Leere. Ausschnitte ohne Ton. Dennoch. Eine heilige Stimmung hält die hinteren Räume in der Bonner Bundeskunsthalle gefangen. Die Tänzerin Pina Bausch (1940-2009), die schon zu Lebzeiten weltweit als Ikone gehandelt wurde, erscheint überlebensgroß selbst im Entree. Ein Video von 1995, mit Goldfisch, denke ich, ein Solo aus dem Stück „Danzón“. Davor im Kreis sechs Monitore, mit Choreografien einer Tänzerin, die eigentlich nie Choreografin werden wollte und doch über 50 Stücke kreierte in einer Stadt, die sie ursprünglich gar nicht haben wollte. Sie schrieb Tanzgeschichte, sie schaffte ein ganz neues Medium, sie probte eine neue Ästhetik. Ich gebe zu, die erste Berührung mit Tanz hatte ich in Wuppertal. Glücklicherweise.
Eigentlich ist die Ausstellung gar keine Ausstellung. Wie soll man die getane Arbeit, das ganze Leben einer Choreografin archivieren? In Videos? O.k., ein marginaler Versuch. Vielleicht transportiert es die Optik, ganz sicher nicht die Atmosphäre. Es geht sicher auch nicht auf der Bühne, auch wenn man das in Wuppertal nicht wahrhaben will und immer wieder noch eine Kopie, eine Vorstellung aus der eigentlichen Matrize mehr produziert. Das soll um Himmels willen keine Kritik am Ensemble selbst sein, nur der gewählte Anspruch zwischen Original und Nachahmung scheint diskutabel. Theaterinszenierungen nach Einar Schleef beispielsweise, auch das ein schier undenkbarer Gedanke.
Mittendrin eine Emotion zum Erleben. Im originalen Nachbau der „Lichtburg“, das ist Pinas Probenraum im ehemaligen Wuppertaler Kino, hier wurde geprobt, hier wurde geredet, hier wurde seit den späten 70er Jahren die internationale Tanzwelt revolutioniert, und es wird dort bis heute geprobt. Ungewöhnlich: in Wuppertal und in Bonn. Denn die Besucher der Bundeskunsthalle können hier teilhaben am Prozess des Tänzerischen, mittun am großen Werk, spüren, was es bedeutet, tatsächlich Teil zu sein. Vielleicht ein Workshop bei Josephine Ann Endicott, sie war eine von Pinas Tänzerinnen am Beginn der Reise, sie versucht immer noch zu vermitteln, den Besuchern zwischen Ballettstangen, Spiegeln, Kostümen und dem unvermeidlichen Klavier bei ungewohnten Bewegungen zu helfen. „Dance! The Nelken Line“ heißt die Initiative.
Die Ausstellung ist thematisch gegliedert. Ein Leben. Philippine Bausch in Solingen geboren. Der Vater Gastwirt. 1955 ist sie an der Folkwangschule in Essen (Klasse 2b), 1960 bereits an der Juilliard School of Music in New York, wo sie beim New American Ballet und an der Metropolitan Opera tanzt. Es geht immer weiter, man sieht Bühnenbilder, Baumzeichnungen vom Ensemble, die Arbeit ist immer Prozess, manchmal tauchen Erinnerungen auf. „Er nimmt sie bei der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen“ (Shakespeare-Zitat) 1978 im Schauspielhaus Bochum. Die Premiere fast ein Tumult, ein recht junger Volker Spengler als Schauspieler im „Tanzstück“ mittendrin. Das war mir entfallen. Es geht doch immer nur um das Leben und darum, für das Leben eine Sprache zu finden, sagt Pina.
„Pina Bausch und das Tanztheater“ | bis 24.7. | Bundeskunsthalle Bonn | www.bundeskunsthalle.de
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