Die Kurzgeschichte von Shirley Jackson (1916–1965) handelt von Dorfbewohnern, die jährlich eine Lotterie veranstalten und den Gewinner umbringen. Schleef hat die in Deutschland eher unbekannte US-amerikanische Autorin für die Bühne entdeckt.
engels: Frau Schleef, auch wenn die Lemminge und ihr zwanghafter gemeinsamer Sprung von der Klippe nur ein Mythos sind: Können verblendete menschliche Lemminge irgendwann einmal vom Klippenspringen abgehalten werden?
Marie Schleef: Ich glaube, dass das Stück sehr viel über die menschliche Natur erzählt. Aber ich würde jetzt nicht per se sagen, dass der Mensch eine faschistische Persönlichkeit von Geburt an in sich trägt. Das Gruselige ist allerdings, dass er das Potenzial zu grauenhaften Taten hat. Ich glaube, man muss das immer trainieren und sich immer wieder aktiv dagegen entscheiden.
Aber braucht es dafür nicht immer einen Ansatz? Irgendetwas, das dazu führt, dass es überhaupt so wird? Ein verführerisches Wesen?
Ich denke schon, doch ist die Situation komplex. Ich sehe das Stück natürlich im Zusammenhang mit der aktuellen globalen politischen Situation. Mir kommt es so vor, dass man sich sehr schnell mit einer gewissen Situation arrangiert. Ich habe aktuell häufiger das Bild vom Frosch im kochenden Wasser vor Augen: Ein Frosch setzt sich in einen Kochtopf. Langsam wird es wärmer und wärmer, doch er akklimatisiert sich. Wenn dann ein zweiter Frosch von außen ins heiße Wasser springt, springt er reflexartig sofort aus dem Wasser raus, weil es natürlich viel zu heiß ist. Ich glaube, das ist diese Gefahr, dass man diese Akklimatisierung irgendwann nicht mehr so ganz merkt und sich an ein politisches Klima gewöhnt hat und es als „normal“ empfindet.
Auch Rituale kommen im Stück vor. Die fungieren pädagogisch gedeutet als sichere Inseln, geben Struktur, Halt, emotionale Sicherheit. Das ist bei Shirley Jackson auch so, oder?
Auf jeden Fall. Es wird in dem Stück sehr viel thematisiert, dass diese Menschen dieses Ritual fortführen, obwohl sie gar nicht wissen, woher es stammt oder warum man das irgendwann eingeführt hat. Nur die Wiederholung dieses Rituals mit all den Abänderungen die es erfahren hat, hat überlebt. Es geht aber darum, es am Leben zu halten. Dabei wird es nicht hinterfragt, sondern fortgeführt, weil ihnen das Bestehen wichtiger ist, als jeder potenzielle Bruch.
Worum geht es überhaupt in diesem amerikanischen Nachkriegs-Horrorthriller?
Es geht um ein kleines Dorf und dieses Dorf veranstaltet immer am 27. Juni eine Lotterie. Shirley Jackson hat übrigens dieses Datum gewählt, weil das damals der Tag war, an dem 1948 die Kurzgeschichte im New Yorker veröffentlicht wurde. Bei der Lotterie ziehen zuerst immer die Patriarchen, die Familienoberhäupter im ganz klassischen chauvinistischen Sinne, einen Zettel für ihre Familie. Wenn ein Familienoberhaupt dann das Los mit einem schwarzen Punkt gezogen hat, wird innerhalb der Familie noch einmal gelost. Das Familienmitglied, das dann das Los mit dem schwarzen Punkt zieht, hat die Lotterie „gewonnen“. Nur ist das allerdings kein schöner Gewinn, sondern eine grauenvolle kollektive Tat, die das ganze Dorf ausübt, um eben das Fortbestehen ihrer Tradition zu gewährleisten.
Haben Sie genug Steine für die Inszenierung?
Keine Sorge. Wir haben genug.
Warum zeigen sie im Ruhrgebiet das Original mit deutschen Untertiteln?
Das Herzstück unserer Inszenierung ist eine Tonaufnahme von Shirley Jackson die 1963—zwei Jahre vor ihrem Tod—entstanden ist. Und in dieser liest sie ausgerechnet „The Lottery“ vor. Da wir ja mittlerweile auch die Möglichkeit haben, diese Datei mit KI rekonstruieren zukönnen, da hatte nämlich ein Teil gefehlt, wollte ich diese unbedingt nutzen. Ich möchte, dass das Publikum hierzulande durch diese Uraufführung die Möglichkeit bekommt, diese noch recht unbekannte Autorin zu spüren, ein Gefühl für ihre Stimme, ihre Sprachführung, ihren Ton und vor allem ihren Humor bekommt. Eine Stimme ist etwas so Persönliches und Intimes, was viel mehr als nur die Handlung der Geschichte transportiert. Es geht um das Gefühl, mit ihr in einem Raum zu sein und ihrer Stimme zu lauschen. Die Inszenierung verfolgt einen sinnlichen, atmosphärischen Zugang, der über die Spannung zwischen der Audio- und visuellen Ebene funktioniert. Hierfür arbeite ich mit einem fantastischen künstlerischen Team zusammen sowie einem großen Ensemble, was bildstark und in Zeitlupe die Geschichte dieses Dorfes erzählt.
Im New Yorker ist die Geschichte unter einer Rubrik erschienen, die sich mit dem Dämonischen beschäftigt hat. Aber mit Dämonen hat das nichts zu tun, eher mit menschlicher Dummheit, oder?
Ich würde diese Menschen nicht verurteilen und sagen, dass es mit menschlicher Dummheit zu tun hat. Denn das wäre sehr, sehr gefährlich. Ich glaube, man muss da sehr in sich selber wühlen und sich fragen, wie ich mich denn verhalten würde, wenn ich Teil einer solchen Gesellschaft wäre und was heißt das eigentlich? Wie viele Rituale führe ich im Alltag fort, die ich nicht hinterfrage? Wenn ich jetzt so nachdenke, meine Kindheit, Kommunion, Kirche, all solche Dinge, die haben ja auch eine gewisse Tradition, wo man sich nicht fragt, wo das herkommt. Ich glaube, man muss da immer in den eigenen Abgrund blicken.
Was macht dieses Stück von der Mitte des 20. Jahrhunderts heute noch so aktuell und ist das bereits eine Art Dystopie?
Für mich ist das gerade hochaktuell. Ich beschreibe es auch gerne als das Stück der Stunde, weil es eine Gesellschaft beschreibt, die man meiner Meinung nach auch sehr eng mit einer faschistischen Gesellschaft lesen könnte. Im Grunde wird da ja prophylaktisch einmal im Jahr eine Person sozusagen eliminiert und sich so auch mit diesem Ritual abreagiert. Wenn ich mir so anschaue, was in unserer Gesellschaft passiert, sobald es Menschen nicht gut geht, dann gibt es da auch immer irgendwie ein Bedürfnis, irgendjemanden dafür verantwortlich machen zu wollen. Ganz viel gibt es da auch das Gefühl, es werde ihnen was weggenommen. In der Parallelität ist diese Lotterie ganz klar auch eine Dystopie und steht exemplarisch dafür, was passieren könnte. Das finde ich absolut erschreckend und hat mich auch dazu bewegt, das heutzutage auf die Bühne zu bringen.
The Lottery | Sa 28.2. 19.30 Uhr (P) | Dt. Erstaufführung | GrilloTheater Essen | 0201 812 22 00
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Theater als „Schule der Empathie“
Kara und Zintl leiten zukünftig das Schauspiel Essen – Theater in NRW 05/22
Aktuell wie nie: „Cabaret“
Großartige Inszenierungen des Broadway-Klassikers – Musical in NRW 02/15
„Die KI wird nicht mehr verschwinden“
Karsten Dahlem inszeniert „Der Sandmann“ am Schauspiel Wuppertal – Premiere 02/26
Liebesdreiecke im Tech-Zeitalter
Premiere der Oper „Griselda” von Antonio Vivaldi im Opernhaus – Bühne 01/26
„Die Bühne hat tausend Möglichkeiten“
Dirigent Yorgos Ziavras über Antonio Vivaldis Barockoper „Griselda“ am Opernhaus – Premiere 01/26
Figaro mit Schalk im Nacken
Premiere von „Il Barbiere de Seviglia” im Opernhaus Wuppertal – Bühne 12/25
Praktisch plötzlich doof sein
Helge Schneider präsentiert seine neue Tour – Prolog 12/25
„Dieser Großkotz hat uns angesprochen“
Regisseurin Charlotte Arndt über „Peer Gynt“ am Theater am Engelsgarten – Premiere 12/25
Verlorene Jahre
„The Drop“ am Jungen Schauspiel in Düsseldorf – Prolog 11/25
So verwirrend wie das Leben
„Berlin Alexanderplatz“ am Schauspiel Köln – Prolog 11/25
„In erster Linie ist es ein lustiges Stück“
Marie Robert inszeniert am Opernhaus einen gekürzten „Barbier von Sevilla“ für Kinder ab sechs Jahren – Premiere 11/25
Das selbsternannte Volk
„Die Nashörner“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Prolog 10/25
„Man sieht den Raum, wie er ist“
Die Regisseure Charlotte Arndt und Thomas Braus über „Die Stunde in der wir nichts voneinander wussten“ am Theater am Engelsgarten – Premiere 10/25
„Das Perfide ist, dass man sich eingeladen fühlt“
Jenke Nordalm inszeniert an der Wuppertaler Oper „Das Fest“ – Premiere 09/25
Ein Fake für den Nobelpreis
„Der Fall McNeal“ in Düsseldorf – Prolog 08/25
„Alles auf seine Art speziell“
Leiter Holger Ehrich über das 32. Welttheater der Straße in Schwerte – Premiere 08/25
Schnöde Technik oder Magie?
„Oracle“ bei der Ruhrtriennale – Prolog 07/25
„Eine Welt, die aus den Fugen ist“
Kulturamtsleiter Benjamin Reissenberger über das Festival Shakespeare Inside Out in Neuss – Premiere 07/25
Wütende Stimme der Vielen
Deutsche Erstaufführung der Kammeroper „Thumbprint“ im Opernhaus – Bühne 06/25
Freigeist ohne Ausweg
Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ im Opernhaus – Bühne 06/25
„Das passiert natürlich auch ganz nah“
Regisseurin Katharina Kastening über „Thumbprint“ am Opernhaus – Premiere 06/25
An jedem zweiten Tag was los
Der Bürgerbahnhof Vohwinkel – Porträt 05/25
Morgenröte hinter KI-Clouds
Das Impulse Festival 2025 in Mülheim, Köln und Düsseldorf – Prolog 05/25
Wieder Mensch sein dürfen
„Das Tagebuch der Anne Frank“ im Leverkusener Erholungshaus – Bühne 05/25
„Abschnitte, die im Nichts versanden“
Regisseur Joachim Gottfried Goller über „Die kahle Sängerin“ am Theater am Engelsgarten – Premiere 05/25