
Die Erinnerungskultur ist zum Ritual verkommen und geht so an der ursprünglichen Intention vorbei: der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken und das einzulösen, was der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno den neuen kategorischen Imperativ nannte, „dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“. „Erziehung nach Auschwitz“ war für ihn „Erziehung zur Mündigkeit“.
Gesellschaft der Mitläufer
Doch eine Gesellschaft, in der Menschen vor allem nach Verwertbarkeit und Herkunft beurteilt werden, produziert zwangsläufig Mitläufer und autoritäre Charaktere. Es wird eine homogene „Volksgemeinschaft“ beschworen, deren Bild nicht beschädigt werden soll, vor allem nicht durch die Erinnerung an Verbrechen, die Jahrzehnte zurückliegen.
Es sind nicht mehr nur Rechtsextremisten, die die deutsche Vergangenheit entsorgen wollen. Auch konservative Kulturkämpfer werden lauter. Im vergangenen Herbst wetterte der Historiker Peter Hoeres gegen Sönke Rix, den neuen Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung. Schon der Titel seines in der Tageszeitung Die Welt erschienen Beitrags konnte als Angriff auf die Institution gelten: „So denkt Deutschlands neuer Chefideologe“. Hoeres schrieb in klassischer Täter-Opfer-Umkehr, dass Rix bislang vor allem durch seine „Hetze gegen ‚rassistische Ressentiments‘ der Union“ auffalle – und ergänzte, das geschehe mit einem „100-Millionen-Euro-Etat“.
Konservativ, rechts – egal?
Zu teuer und einseitig sei die Institution also, anders gesagt: überflüssig. Wo ist hier der Unterschied zu einem AfD-Politiker wie Björn Höcke, der eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert? Von dessen Parteigängern Alexander Gauland („Vogelschiss“) oder Maximilian Krah („Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher“) ganz zu schweigen.
Sollte es die AfD an die Macht schaffen, wird die Zukunft ähnlich düster wie die Vergangenheit, an die nicht mehr erinnert werden soll. Gedenkstätten sind fast täglich Angriffen ausgesetzt und in ihrer Existenz bedroht. Der Direktor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, glaubt zwar nicht, dass eine AfD-Regierung die Gedenkstätten schließen würde, mit einer einfachen Mehrheit im Parlament könnte sie aber „das Stiftungsgesetz ändern, den Stiftungsauftrag anpassen und das Personal austauschen“. Im provisorischen Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt wurde das bereits angekündigt. So weit, so bedrohlich.
Die größte Herausforderung
Doch zu kapitulieren wäre keine Lösung. Eine „Erziehung zur Mündigkeit“, die das Individuum in den Mittelpunkt stellt, die Empathie weckt und sich von einstudierten Ritualen und auswendig gelernten Phrasen löst, könnte ein Anfang sein. Das bliebe allerdings wirkungslos, wenn sich nicht auch die Gesellschaft wandelt. Denn die Mörder, Mitläufer und Zuschauer kamen aus allen Schichten der Bevölkerung. Das wusste auch der Holocaust-Forscher Raul Hilberg: „Die Bürokraten, die mit dem Vernichtungsprozess befasst waren, unterschieden sich in ihrer moralischen Gesinnung nicht vom Rest der Bevölkerung. Der deutsche Täter war kein besonderer Deutscher.“
Die Zeitzeugen und Überlebenden werden weniger. Wichtig wird es daher sein, sich mit der Frage zu beschäftigen, warum diese Menschen zu Opfern wurden und wer sie dazu gemacht hat: Wie hat die nationalsozialistische Gesellschaft funktioniert: politisch, ökonomisch und sozial? Dies ohne Tabus zu analysieren und auf die Gegenwart zu übertragen, ist vermutlich die größte Herausforderung. Gedenkstätten und Institutionen helfen dabei, der Impuls aber muss von den Menschen kommen.
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Intro – Eine eigene Geschichte
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