Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11

12.506 Beiträge zu
3.751 Filmen im Forum

Foto: Zoé Aubry

Hunderte gelbe Schuhe auf Pump

24. Februar 2022

„Der Besuch der alten Dame“ in Bochum – Bühne 03/22

Aus heutiger Sicht ist die Frage, ob eine Gemeinde oder Gesellschaft angesichts monströser monetärer Gewinnerwartung ihre humanitären Grundsätze aufgibt und im nun vogelfreien Raum Mord als Zahlungsmittel akzeptiert, eigentlich seit Jahrhunderten beantwortet. In Europa bringt dieser lukrative Mechanismus seit jeher einträglichen Gewinn für wenige. Postkolonialismus, Rassismus, Katholizismus, Neonationalismus: Die „-ismusse“ scheinen unendlich, unsere europäische Freiheit lebt eben von Ausbeutung und Unterdrückung Dritter bis hin zu deren Tod. Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat diese unheilige Vorgehensweise vor 65 Jahren in seinem Stück „Der Besuch der alten Dame“ auf die Gemeinde Güllen heruntergebrochen. Dort stellt die Milliardärin Claire Zachanassian, einst bei einer Vaterschaftsklage von der bestochenen Justiz der Stadt verhöhnt, die Integrität der Bürger auf die Probe. Betriebsmittel heimlich aufgekauft, hat sie die Gemeinde in den Ruin getrieben und verlangt nun für eine Milliarde Franken zur Wiederaufbauhilfe den Mord am ehemaligen Liebhaber III.

Die „tragische Komödie“ in drei Akten hat Nicolas Stemann vor knapp einem halben Jahr an ihrem Uraufführungsort, dem Schauspielhaus Zürich, neu interpretiert. Die außergewöhnliche Inszenierung wandert im Rahmen von „Transfer Zürich/Bochum“ nun ins Bochumer Schauspielhaus, wo dann wieder Patrycia Ziółkowska und Sebastian Rudolf auf einer ziemlich leeren Bühne sämtliche, also schlapp 30 Rollen spielen und dabei erstaunlicherweise nicht für dramaturgische Verwirrung sorgen. Verwirrung wird im Ruhrgebiet eher die Schweizer Elektrobeat-Ikone Camilla Sparksss (Barbara Lehnhoff) stiften (als Beispiel höre „Europe“, 2013 oder „Womanized“, 2019), die den zentralen Satz in Stemanns Inszenierung „This is what is left of Europe“ immer wieder von ihren Turntables in den Zuschauerraum durchsticht. Die Ordnung in Güllen hat sich derweil radikal auf den Kopf gestellt. Die Inszenierung fragt nicht nur nach Vergeltung und Gerechtigkeit, sondern geht auch der Frage nach, wie aus der Betroffenen eine Täterin wird. Nicht verpassen!

Der Besuch der alten Dame | R: Nicolas Stemann | Mi 2.3. 19.30 Uhr (P) | Schauspielhaus Bochum | www.schauspielhausbochum.de/

Peter Ortmann

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Violent Night

Lesen Sie dazu auch:

Zeichenhafte Reduktion
NRW-Kunstpreis an Bühnenbildner Johannes Schütz verliehen – Theater in NRW 12/22

Lapidares Spiel
Theaterpreis Berlin 2020 – Theater in NRW 02/20

Zu etwas Neuem
„New Joy“ am Schauspielhaus Bochum – Tanz an der Ruhr 02/19

Alle sind gleich, manche sind gleicher
Wunsch und Realität bei Stadttheater und Freier Szene – Theater in NRW 06/18

Die eine kommt, die andere geht
In Neuss und Bochum wechseln die Intendantinnen – Theater in NRW 04/18

„Der Kasper hat sich von keiner Autorität unterkriegen lassen“
Fidena-Chefin Annette Dabs zum Jubiläum unter dem Motto „resist“ – Festival 04/18

Übergriffige Brüllaffen
Die MeToo-Debatte erreicht die Bühnen – Theater in NRW 03/18

Breit und hoch zugleich
Olaf Kröck wird neuer Leiter der Ruhrfestspiele – Theater in NRW 12/17

„Bochum ist nicht nur eine Stadt, sondern ein Zustand“
Lucas Gregorowicz über „Sommerfest“, Bochum und seine erste Jugendliebe – Roter Teppich 07/17

Schriller geht‘s nicht
„Monty Python‘s Spamalot“ und „Der Fluch von Königswinter“ auf Kölsch – Musical in NRW 02/16

Staubige Arena statt gruseliger Tunnel
Anselm Weber inszeniert Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ am Bochumer Schauspielhaus – Auftritt 06/15

Partizipation und Abwehrzauber
Theater als sozialaktivistischer Treibriemen – Theater in NRW 12/14

Bühne.

Hier erscheint die Aufforderung!