Wir alle leben in einer Höhle, und die Welt da draußen sind nur Schatten, die an den Wänden vorbeiziehen. Die Zweifelhöhlevom griechischen Philosophen Platon kennt man. Sie wird sogar erwähnt in „Perplex“ der tiefgründigen Komödie von Autor Marius von Mayenburg, die Schauspiel-Intendant Christian von Treskow im Kleinen Wuppertaler Schauspielhaus inszeniert hat.
Es geht also um den Zweifel, den Zweifel an der Realität selbst, den Zweifel in menschlichen Beziehungen und auch den Zweifel an einem politischen System, das diese kleine Bühne im nächsten Jahr vernichten wird. Keinen Zweifel gibt es an der Spielfreudigkeit des Wuppertaler Ensembles, das diese rasante Komödie, die eigentlich keine ist, auf die Bühne bringt. Am Ende löst sich die imaginäre vierte Wand auf, die Zuschauer finden sich im Produktionsprozess wieder, doch auch da scheint die Realität irgendwie abhanden gekommen.
Aber erst einmal kommen Lutz und Juliane aus dem Urlaub nach Hause. Alles wirkt normal, doch dann stellen sie kleine Veränderungen fest: Der Strom ist abgeschaltet, und in der Küche steht eine unbekannte Topfpflanze. Holger und Sophie, die sich während ihrer Abwesenheit eigentlich um die Wohnung kümmern wollten, kommen vorbei, benehmen sich aber, als ob sie dort zu Hause wären. Flegeln sich auf dem Sofa, unter dem sie auch den Müll entsorgen. Die Eigentümer werden frech hinauskomplimentiert, die Situation sollte eskalieren, tut sie aber nicht. Lutz und Juliane kehren als Au pair-Mädchen und achtjähriger Sohn von Holger und Sophie zurück. Ab da wird’s bizarr, ein Maskenball will organisiert sein. Die beiden Pärchen treffen im Wohnzimmer aufeinander. Lutz (Wessel) als Nazi, und als das zu Entgleisungen führt, als Skifahrer, der sich von Holger (Kraft) verführen lässt, der mittlerweile zum schwulen Elch mutiert ist. Bis dahin wird der Figurenmix von der Regie optimal durchs papperne Bühnenbild geführt, die Konstellationen bleiben zwar surreal, aber irgendwie lustig. Auch wenn Sophie Basse die wilde Wikingerin gibt oder Juliane Pempelfort als isländischer Vulkan Snaeffellsjökull für schlechte Stimmung sorgt, weil niemand das Kostüm erkennt.
Doch der Zweifel gilt als Zustand der Ungewissheit bei der Frage nach Wahrheit oder Falschheit eines Urteils über einen Gegenstand oder eine Entscheidung, wenn dieser beantwortet werden muss. Glücklicherweise muss das Publikum dieses Paradox im Stück nicht lösen, das versuchen die Schauspieler selbst. Als erster Lutz, der sich mittlerweile ständig verfolgt fühlt und auch mit dem Ableben der ausländischen Putzkraft Juliane nicht mehr klarkommen will. Zusammen mit Holger bauen sie die Kulisse ab und schauen hinter die Wohnzimmerhöhle. Doch da ist irgendwie nichts; selbst der einstudierte Text gibt keine Hilfestellung, denn der Regisseur ist verschwunden. Jetzt wird sogar die objektive Existenz der vom Bewusstsein unabhängigen Außenwelt bestritten und die Erkennbarkeit der Welt überhaupt bezweifelt. Der Zweifel verwandelt sich in Skeptizismus. Das Theater selbst löst sich auf. Perplex mündet nicht im Perplex, sondern eher in Furcht vor der Zukunft.
„Perplex“ I So 10.6. 18 Uhr I Kleines Schauspiel Wuppertal I 0202 563 76 66
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