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Herkunft bestimmt nicht, wer zur Gesellschaft gehört
Foto: freshidea/Adobe Stock

Unser gemeinsames Einwanderungsland

25. Juni 2026

Teil 1: Leitartikel – Wie wir eine freiere Zukunft gestalten können

Kaum ein Thema beschäftigt die deutsche Gesellschaft so leidenschaftlich wie Zuwanderung. Seit Jahrzehnten ringt Deutschland mit seiner Identität als Einwanderungsland: von der Gastarbeitermigration der Nachkriegsjahrzehnte über die Asyldebatten in den 1990ern, Merkels „Wir schaffen das“ im Herbst 2015 bis zu den rechtsradikalen Remigrationsphantasien der AfD. Der Umgang mit Zugewanderten, vor allem mit Geflüchteten, wird schärfer und richtet sich auch gegen Menschen, die in zweiter oder dritter Generation hier leben. Sie werden als „fremde Minderheit“ wahrgenommen.

Seit Kriegsende

Dabei besteht die Bevölkerung zu über 30 Prozent aus Menschen mit sog. Migrationshintergrund – fast 26 Mio. Menschen, die die deutsche Kultur mitprägen: im Sport, Showbusiness, Gesundheitswesen, in der Gastronomie und vielen anderen Bereichen. Döner ist das Lieblings-Fast-Food der Deutschen, Pizza und Pasta sind Grundnahrung, die Gen-Z liebt asiatische Bowl-Gerichte. Nicht nur der gastronomischen Vielfalt wegen ist Deutschland auf Zuwanderung angewiesen. Fast 20 Prozent der Pflegekräfte hierzulande sind Ausländer:innen, 17 Prozent in der Kranken- und 21 Prozent in der Altenpflege.

Integration geht alle an

Und doch wird weiter gegen Zugewanderte gehetzt. Sie werden als Belastung, sogar als Bedrohung dargestellt – statt als Menschen mit Biografien, die Potentiale mitbringen. Natürlich gibt es auch Probleme. Aber mit Sprachkursen, schnelleren Anerkennungsverfahren sowie fairen und zügigen Asylverfahren kann gegengesteuert werden. Außerdem ist Integration nicht einseitig, sondern eine gemeinsame Aufgabe.

Politik schürt Hass

Doch statt sich dieser Aufgabe zu widmen, schüren nicht nur AfD-Politiker Hass gegen Ausländer:innen und nicht-Weiße Deutsche, sondern etwa auch Bundesinnenminister Dobrindt (CSU) mit „Kontrolle, Kurs und klarer Kante“ oder Kanzler Merz (CDU) mit seiner „Stadtbild“-Aussage, deren Lösung in „schnellen Rückführungen“ liege. Der Hass hat zu einem Anstieg rassistischer Übergriffe geführt, wie der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) 2026 belegt. Die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen und Solingen (1992/93), die NSU-Morde (zwischen 2000 und 2006) und der Anschlag in Hanau (2020), bei dem neun Menschen mit Einwanderungsgeschichte ermordet wurden, zeigen die Kontinuität rassistischer Gewalt auch im Nachkriegsdeutschland.

Rassismus im Alltag

Daneben wirkt Rassismus im Alltag leiser, aber beständig: auf dem Wohnungsmarkt, im Beruf, in Institutionen. Nicht-Weiße Menschen und Menschen mit nicht-deutschen Namen erfahren Diskriminierung, die schwer juristisch belegbar, aber real wirksam ist. Der erste Afro-Zensus hat belegt, was Betroffene seit langem berichten: dass struktureller und alltäglicher Rassismus in Deutschland alle Lebensbereiche durchzieht. Solange jedoch über Einwanderung überwiegend negativ berichtet wird und Integrationskonflikte betont werden, wird es nicht besser. Solche Diskurse schüren Angst und befeuern Extreme.

Eine Utopie?

Deutschland ist ein Einwanderungsland – demografisch, wirtschaftlich, kulturell. Punkt. Die Frage ist, wie wir diese Gesellschaft gemeinsam gestalten. Bekenntnisse zur Vielfalt ohne strukturelle Substanz bleiben Symbolik. Sicherheitsdiskurse ohne Wahrung der Menschenwürde werden repressiv. Und Remigration ist mit Grundgesetz und Völkerrecht unvereinbar. Die Politik muss Probleme benennen, ohne Menschen zu entmenschlichen, sie muss die Leistungen der Generationen von Eingewanderten anerkennen. Gemeinsam könnten wir dann eine Gesellschaft gestalten, in der Zugehörigkeit nicht an Herkunft gebunden ist. Eine Utopie? Es ist die Bedingung demokratischer Zukunft.

Tina Adomako

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