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Anders als einstin Wuppertal:Letzte Regieanweisung von Claire Zachanassian: Tod dem Ill
Foto: Thomas Aurin

Staubige Arena statt gruseliger Tunnel

28. Mai 2015

Anselm Weber inszeniert Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ am Bochumer Schauspielhaus – Auftritt 06/15

Ich hoffe, viele Wuppertaler Theatergänger erinnern sich noch anSybille Fabians„Der Besuch der alten Dame“in der Oper. Es war ein vehement mimisches Spiel auf farbloser Bühne, auf der sich gar grausige Szenen abspielten. In einem real existierenden Tunnel warteten skurrile Bürger auf die noch skurrilere Milliardärin. Fabian choreografiert ihre großartigen Schauspieler damals 140 Minuten siechend durch das Stück und An Kuohn war als Claire Zachanassian ein boshafter, rachesüchtiger Cyborg. Ihre zahllosen Prothesen wurden nur vom Hass gegen den kommunalen Hoffnungsträger Ill zusammengehalten, der sie einst schwanger sitzen ließ.Der Hass ist in der 100 Minuten-Inszenierung im Schauspielhaus Bochum kein anderer. Der scheidende Intendant Anselm Weber hat mit Chorälen die Szenen strukturiert, den roten Faden bilden deutsche Jägermetaphern, nebst Jagdhorn-Befehlen. Zur Strecke gebracht werden soll ein Bürger der Kleinstadt Güllen, Trophäe ist eine Milliarde Euro. Bei solchen Summen hat die christliche Werteskala keine Bedeutung mehr. Deutscher Humanismus, was war das noch?

Alex Harb hat auf die große Bühne eine dunkle Arena aus Lärmschutzwänden gebaut. Güllen ist abgeschottet gegen die Welt da draußen, Güllen ist wirtschaftlich am Ende, verkehrstechnisch längst abgeschnitten, höchste Zeit, dass die Milliardärin kommt und in ihre Heimatstadt investiert. Doch wie wir wissen, kommt alles anders als es sich die „braven“ Bürger erhoffen. „Im Walde möchte‘ ich leben zur heißen Sommerzeit.“ Noch singen sie den Choral vom altenAugust Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), noch glauben die zehn Abgesandten an Tradition und Werte, da hält, oh Wunder, der Intercity nach Neapel – kein Wunder, Claire Zachanassian hat die Notbremse gezogen, zahlt den Strafzettel und wird auf einer Sänfte in die Stadt getragen. Tumult, Begrüßungsreden, Anbiederei und die Ankündigung der einen Milliarde Euro. Güllen scheint wieder da zu sein. Die Arena-Lärmschutzwände werden flugs abgebaut, der Blick auf die runde Manege mit grauem Sand freigegeben. Hier findet der Dressurakt der Bevölkerung statt. Die intonieren noch schnell die Ode „Freude schöner Götterfunken“. Dann platzt die Bombe: Die Zachanassian stellt ihre gruselige Bedingung. Anselm Weber inszeniert mit klassischen Bildern, ziemlich unaufgeregt, aber trotz der Textstreichungen immer folgerichtig. Fast religiös muten die Positionswechsel der Bürger an, immer wieder stellen sie sich auf, zum Choral oder als Schaulustige. Stille Bewegung, die von einer ausgezeichneten Lichtregie von Bernd Felder getragen wird.

Die eigentliche Groteske manifestiert sich hier nur in dendeutsche Jägermetaphern und dem Liedtafel-Gesang. Der Deal ist dagegen ziemlich zeitgenössisch kapitalistisch: Kohle gegen den Tod von Jugendfreund Ill, der sie einst schwanger sitzen und aus der Stadt jagen ließ. Ihre „Gerechtigkeit“ kann sie sich locker leisten. Anständig ist eben nur wer zahlt. „Näher, mein Gott, zu dir“, die Stadt hat schon das Trauerlied aus dem christlichen Gesangbuch parat, tot ist der Krämer Ill da noch nicht, aber alle haben bereits Optionen in Form von Krediten auf sein Ableben gezogen.

Klar, Tatort-Staatsanwältin Mechthild Großmann ist als Claire Zachanassian natürlich publikumswirksam, aber eben auch eine großartige Theaterschauspielerin und irgendwie auch eine Idealbesetzung, wie sie da mit rauchiger Stimme ihre Ehemänner durch die Manege treibt, die Bürger aufwiegelt, aber auch mal sentimental mit Ill alte Erinnerungen auffrischt. Da nimmt man ihr das arme Mädchen von damals genauso ab wie die Hure in Hamburg. Auf Capri wird Ill ins Mausoleum kommen, den Sarg hat sie schon im Gepäck. Der hat sich längst in sein Schicksal ergeben, nur umbringen müssen ihn die Bürger selbst. Die Stadt organisiert willig ein Tribunal. Kein Schuss, kein Schrei, die Werte des Abendlands außer Vollzug. „Die Sau ist tot“ wird geblasen. Keine spektakuläre, aber eine gute Inszenierung ist zu Ende. Auf der Liedertafel steht auch nichts mehr. Lassen wir es beim scheinheiligen „Tod aus Freude“.

„Der Besuch der alten Dame“ | R: Anselm Weber | So 7.6. 19 Uhr, Fr 19.6. u. Sa 27.6. 19.30 Uhr, So 28.6. 18 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

PETER ORTMANN

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