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Marie Schleef
Foto(Ausschnitt): Yuki Moriya

„Man muss in den eigenen Abgrund blicken“

26. Februar 2026

Marie Schleef über „The Lottery“ am Essener Grillo Theater – Premiere 03/26

Die Kurzgeschichte von Shirley Jackson (1916–1965) handelt von Dorfbewohnern, die jährlich eine Lotterie veranstalten und den Gewinner umbringen. Schleef hat die in Deutschland eher unbekannte US-amerikanische Autorin für die Bühne entdeckt.

engels: Frau Schleef, auch wenn die Lemminge und ihr zwanghafter gemeinsamer Sprung von der Klippe nur ein Mythos sind: Können verblendete menschliche Lemminge irgendwann einmal vom Klippenspringen abgehalten werden?

Marie Schleef: Ich glaube, dass das Stück sehr viel über die menschliche Natur erzählt. Aber ich würde jetzt nicht per se sagen, dass der Mensch eine faschistische Persönlichkeit von Geburt an in sich trägt. Das Gruselige ist allerdings, dass er das Potenzial zu grauenhaften Taten hat. Ich glaube, man muss das immer trainieren und sich immer wieder aktiv dagegen entscheiden.

Aber braucht es dafür nicht immer einen Ansatz? Irgendetwas, das dazu führt, dass es überhaupt so wird? Ein verführerisches Wesen?

Ich denke schon, doch ist die Situation komplex. Ich sehe das Stück natürlich im Zusammenhang mit der aktuellen globalen politischen Situation. Mir kommt es so vor, dass man sich sehr schnell mit einer gewissen Situation arrangiert. Ich habe aktuell häufiger das Bild vom Frosch im kochenden Wasser vor Augen: Ein Frosch setzt sich in einen Kochtopf. Langsam wird es wärmer und wärmer, doch er akklimatisiert sich. Wenn dann ein zweiter Frosch von außen ins heiße Wasser springt, springt er reflexartig sofort aus dem Wasser raus, weil es natürlich viel zu heiß ist. Ich glaube, das ist diese Gefahr, dass man diese Akklimatisierung irgendwann nicht mehr so ganz merkt und sich an ein politisches Klima gewöhnt hat und es als „normal“ empfindet.

Auch Rituale kommen im Stück vor. Die fungieren pädagogisch gedeutet als sichere Inseln, geben Struktur, Halt, emotionale Sicherheit. Das ist bei Shirley Jackson auch so, oder?

Auf jeden Fall. Es wird in dem Stück sehr viel thematisiert, dass diese Menschen dieses Ritual fortführen, obwohl sie gar nicht wissen, woher es stammt oder warum man das irgendwann eingeführt hat. Nur die Wiederholung dieses Rituals mit all den Abänderungen die es erfahren hat, hat überlebt. Es geht aber darum, es am Leben zu halten. Dabei wird es nicht hinterfragt, sondern fortgeführt, weil ihnen das Bestehen wichtiger ist, als jeder potenzielle Bruch.

Worum geht es überhaupt in diesem amerikanischen Nachkriegs-Horrorthriller?

Es geht um ein kleines Dorf und dieses Dorf veranstaltet immer am 27. Juni eine Lotterie. Shirley Jackson hat übrigens dieses Datum gewählt, weil das damals der Tag war, an dem 1948 die Kurzgeschichte im New Yorker veröffentlicht wurde. Bei der Lotterie ziehen zuerst immer die Patriarchen, die Familienoberhäupter im ganz klassischen chauvinistischen Sinne, einen Zettel für ihre Familie. Wenn ein Familienoberhaupt dann das Los mit einem schwarzen Punkt gezogen hat, wird innerhalb der Familie noch einmal gelost. Das Familienmitglied, das dann das Los mit dem schwarzen Punkt zieht, hat die Lotterie „gewonnen“. Nur ist das allerdings kein schöner Gewinn, sondern eine grauenvolle kollektive Tat, die das ganze Dorf ausübt, um eben das Fortbestehen ihrer Tradition zu gewährleisten.

Haben Sie genug Steine für die Inszenierung?

Keine Sorge. Wir haben genug.

Warum zeigen sie im Ruhrgebiet das Original mit deutschen Untertiteln?

Das Herzstück unserer Inszenierung ist eine Tonaufnahme von Shirley Jackson die 1963—zwei Jahre vor ihrem Tod—entstanden ist. Und in dieser liest sie ausgerechnet „The Lottery“ vor. Da wir ja mittlerweile auch die Möglichkeit haben, diese Datei mit KI rekonstruieren zukönnen, da hatte nämlich ein Teil gefehlt, wollte ich diese unbedingt nutzen. Ich möchte, dass das Publikum hierzulande durch diese Uraufführung die Möglichkeit bekommt, diese noch recht unbekannte Autorin zu spüren, ein Gefühl für ihre Stimme, ihre Sprachführung, ihren Ton und vor allem ihren Humor bekommt. Eine Stimme ist etwas so Persönliches und Intimes, was viel mehr als nur die Handlung der Geschichte transportiert. Es geht um das Gefühl, mit ihr in einem Raum zu sein und ihrer Stimme zu lauschen. Die Inszenierung verfolgt einen sinnlichen, atmosphärischen Zugang, der über die Spannung zwischen der Audio- und visuellen Ebene funktioniert. Hierfür arbeite ich mit einem fantastischen künstlerischen Team zusammen sowie einem großen Ensemble, was bildstark und in Zeitlupe die Geschichte dieses Dorfes erzählt.

Im New Yorker ist die Geschichte unter einer Rubrik erschienen, die sich mit dem Dämonischen beschäftigt hat. Aber mit Dämonen hat das nichts zu tun, eher mit menschlicher Dummheit, oder?

Ich würde diese Menschen nicht verurteilen und sagen, dass es mit menschlicher Dummheit zu tun hat. Denn das wäre sehr, sehr gefährlich. Ich glaube, man muss da sehr in sich selber wühlen und sich fragen, wie ich mich denn verhalten würde, wenn ich Teil einer solchen Gesellschaft wäre und was heißt das eigentlich? Wie viele Rituale führe ich im Alltag fort, die ich nicht hinterfrage? Wenn ich jetzt so nachdenke, meine Kindheit, Kommunion, Kirche, all solche Dinge, die haben ja auch eine gewisse Tradition, wo man sich nicht fragt, wo das herkommt. Ich glaube, man muss da immer in den eigenen Abgrund blicken.

Was macht dieses Stück von der Mitte des 20. Jahrhunderts heute noch so aktuell und ist das bereits eine Art Dystopie?

Für mich ist das gerade hochaktuell. Ich beschreibe es auch gerne als das Stück der Stunde, weil es eine Gesellschaft beschreibt, die man meiner Meinung nach auch sehr eng mit einer faschistischen Gesellschaft lesen könnte. Im Grunde wird da ja prophylaktisch einmal im Jahr eine Person sozusagen eliminiert und sich so auch mit diesem Ritual abreagiert. Wenn ich mir so anschaue, was in unserer Gesellschaft passiert, sobald es Menschen nicht gut geht, dann gibt es da auch immer irgendwie ein Bedürfnis, irgendjemanden dafür verantwortlich machen zu wollen. Ganz viel gibt es da auch das Gefühl, es werde ihnen was weggenommen. In der Parallelität ist diese Lotterie ganz klar auch eine Dystopie und steht exemplarisch dafür, was passieren könnte. Das finde ich absolut erschreckend und hat mich auch dazu bewegt, das heutzutage auf die Bühne zu bringen.

The Lottery | Sa 28.2. 19.30 Uhr (P) | Dt. Erstaufführung | GrilloTheater Essen | 0201 812 22 00

Interview: Peter Ortmann

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