
Um miteinander halbwegs in Eintracht leben zu können, brauchen wir Menschen Regeln. Regeln ordnen das Zusammenleben, strukturieren Erwartungen und schaffen Orientierung. Ohne Regeln würden wir in Anarchie versinken. Schon die ältesten bekannten Gesetzessammlungen – von Hammurabis Kodex über die biblischen Zehn Gebote bis zur islamischen Scharia – zeigen, dass Gesellschaften früh erkannt haben: Ohne verbindliche Normen drohen Willkür und Chaos. Doch wie weit dürfen Regeln gehen, ohne dass sich der Einzelne in seiner Freiheit erstickt fühlt?
Der andere Knigge
Regeln, an die sich noch unsere Großelterngeneration hielten, etwa die sogenannten Knigge-Regeln, gelten heute bei den meisten als völlig überholt. Wer darf wen zuerst grüßen? Welches Besteck darf wann zum Einsatz kommen? Welcher Abstand zum Gegenüber gilt als sittlich? Wen interessiert das heute noch? Dabei wäre es gar nicht verkehrt, wenn Knigges „Über den Umgang mit Menschen“ wieder in den Fokus rücken würde. Die nach ihm benannten Benimm-Regeln findet man darin gar nicht, denn sie stammen nicht von ihm. In seinem Werk ging es Adolph Freiherr von Knigge nämlich nicht um Gebote und Verbote, sondern vielmehr darum, wie man ein respektvolles Miteinander herstellt, so dass ein Zusammenleben gelingt, trotz unterschiedlicher Interessen und Charaktere. Rücksicht, Empathie und Selbstbeherrschung waren für ihn keine Einschränkung der Freiheit, sondern deren Voraussetzung. Heute sehen das viele Menschen anders.
Schimpfen, schubsen, zustechen
In sozialen Medien, im Straßenverkehr oder im öffentlichen Raum zeigt sich, dass Rücksicht immer häufiger als Zumutung empfunden wird. In der Bahn die Füße auf den gegenüberliegenden Sitz legen und sich gestört fühlen, wenn ein zugestiegener Fahrgast den Sitz beansprucht. Schnell in eine Parklücke fahren, obwohl ein anderes Auto bereits wartet und signalisiert. Die Fast-Food-Verpackung auf der Parkbank liegenlassen oder in jemandes Fahrradkorb entsorgen. Das sehen die, die so handeln, als Ausdruck ihrer Freiheit. Freiheit wird so als individuelles Recht verstanden, das möglichst unbegrenzt gelebt wird. Ich mache, was ich will und scheiß darauf, wie es den anderen dabei geht, scheint die Devise zu sein. Und wehe, wenn jemand versucht, diese Freiheit einzuschränken. Dann wird beschimpft, geschubst und im schlimmsten Fall auch mal zugestochen.
Von wegen Protest
Dabei hat es zu allen Zeiten Menschen gegeben, die Regeln bewusst gebrochen haben. Nicht aus Egoismus oder Gedankenlosigkeit, sondern als Zeichen des Nonkonformismus. Regelbruch kann Protest sein, auf Ungerechtigkeit hinweisen oder verkrustete Strukturen aufbrechen. Sozialer Fortschritt basiert sogar teils darauf. Der reflektierte Regelbruch richtet sich jedoch gegen ein System und nicht gegen den Mitmenschen. Er will verändern, verbessern, nicht verletzen. Darin liegt der Unterschied zum reinen egoistischen Handeln. Wenn jede:r seine/ihre Freiheit rücksichtslos zum Ausdruck bringen darf, verliert das gesellschaftliche Fundament an Stabilität.
Rücksicht ist nicht stumpf
Zwischen stumpfem Regelkonformismus und nihilistischer Selbstverwirklichung gibt es auch eine goldene Mitte. Wer kennt ihn nicht, den Spruch „Was du nicht willst, was man dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu“. Wenn wir alle versuchen würden, nach dieser einen Goldenen Regel zu handeln, wären wir bei einem respektvolleren Miteinander. Die Goldene Regel verlangt von uns einen Perspektivwechsel und gegenseitige Rücksichtnahme. Ist das wirklich zu viel verlangt für all die Individualisten da draußen? Uns allen würde es damit deutlich besser gehen.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Deckmantel Gefühl
Intro – Guter Umgang
Alles Lüge!
Teil 1: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
„Das Gefühl, dass hier Nähe entsteht“
Teil 1: Interview – Psychologin Lara Luisa Eder über persönlichen Umgang auf der Arbeit
Nicht sprachlos in den Ruhestand
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal
„Heute sind die Menschen eher bei sich“
Teil 2: Interview – Kommunikationspsychologin Christine Flaßbeck über Sprache im Wandel
Entspannt unterwegs
Teil 2: Lokale Initiativen – Köln: KVB-Kampagne für mehr Freundlichkeit
Dubidu
Teil 3: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
„Ein Stammtisch hat nicht nur negative Seiten“
Teil 3: Interview – Medienwissenschaftlerin Paula Nitschke über politische Influencer:innen
Gut erzählte Wahrheit
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Agentur Kugelfisch Kommunikation in Essen
Öffentlichkeit muss man lernen
Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Kant war lowkey deep
Career Offboarding Experience: Abschied von der Komplexität – Glosse
Sanktionen schaffen keine Stellen
Teil 1: Leitartikel – Politik und Wirtschaft lassen Arbeitslose oft im Stich
Erst das Vergnügen
Teil 2: Leitartikel – Industriearbeit ist ein Auslaufmodell
Klassenkampf von oben
Teil 3: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen
Jedem sein Kreuz
Teil 1: Leitartikel – Über Mündigkeit an der Wahlurne
Die unmögliche Schule
Teil 2: Leitartikel – Lernen und Lehren zwischen Takt und Freiheit
Überwachen und Strafen
Teil 3: Leitartikel – Eine gesenkte Strafmündigkeit würde nicht zu mehr Sicherheit führen, sondern zu mehr Kindern und Jugendlichen im Knast.
Lebensrealität anerkennen
Teil 1: Leitartikel – Schwangerschaftsabbrüche zwischen Strafrecht und Selbstbestimmung
Glaube und Geld
Teil 2: Leitartikel – Gegen den milliardenschweren Kulturkampf der rechten Christen hilft kein Beten
Die Gefahr im eigenen Zuhause
Teil 3: Leitartikel – Gewalt gegen Frauen nimmt zu und betrifft die ganze Gesellschaft
Die Hoffnung schwindet
Teil 1: Leitartikel – Die Politik bekämpft nicht den Klimawandel, sondern Klimaschützer:innen
Drehtür in den Klimakollaps
Teil 2: Leitartikel – Hinter mächtigen Industrieinteressen wird die Klimakrise zum Hintergrundrauschen
Welt statt Wahl
Teil 3: Leitartikel – Klimaschutz geht vom Volke aus