist. Schlüssig, nachvollziehbar und unterhaltsam wird das Geschehen präsentiert. Verändert hat sich zudem Griseldas Charakter, der nun sehr selbstbewusst ist und sich auf Augenhöhe mit dem Gualtieros befindet. Constanza ist nicht mehr die Tochter der beiden, sondern nur noch eine Praktikantin des Unternehmens. Everardo ist kein kleines Kind, sondern ein Teenager, der oft erscheint, aber von den anderen Personen wie eine Nebensache behandelt wird.
Personelle Veränderungen
Diese personellen Veränderungen führen dazu, dass das Libretto und die neue Geschichte manchmal nicht übereinstimmen. Auch irritiert es hin und wieder, wenn zu den Arien und Rezitativen auf der einen Drehbühne, auf der anderen pantomimisch als Kommentare dazu ergänzend sehr viel los ist: Es wird mit den Smartphones gedaddelt, gegessen, getrunken, es herrscht ein Kommen und Gehen. Man wechselt die Kleidung, hinzu kommen zwei Servicekräfte als Statisten. Die Charaktere der Personen und deren Intentionen werden zwar plausibel nachgezeichnet, aber wenig emotional, eher sachlich.
Highlight dieser Produktion sind vor allem die Musikdarbietungen. Denn es kommen feine barocke Gesänge in Form von Rezitativen und sehr anspruchsvollen Arien von der Bühne sowie exzellente Töne aus dem Graben. Ausschließlich Gäste und ein Mitglied des Opernstudios NRW präsentieren sich darstellerisch sowie als Sänger auf hohem Niveau.
Musikalische Highlights
Wurden bei der Uraufführung die Sopranstimmen Robertos und Ottones von Kastraten gesungen, übernehmen heute Countertenöre diese Partien. Gerben van der Werft ist der Geliebte von Constanza. Er überzeugt mit einer ausgewogenen Stimme und großer Flexibilität in der Höhe. Lidor Ram Mesika alias Ottone brilliert nicht nur mit einem profunden und variablen Falsett, sondern wechselt auch gekonnt hinab zur Baritonebene. Sonja Runje beeindruckt mit ihrem kräftigen, ausgewogenen Alt dunkler Färbung, womit sie passend der Griselda eine starke, selbstbewusste Stimme verleiht. Ihren Gatten Gualtiero gestaltet Michael Gibson mit einem beweglichen und fließenden Tenor eindrucksvoll. Für die Constanza schrieb Vivaldi sehr anspruchsvolle Koloraturen, die Rinnat Moriah unverkrampft-klar erstrahlen lässt. Die Corrado-Partie ist eine Hosenrolle, in die Marianna Ortugno vom Opernstudio NRW mit ihrem sattelfesten wie feinen Sopran schlüpft. Dazu spielt unter der agilen, umsichtigen und sängerfreundlichen Leitung von Yorgos Ziavras das kleine Ensemble des Sinfonieorchesters Wuppertal inklusive Continuo-Gruppe mit Regal (tragbare Kleinorgel), Cembalo und Theorbe sehr nuanciert und sorgt für klangfarbenreiche barocke Klänge.
Das Premierenpublikum zeigt sich begeistert, applaudiert nach fast jeder Arie und spendet stehend schließlich allen an der Inszenierung beteiligten Personen ausgiebigen Beifall.
Griselda | 7., 14.2., 8.3. | Opernhaus Wuppertal
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