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Kann helfen, Konzentration zurückzugewinnen: schwindlige Höhe
Foto: grandfailure/Adobe Stock

Dubidu

28. Mai 2026

Teil 3: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung

Man duzt und wird zurückgesiezt – wo man sich im Alltag vielleicht mal verstolpert, ist das an anderer Stelle Geschäftsmodell. So wird schon Mal beim Verlassen einer großen Warenhauskette via Banner gefragt: „Wie hat es dir bei uns gefallen?“ Und so manche Kunden denken: „Mir hat gefallen, dass ich hier vom Personal gesiezt wurde.“ Duzen in Werbung und vor Ort am Verkaufsstand ist seit geraumer Zeit gang und gäbe. Die Absicht dahinter ist offensichtlich: Man will künstlich Augenhöhe schaffen und Hierarchien aufheben, gegenüber der Kundschaft eine Vertrauensbasis behaupten: Ich und Du! Das blaugelbe Möbelhaus aus Schweden ist darin ungeschlagener Vorreiter. Dabei wird rigoros verkannt, dass die Kund:innen, so verzückt sie auch durchs heimelige Bummelparadies flanieren, durchaus zu abstrahieren in der Lage sind: Das hier ist ein Geschäft. Und auch das Unternehmen besinnt sich ja spätestens dann auf das „Sie“ zurück, sobald es dem oktroyierten Duzfreund das Mahnungsschreiben aufsetzt.

Alles einfach

Nun machen schwammige Normen in korrekter Ansprache die Welt komplizierter, als sie ohnehin schon ist. Der moderne Mensch aber sucht einfache Formeln, Zugänge, Antworten. Am Ende sucht er gar keine Antworten mehr, sondern bloß den nächsten Dopamin-Kick. Tiktok-Brain. Digitale Demenz. Der Markt liefert, und das Du gehört dazu. Einfach. Unkompliziert. Entertaining. Dubidu. Der verwestlichte Mensch sehnt sich nach Show und Kurzweil – nachvollziehbare Sehnsucht in einer Zeit, die uns mit Informationen und Konflikten überschwemmt. Uns überfordert. Wer alles wissen will, hat weniger Aufmerksamkeit für – alles. Also gehört alles vereinfacht. Irgendwann lesen nicht mehr bloß unsere Kinder „Dein Spiegel“. „Einfache Sprache“ erwächst ebenso zum Standard wie die etablierte Anarchie in der Zeichensetzung und Abkehr vom Lektorat. Groschenromane sind die neuen Bestseller.

Marktsprache 

Natürlich sollte Sprache verstanden, sollten Kunst und Lehre zugänglich sein. Anders als Werbespots, müssen Kunst, Sprache, Lehre auch fordern dürfen. Das Leben wächst an seinen Herausforderungen. Wenn wir die Welt verstehen wollen, müssen wir Dinge vertiefen. Und Erkenntnisgewinn geht durchaus lustvoll vonstatten – auch hier lauern Dopamin-Kicks. Was aber, wenn bessere Zugänglichkeit in Trivialisierung mündet? Ist dem vermeintlich zivilisierten Menschen nichts mehr zuzumuten? Sind Zeit, Muße und Geduld inzwischen mit der vielzitierten „verschwendeten Lebenszeit“ gleichgesetzt? Wie fremd sind uns Konzentration und Aufmerksamkeit? Chat GPT erledigt Hausaufgabe, Haus- und Doktorarbeit. Die Antwort kommt aus der Maschine – und wird dort auch direkt gespeichert, unser Gedächtnis auf die Festplatte ausgelagert. Der Markt, die Medien füttern und bedienen das.

Gratisdeal

Kulturverlust. Keine Chance mehr für Shakespeares Sonett oder die Lyrik eines Hugo von Hofmannsthal. Texte wie diese lesen sich eben nicht so wie die Bauanleitung aus dem Möbelmarkt. Muss alles glasklar und erklärt sein? Selbsterklärend? Selbst in der Kunst? Abstraktion verstört. Stört. Leute krönen sich zu MultitasKings, sehen sich aber nicht dazu in der Lage, sich in einen Film, ein Gemälde, eine einzige Textzeile zu vertiefen. Die gute Nachricht: Abgestumpftes Konzentrationsvermögen lässt sich wiedererlangen. Wenn wir uns aber mit Reizflut über- und damit zugleich unterfordern, verbleiben wir geistig arm. Das gefällt Formaten wie Tiktok. Den Medien. Den Märkten. Und freilich den meisten Mächtigen. Und von denen gibt es zum Deal ganz gratis das Du dazu.

Hartmut Ernst

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