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Annette Dabs
Foto: Simon Bauks

„Der Kasper hat sich von keiner Autorität unterkriegen lassen“

29. März 2018

Fidena-Chefin Annette Dabs zum Jubiläum unter dem Motto „resist“ – Festival 04/18

engels: Frau Dabs, das Leblose erwacht – Widerstand ist zwecklos?
Annette Dabs: Also ich finde das sehr gut. Wenn man bewusst kapituliert vor Schönheit und Wahrheit und vor dem, was einen vielleicht völlig überrollt. Damit bin ich sehr einverstanden. Ansonsten denke ich, dass Widerstand heute an allen Ecken und Enden notwendig und dringend angesagt ist – leider. Das hätte ich vor ein paar Jahren nicht so gesagt.

60 Jahre Fidena: Ist das Figurentheater in der Kunstwelt angekommen?
Unbedingt. Aber das ist es schon lange. Im Figurentheater gehen Bildende Kunst und Darstellende Kunst eine wunderbare Synergie ein. Die Künstler, die in diesem Bereich arbeiten, kommen sehr oft aus der Bildenden Kunst, auch im aktuellen Programm. Und wir hatten schon Festivalprogramme, wo es sogar noch stärker um die Freiheit der Kunst und den visuellen bildnerischen Aspekt ging als in diesem Jahr.

Wie stark haben sich die Spielformen in den 60 Jahren verändert?
Die Grundformen haben sich gar nicht so sehr verändert, wie immer gibt es natürlich Marionetten, Handpuppen, große geführte Puppen. Viele Dinge sind eher Varianten der Grundform. Sehr gutes Beispiel ist das Papiertheater, was eine sehr alte, sehr bürgerliche Form ist, die schon in den Wohnzimmern der Romantik aufgetaucht ist und heute wieder eingesetzt wird. Zum Beispiel hat das französische Compagnie Papierthéâtre mit „Ein Geheimnis der Straße“ diese Form in eine sehr zeitgemäße überführt. Das ist zwar nach wie vor zweidimensionales Papiertheater, wo Silhouetten rein- und rausgeschoben werden, aber das sind eben zeitgenössische Fotos, die das Gefühl vermitteln, man sei inmitten einer iranischen Großstadt.

Mehr als 30 Produktionen aus 13 Ländern an 12 Spielorten. Wie kommt es denn zu Auftragsarbeiten?
Stefanie Oberhoff hat mit mir zusammen bei der letzten Fidena ja die Produktion „Moondog“ gemacht. Der habe ich gesagt, ich möchte jetzt den größten Kasper der Welt haben. „Moondog“ war sozusagen unsere Generalprobe, was gigantische Figuren angeht. Ich habe gedacht, wir brauchen den Kasper in diesem Jahr bei „resist“ wieder auf dem Festival, in unserem Falle heißt er Punch und ist ein weiblicher Punch.


„Ein Geheimnis der Straße“, Foto: Papierthéâtre

Aber nett wird er nicht?
Der Kasper ist von jeher der aufsässigste, die anarchischste Figur im Figurentheater und hat früher auf den Jahrmärkten das geredet, was Volkes Stimme war. Er hat sich von keiner Autorität unterkriegen lassen, hat den Henker selber in die Schlinge gehängt, den Tod besiegt, die Polizei verhauen. Der ist ein ewiger Rebell und muss auf dem Festival sein, als größter Punch der Welt.

Und wie passt die Kohle ins künstlerische Konzept?
Die Kohle ist zu uns gekommen. Das hat auch was mit unserem Motto „resist“ zu tun, es gab hier im Ruhrgebiet so viel Widerstand zum einen gegen das Ende des Kohleabbaus, Widerstand gegen die Schließung der Zechen – all diese Widerstände sind ja historische Widerstände und darum geht es auch in diesem Programm. Weil in diesem Jahr die letzte Zeche hier im Ruhrgebiet geschlossen wird, sind die Ruhrkunstmuseen auf uns zugekommen und haben gefragt, ob wir nicht zu dem Thema eine Auftragsproduktion vergeben könnten. Das ist eine wunderbare Sache, mit der ich nie gerechnet hätte, denn diese Verbindung hätte es vor ein paar Jahren noch nicht gegeben.

Annette Dabs
Foto: Simon Bauks

Annette Dabs, in Lübeck geboren, ist gelernte Opern- und Schauspielregisseurin. Seit 1997 ist sie Geschäftsführerin des Dt. Forums für Figurentheater und Puppenspielkunst e.V. (dfp) und seit 15 Jahren Künstlerische Leiterin von FIDENA, einem der wichtigsten Festivals seiner Art in Europa. Sie ist Vizepräsidentin des Weltkongresses der weltweiten Vereinigung für Puppenspielkunst (UNIMA) und Trägerin des Ehrenrings der Stadt Bochum.


Welche Produktion ist es geworden?
Die Compagnie Freaks und Fremde mit der Uraufführung von „Carbon“, einer Weltreise zur Kohle. In diesem Zusammenhang kommt auch „The Dorf“ in die Herner Flottmannhallen. Das ist auch so ein widerständisches Kollektiv von 35, 40, man weiß gar nicht so recht wie viele Musikern, und die spielen, obwohl sie kein Geld haben, in so einer großartigen Formation zusammen. Die nennen sich ja soziale Installation und sind auf einem hohen musikalischen Niveau. Deswegen bin ich froh, dass die auch mit im Programm sind.

Gibt es das Highlight?
Für mich ja. Wir hatten noch nie ein Gastspiel aus Südamerika und jetzt kommt Mariano Pensotti mit „Das lodernde Leuchten der Wälder in der Nacht“. Das läuft im Essener Grillo-Theater. Da geht es um den historischen Widerstand, es geht um 100 Jahre Russische Revolution, und das Geniale an dieser Aufführung ist, dass es Puppenspiel, Schauspiel und Film dramaturgisch verwebt. Es ist ein grandioses Stück.

Viele Produktionen unterstützen den weiblichen Widerstand?
Ja, und da kommen wir zum zweiten Highlight. Das ist „Sorry, boys“ von der jungen Italienerin Marta Cuscunà. Die Geschichte handelt von 18 ganz jungen Mädchen in einer Schule in Massachusetts und ist eine wahre Geschichte, die vor einigen Jahren stattfand. Die sind alle gemeinschaftlich schwanger geworden und niemand hat sie davon abbringen können, die Eltern nicht, die Lehrer nicht, der Schulleiter nicht – der ist gefeuert worden. Und auch die Jungs nicht, die ja im gleichen Alter sind, die werden nun Väter und können nichts dagegen tun, haben aber auch selber schuld. Die junge Regisseurin hat recherchiert und herausgefunden, dass das eine Reaktion war auf häusliche und männliche Gewalt an diesem Ort. Und das hat dazu geführt, dass diese Mädchen ihre Kinder untereinander aufgezogen haben, als weibliche Gemeinschaft, ohne die Eltern, ohne die Jungs. Und die Männer des Ortes haben zum Schluss eine große Demonstration durch den Ort, gegen männliche Gewalt gemacht. Das ist eine unglaubliche, spannende und berührende Geschichte und Marta Cuscunà spielt das alles ganz alleine – grandios.

Das Virtuelle bekommt immer mehr Wertigkeit. Macht sich der Geist in der Hülle langsam selbstständig?
Bei uns auf dem Festival ist das noch nicht so weit. Ich merke immer mehr, dass es diese Versuche gibt – gerade im Figurentheater, denn die Puppe ist ja der erste Avatar des Menschen. Da ist es nur folgerichtig, dass das Figurentheater sich sehr stark mit der Digitalität, mit dem Gaming und so weiter auseinandersetzt. Die Ergebnisse sind noch nicht so, dass sie mich überzeugen. Ich finde aber die Experimente, die  gemacht werden, hochgradig interessant. Wir haben mit „No Strings Attached“ eine Produktion von systemrhizoma im Programm, die auch den Fritz-Wortelmann Preis gewonnen haben und die mit digitalen Marionetten über Kontrolle und Manipulation arbeiten.

Also sind wir vom Mythos Pygmalion noch weit entfernt?
Bei uns ja. 

Fidena – Figurentheater der Nationen | 9. - 18.5. | Bochum, Essen, Hattingen, Herne | www.fidena.de

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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