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Hans-Christian Schink, Unter Wasser (38), 2020
© Hans-Christian Schink

Landschaftspflege auf Leinwand und Fotopapier

04. April 2022

Hans-Christian Schink im Von der Heydt-Museum
 – kunst & gut 04/22

Was sieht der Besucher, wenn er die Stufen zur Ausstellung der „Freundschaftsanfrage No. 1“ im Von der Heydt-Museum erklommen hat? Auf den ersten Blick zwei scheinbar identische großformatige Fotografien von – eigentlich nichts. Zwei weiße Wände, die sich nur durch unterschiedliche Lichtkegel unterscheiden, die eine Neon-Deckenbeleuchtung erzeugt; ein schmaler Streifen Fußboden ist auf den „Büro“-Bildern (1998) von Hans-Christian Schink zu sehen. Der international bekannte Fotograf (*1961) studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, lebt und arbeitet in der Nähe von Neubrandenburg und hat die Einladung zur Reflexion mit dem Sammlungsbestand des Wuppertaler Museums gerne angenommen. Und so stehen seine Bilderserien den alten Meistern bei, einen kleinen Hopser in die postmoderne Auseinandersetzung über Bildaufbau, Material und Inhalt zu wagen. Die leere Fläche findet sich deshalb assoziativ bei Edvard Munchs „Schneeschmelze bei Elgersburg (1906) und Ferdinand Hodlers „Thuner See mit Stockhirnkette“ (1910/11) im selben Raum.

Zentrale Bestandteile der Ausstellung von Hans-Christian Schink sind die drei Serien „Hinterland“ (2012–2019) „1h“ (2003–2010) und „Unter Wasser“ (2020), wobei die überwiegend kleinformatigen Landschaften Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns in umfassender Form gezeigt werden. Menschenleer und mit neutralem Himmel – wie in allen Landschaftsbildern Schinks – sind die Fotografien, die einen tiefen Einblick in die stille Weite und die solitäre dörfliche Formensprache gewähren. Aus dem nicht gänzlich abgedeckten Zuckerrübenreservoir wird so eine skulpturale Masse, aus einem einzelnen Baum zwischen Lemmersdorf und Kleisthöhe ein blicktrennendes Objekt, das das Hinterland in zwei Hälften teilt und mit Museumsdepotbildern der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts korrespondiert.

Scheinbar mystisch und menschenleer geht es weiter, doch was assoziativ an Kubricks schwebenden Quader erinnert, ist der Lauf der Sonne am Himmel durch eine einstündige Belichtungszeit und eine innovativ genutzte Solarisation. Das funktioniert natürlich nur auf analogem Filmmaterial. Schink hat für die „1 h(our)“-Serie das Sonnen-Setting an mehreren Küstenorten auf dem Planeten fotografiert und den schwarzweißen Bildern die geografischen Koordinaten beigefügt. Die Sonne irritiert den Betrachter als „zufälliger“ dunkler Balken in einer Meerlandschaft mit Felsen als Referenz.


Hans-Christian Schink, Unter Wasser (17), 2020, © Hans-Christian Schink

Das neueste fotografische Abenteuer des Künstlers findet in der Serie „Unter Wasser“ statt. Diese wird im Von der Heydt-Museum zum ersten Mal gezeigt. Erstaunlich: Hier lässt Schink beim Fotografieren völligen Kontrollverlust zu und es wird nicht getaucht. An interessanten wasserreichen Orten, oft Biotope fern der Zivilisation, hat er die Unterwasserkamera unter die Oberfläche gehalten und dann per Zufall hunderte Aufnahmen geschossen. Es entstanden ungewöhnliche Bilder von fremder Schönheit, die auch die Auswirkungen des Menschen auf die Natur zeigen. Die Auswahl, die es wieder in einen Serien-Bildband schaffen werden, unterliegt den strengen formalen Kriterien des Fotokünstlers, hier bleibt dem Zufall die digitale Dunkelkammer verschlossen.

Freundschaftsanfrage No. 1 | bis 10.7. | Von der Heydt-Museum, Wuppertal | 0202 563 62 31

Peter Ortmann

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