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Egoismus oder Gesellschaftskritik?
Foto: comzeal/Adobe Stock

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28. Mai 2026

Teil 2: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten

Um miteinander halbwegs in Eintracht leben zu können, brauchen wir Menschen Regeln. Regeln ordnen das Zusammenleben, strukturieren Erwartungen und schaffen Orientierung. Ohne Regeln würden wir in Anarchie versinken. Schon die ältesten bekannten Gesetzessammlungen – von Hammurabis Kodex über die biblischen Zehn Gebote bis zur islamischen Scharia – zeigen, dass Gesellschaften früh erkannt haben: Ohne verbindliche Normen drohen Willkür und Chaos. Doch wie weit dürfen Regeln gehen, ohne dass sich der Einzelne in seiner Freiheit erstickt fühlt?

Der andere Knigge

Regeln, an die sich noch unsere Großelterngeneration hielten, etwa die sogenannten Knigge-Regeln, gelten heute bei den meisten als völlig überholt. Wer darf wen zuerst grüßen? Welches Besteck darf wann zum Einsatz kommen? Welcher Abstand zum Gegenüber gilt als sittlich? Wen interessiert das heute noch? Dabei wäre es gar nicht verkehrt, wenn Knigges „Über den Umgang mit Menschen“ wieder in den Fokus rücken würde. Die nach ihm benannten Benimm-Regeln findet man darin gar nicht, denn sie stammen nicht von ihm. In seinem Werk ging es Adolph Freiherr von Knigge nämlich nicht um Gebote und Verbote, sondern vielmehr darum, wie man ein respektvolles Miteinander herstellt, so dass ein Zusammenleben gelingt, trotz unterschiedlicher Interessen und Charaktere. Rücksicht, Empathie und Selbstbeherrschung waren für ihn keine Einschränkung der Freiheit, sondern deren Voraussetzung. Heute sehen das viele Menschen anders.

Schimpfen, schubsen, zustechen

In sozialen Medien, im Straßenverkehr oder im öffentlichen Raum zeigt sich, dass Rücksicht immer häufiger als Zumutung empfunden wird. In der Bahn die Füße auf den gegenüberliegenden Sitz legen und sich gestört fühlen, wenn ein zugestiegener Fahrgast den Sitz beansprucht. Schnell in eine Parklücke fahren, obwohl ein anderes Auto bereits wartet und signalisiert. Die Fast-Food-Verpackung auf der Parkbank liegenlassen oder in jemandes Fahrradkorb entsorgen. Das sehen die, die so handeln, als Ausdruck ihrer Freiheit. Freiheit wird so als individuelles Recht verstanden, das möglichst unbegrenzt gelebt wird. Ich mache, was ich will und scheiß darauf, wie es den anderen dabei geht, scheint die Devise zu sein. Und wehe, wenn jemand versucht, diese Freiheit einzuschränken. Dann wird beschimpft, geschubst und im schlimmsten Fall auch mal zugestochen.

Von wegen Protest

Dabei hat es zu allen Zeiten Menschen gegeben, die Regeln bewusst gebrochen haben. Nicht aus Egoismus oder Gedankenlosigkeit, sondern als Zeichen des Nonkonformismus. Regelbruch kann Protest sein, auf Ungerechtigkeit hinweisen oder verkrustete Strukturen aufbrechen. Sozialer Fortschritt basiert sogar teils darauf. Der reflektierte Regelbruch richtet sich jedoch gegen ein System und nicht gegen den Mitmenschen. Er will verändern, verbessern, nicht verletzen. Darin liegt der Unterschied zum reinen egoistischen Handeln. Wenn jede:r seine/ihre Freiheit rücksichtslos zum Ausdruck bringen darf, verliert das gesellschaftliche Fundament an Stabilität.

Rücksicht ist nicht stumpf

Zwischen stumpfem Regelkonformismus und nihilistischer Selbstverwirklichung gibt es auch eine goldene Mitte. Wer kennt ihn nicht, den Spruch „Was du nicht willst, was man dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu“. Wenn wir alle versuchen würden, nach dieser einen Goldenen Regel zu handeln, wären wir bei einem respektvolleren Miteinander. Die Goldene Regel verlangt von uns einen Perspektivwechsel und gegenseitige Rücksichtnahme. Ist das wirklich zu viel verlangt für all die Individualisten da draußen? Uns allen würde es damit deutlich besser gehen.

Tina Adomako

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