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v.l.n.r.: Katrina Schulz, Bernt Hahn, Peter Stein, Ingeborg Danz, Inka Ehlert
Foto: Hartmut Sassenhausen

Kunst inmitten des Menschheitsverbrechens

16. Mai 2025

Musik und Texte aus Theresienstadt auf der Insel – Musik 05/25

80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es überall Gedenkveranstaltungen, die die Schreckenszeit des Nazi-Regimes in Erinnerung rufen. In diesem Zusammenhang wird gerade an die Opfer gedacht, die in den Konzentrationslagern ihr menschenunwürdiges Ende fanden, so auch auf Wuppertals Insel. Hier steht Theresienstadt im Mittelpunkt der Veranstaltung. Das im November 1941 errichtete Ghetto war ein Sammel-und Durchgangslager, in dem die jüdische Bevölkerung, zunächst aus der ehemaligen Tschechoslowakei, später aus fast ganz Europa, interniert war. Viele der Insassen kamen später in den großen Vernichtungslagern ums Leben. Eingesperrt wurden bis Mai 1945 rund 141.000 Personen. Etwa 33.000 der Gefangenen starben dort. In der NS-Propaganda wurde Theresienstadt zum „Altersghetto“ verklärt und während einer kurzen Phase als angebliche „jüdische Mustersiedlung“ verschiedenen ausländischen Besuchern vorgeführt. Im diesem Lager fanden kulturelle, sportliche, religiöse und philosophische Aktivitäten statt.

Gesang, Streicher, Gedichte

Unter anderem wurde komponiert oder Literatur geschrieben. Darauf richtet sich an diesem Abend der Blick, der unter dem Titel „Eine Brücke zum Morgen“ Beispiele aus diesem Schaffen präsentiert. Es sind die Komponisten Hans Krásas Passacaglia und Fuge für Streichtrio und Viktor Ullmanns Lied „Herbst“ (Text: Georg Trakl) für Singstimme und Streichtrio, die aufgeführt werden. Beide sind später in Auschwitz umgekommen. Gideon Klein wurde im KZ Fürstengrube ums Leben gebracht. Von ihm erklingt sein Streichtrio. Die Schriftstellerin Ilse Weber, später in Auschwitz getötet, verfasste Lieder auf eigene Texte. Drei von ihnen – „Ich wandre durch Theresienstadt“, „Und der Regen rinnt“, „Wiegala“ – arrangierte der 1932 geborene deutsche Komponist Stefan Zorzor für Streichtrio und Gesang. Dazwischen kommen drei Literaten zu Wort. Vorgetragen werden Gedichte des im KZ-Außenlager Schwarzheide gestorbenen Georg Kafka („Der Brief“, „Segen der Nacht“, „Totengebet“) und von Rose Ausländer („Doppelspiel“, „Gemeinsam“, „Werben“). Ausländer überlebte die Inhaftierung im Ghetto Czernowitz und starb 1988 in Düsseldorf. Auch Ullmanns Text „Goethe und Ghetto“ ist mit dabei.

Der zu diesem Programm passende Rahmen besteht ebenfalls aus Tönen und Worten: Anfangs gibt es ein Präludium und eine Fuge von Johann Sebastian Bach, die Wolfgang Amadeus Mozart für Streichtrio bearbeitete und das Gedicht „Was ist des Unschuldigen Schuld“ von Gerty Spies. Sie kehrte nach ihrer Inhaftierung in Theresienstadt 1945 nach München zurück, wo sie 1997 starb. Dem berühmten Gedicht „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ von Hans Sahl (1902-1993), der vor den Nazis in die USA fliehen konnte, folgen gegen Ende zwei Lieder („Schlaflied für Daniel“, „Ein jüdisch‘ Kind“) aus dem Requiem für einen polnischen Jungen nach Texten von Opfern des Faschismus aus dem Jahr 1998 von dem deutschen Komponisten Dietrich Lohff (1941-2016). Abschließend wird von der polnischen Lyrikerin Wislawa Szymborska (1923-1993) das Gedicht „Leben im Handumdrehen“ in einer Übersetzung von Karl Dedecius vorgelesen.

Stille

Die abwechslungsreiche, zum Nachdenken anregende Veranstaltung gestaltet sich intensiv und packend. Das Streichtrio mit Geigerin Katrina Schulz, Bratscher Peter Stein und Cellistin Inka Ehlert bringt die reinen Instrumentalstücke hochkonzentriert und detailliert zu Gehör. Bei den Liedern gesellt sich die renommierte Altistin Ingeborg Danz hinzu, die mit ihrer gefühlvollen, ebenmäßigen Stimme, die sämtliche, ihnen innewohnenden Emotionen klar zum Ausdruck bringt. Und Schauspieler Bernt Hahn vermittelt die Textinhalte der Gedichte dank seiner Rezitationskunst klar und deutlich.

Das ergriffene Publikum bedankt sich dafür nach einer angemessenen Zeit der Stille mit lang anhaltendem Beifall.

Hartmut Sassenhausen

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