engels: Herr Kühn, gibt es genug Krippenplätze in Wuppertal?
Stefan Kühn: Nein, uns geht es wie fast allen anderen Großstädten in Westdeutschland. Wir werden vom 1. August 2013 an nicht genug Plätze für alle Unter-Dreijährigen haben und den Rechtsanspruch darauf nicht erfüllen können.
Warum nicht?
Eine Stadt wie Wuppertal hatte und hat nicht genügend Geld, diese große Aufgabe zu stemmen. Millionenschwere Investitionen sind da nötig. Wir haben zwar massiv neue Plätze geschaffen, aber das reicht nicht. Das Glas ist erst zu zwei Drittel voll.
Die Bundesfamilienministerin sagt, dass noch gar nicht alle vorgesehenen Mittel in Anspruch genommen wurden.
Das mag für ganz Deutschland stimmen. In NRW ist das Geld des Bundes fast komplett ausgegeben. Die damalige CDU/FDP-Regierung in Düsseldorf hat vor über zwei Jahren einen strategischen Fehler gemacht. Es hieß: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. So ist der überwiegende Teil der Fördermittel in reiche Kommunen geflossen. Die neue Landesregierung hat ein eigenes Programm aufgelegt und dafür gesorgt, dass die Gelder gleichmäßig in alle Kommunen fließen.
Macht es eigentlich Sinn, Kinder in dem Alter bereits in eine Einrichtung zu geben, oder sind Familienangehörige zur Betreuung nicht besser geeignet?
Eine generelle Antwort hierauf gibt es nicht. Dafür sind die Eltern und deren Lebenssituationen viel zu unterschiedlich. Außerdem sollten Betreuungsmöglichkeiten nicht alternativ, sondern additiv zueinander betrachtet werden. Die Kita ist die erste Bildungsinstitution. Ideal sind daneben engagierte Eltern, Großeltern, Freunde. Es gibt ein schönes afrikanisches Sprichwort: Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf.
Gibt es eine soziale Komponente der Frage nach richtiger Kinderbetreuung?
Alleinerziehende, die Sozialleistungen bekommen, sind zu über 99 Prozent Frauen. Von allen Haushalten mit alleinerziehenden Frauen in Wuppertal beziehen 50 Prozent Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II. Das heißt, dass diese Frauen in soziale Sicherungssysteme fallen, weil die Betreuungssituation ihrer Kinder nicht gelöst ist. Wer Betreuungsangebote verknappt, lässt Frauen und Kinder in prekären Lebenssituationen zurück.
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