Übermütter und Rabenmütter streiten in den letzten Wochen heftig miteinander. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Einführung eines Betreuungsgeldes, das Eltern von ein- bis dreijährigen Kindern zustehen soll, die ihr Kind nicht in eine Kindertageseinrichtung schicken, löst heftige Diskussionen aus. Neben dem parteipolitischen Zwist geht es um die grundsätzliche Frage, wo Kinder nach Vollendung ihres ersten Lebensjahres am besten ihren Tag verbringen sollen. Die Fraktion der Rabenmütter bekommt hierbei unerwartet Zuspruch von Arbeitgeberverbänden. Das von der Bundesregierung initiierte Betreuungsgeld sei Unsinn, weil es gutausgebildete und dringend gebrauchte Frauen und vielleicht auch Männer dem Arbeitsmarkt entziehe, so argumentieren die Unternehmer. Die Fraktion der Übermütter wiederum wird nicht nur unterstützt von christlich-fundamentalistischen Organisationen wie der Bischofskonferenz oder der CSU, sondern auch von manch ökologisch orientierten Zeitgenossinnen. Die Entschleunigung der Gesellschaft beginne mit der Elternzeit, ist von Vertreterinnen und Vertretern der neuen Innerlichkeit zu hören. Den Streitenden entgeht dabei allerdings, dass das Thema weitaus komplexer ist.
Es gibt nicht die eine Familie, an die wir unsere Maßstäbe anlegen können. Der Vierpersonenhaushalt mit Alleinverdiener mit mittlerem Einkommen ist nur noch im Werbefernsehen eine Majorität. Sogar im Westen der Republik ist die Nur-Hausfrau-und-Mutter ein Auslaufmodell. Um einen relativen Wohlstand zu erreichen, sind Familien mittlerweile fast immer auf zwei Gehälter angewiesen. Kümmert sich eine Mutter ausschließlich um ihre Kinder, kann dies zwei Gründe haben. Entweder ihr Gatte ist so reich, dass für sie die Betreuung ihrer Kinder mit Geigen-, Ballett-, Tennis- und Yoga-für-Kinder-Stunden ein Fulltimejob geworden ist. Oder sie ist alleinerziehend, bekommt deshalb keinen Job und rutscht in prekäre Verhältnisse.
Das Vormittagsprogramm von RTL ist als Babysitter nicht geeignet
Auch sind die Bedürfnisse der Kinder oft sehr unterschiedlich. Mittelschichtskinder spielen auf Spielstraßen, verbringen ansonsten ihre Zeit in Krabbelgruppen und werden oft von Geschwisterkindern und Erwachsenen gefördert. Anders sieht es in den sogenannten bildungsfernen Schichten aus. Das Vormittagsprogramm von RTL ist als Babysitter nicht geeignet. Zu viele Kinder wachsen in anregungsarmen Milieus auf. Kinder können aber, wenn dies früh geschieht, soweit gefördert werden, dass manche Beeinträchtigungen wie mangelnde Sprachkompetenz, eingeschränkte motorische Fähigkeiten, aber auch unzureichendes Sozialverhalten viel weniger den weiteren Lebensweg verbauen, als wenn diese Förderung erst spät oder gar nicht stattfindet. Leider werden gerade Kinder aus solchen Familien seltener ab dem zweiten Lebensjahr in der Kindertagesstätte angemeldet. Und dieser Trend wird sich noch verschärfen. Die Familie mit einem Erwerbstätigen, der nur ein geringes Einkommen hat, wird sich lieber die 100 Euro Betreuungsgeld einstecken, als dass das Kind in eine Tageseinrichtung kommt.
Viele Untersuchungen zeigen, dass Kinder nach Vollendung des ersten Lebensjahres erheblich von dem Besuch einer Tageseinrichtung profitieren, egal wo sie sonst aufwachsen. Auch das Kind aus der Eigenheimsiedlung erhält im Spiel mit Gleichaltrigen wertvolle Impulse, die ihm kein Au-Pair-Mädchen und keine Tagesmutter vermitteln können. Allerdings sind diese positiven Effekte der Kita in hohem Maße abhängig von der Qualität der Einrichtung. So stimmt es bedenklich, dass die Bundesfamilienministerin in Erwägung zieht, ungelernte Kräfte in Kindertageseinrichtungen einzusetzen, um personellen Engpässen zu begegnen. In anderen europäischen Ländern ist der Kindergarten, auch für die ganz Kleinen, inzwischen selbstverständliche Institution. Dabei geht es mitnichten um eine preisgünstige Betreuung, damit beide Eltern arbeiten können. Die Kindertageseinrichtung mauserte sich in den letzten Jahrzehnten zu einer wichtigen Bildungsinstitution. Entsprechend wandelte sich auch das Berufsbild der Erzieherinnen und Erzieher. Während in Deutschland nach wie vor der dreijährige Besuch einer Fachschule ausreicht, um den Beruf auszuüben, sind in vielen anderen Ländern mittlerweile Universitäten für die Ausbildung zuständig. Auch die Vergütung ist in anderen Ländern der von Lehrern vergleichbar. Hierzulande verdienen Erzieherinnen und Erzieher hingegen ähnlich wenig wie in anderen schlechtbezahlten, typischen „Frauenberufen“. Deshalb verwundert es auch nicht, dass immer noch wenige Männer den Beruf ergreifen. Erzieher im Regelkindergarten können wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen gesucht werden. So erleben Kinder neben ihrem Vater oft erst ab dem zehnten Lebensjahr eine andere männliche Bezugsperson, den Fachlehrer in der 5. Klasse.
In diesem Zusammenhang erscheint die Forderung nach mehr gemeinsamer Zeit für die Familie natürlich in einem gänzlich anderen Licht. Was wäre, wenn der Vater für die Betreuung seines zweijährigen Kindes die Hauptverantwortung übernähme? Fraglich ist allerdings, ob in diesem Fall 100 Euro Betreuungsgeld als Anreiz ausreichen.
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