Für viele ist es der Inbegriff einer glücklichen Kindheit: im Wald Verstecken spielen, sich im Laub wälzen und Hütten bauen. Für manche Eltern ist das die ideale Kindheit, die sie selbst nie hatten. Kinder, die einen Waldkindergarten besuchen, bekommen all dies und noch vieles mehr. „Es ist ein sehr angenehmes Klima für die Kinder, aber auch für die Erzieher“, erzählt Melanie Jatra vom Waldkindergarten in Sprockhövel-Hiddinghausen. Vierzehn Kinder kommen hier jeden Tag zusammen, um ein paar Stunden mit zwei Erzieherinnen im Waldlaub zu verbringen. Dort tun sie alles, was sie in einem normalen Kindergarten auch tun würden. Sie sitzen im Kreis, improvisieren mit Farbe und Pinsel auf großen Leinwänden und bekommen Bücher vorgelesen. Aber sie tun es unter offenem Himmel und bei jedem Wetter. Das hat Konsequenzen: „Unsere Kinder werden selten krank, ihr Immunsystem ist sehr stark“, beschreibt Melanie Jatra die Konstitution ihrer Schützlinge.
Kinder, die im Wald spielen, gelten als konfliktfähiger und konzentrierter
Der Wald ist dabei nicht nur einfach ein alternativer Gruppenraum, sondern wird selbst zum Gegenstand des Spielens. Spielen die Kinder ein Rollenspiel mit Cowboys und Indianern, wird ein Tipi aus Ästen gebaut, die Kinder lernen schnitzen oder sich eine Kugelbahn aus Baumrinde zu bauen. „Die Kinder haben viele Ideen, und wir legen Wert darauf, dass sie die Natur kennenlernen.“ Aber die Liebe zur unberührten Natur hat ihre Grenzen, denn die Gefahren des Waldes müssen die Kleinen schon beachten. Dass Äste durch Frost brüchig oder durch Regen rutschig werden können, ist ebenso Teil des Lehrprogramms wie das Erlernen elementarer Regeln für den Umgang mit dem Wald nach einem Sturm oder bei einer Sturmwarnung. Besteht die Gefahr von herabfallenden Ästen oder stürzenden Bäumen, werden Teile des Waldes fürs Spielen gesperrt. Den Kindern werden dann die Gefahren erläutert, so lernen sie die Grenzen der Natur kennen. „Die Kinder können sich diese Regeln manchmal besser merken als wir“, berichtet Melanie Jatra und muss schmunzeln.
Aber am meisten lobt die Erzieherin das Sozialverhalten ihrer Schützlinge. „Es ist toll, wie die Kinder miteinander umgehen“, meint Melanie Jatra. „Es gibt nicht viele Streitereien.“ Die spärliche Forschung zu Waldkindergärten bestätigt diese Einschätzung. Kinder, die im Grünen spielen, gelten als konfliktfähiger und konzentrierter. Aber vielleicht ist das auch nur ein Effekt der sozialen Schichtung, denn günstig ist die laubraschelnde Kindererziehung in der Regel nicht. Der Waldkindergarten wird von einem privaten Trägerverein finanziert. Zwar konnte der Fortbestand des Waldkindergartens im Mai durch eine Spende der Dietrich-Grönemeyer-Stiftung gesichert werten, aber es kostet dennoch mindestens 375 Euro, wenn man sein Kind für einen Monat unter den Bäumen betreuen lassen möchte.
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