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Selbst eine Bonbontüte hilft dem Nussknacker, doch die Zuckerfee will Geburtstagslieder
Foto: Uwe Schinkel

Krakatuk erst spät geknackt, Pirlipat dennoch gerettet

29. November 2022

„Der Nussknacker“ am Opernhaus – Auftritt 12/22

Es war einmal... Alle wissen jetzt, die kommende Geschichte stammt aus einer Welt hinter unserer, einer Gegend, die von kindlicher Fantasie und endloser Kreativität genährt wird. In der Wuppertaler Oper ist die mysteriöse Geschichte vom lebendigen Nussknacker in diesem Jahr das Familienprogramm für die Weihnachtszeit. Regisseur Henner Kallmeyer und die Dramaturgin Elisabeth Wahle inszenieren eine eigene Bühnenfassung der alten E.T.A. Hoffmann Story, die Pjotr Iljitsch Tschaikowski Ende des 19. Jahrhunderts zu einem der berühmtesten Märchen-Ballette inspirierte. Auch in Wuppertal stammt die Musik von ihm, arrangiert von Oliver Ostermann.

Auf der großen Bühne steht ein mächtiges Sofa, eine Stehlampe liefert warmes goldenes Licht. Dann hebt sich der Eiserne und das Gewusel der Festtagsvorbereitungen setzt ein, schließlich ist ja Heiliger Abend. Marie (Rebekka Biener) und Fritz (Tim Alberti) sind schon ganz aufgeregt, die Köchin Berta (Nora Krohm) sucht verzweifelt die Soßen-Terrine der wohlhabenden Familie und der Pate Drosselmeier (Alexander Peiler) erzählt dem Publikum die wichtigsten Inhalte. Schon in der ersten Szene zeigt sich der Zauber einer solchen Aufführung, wenn die verrührten Ingredienzien stimmen. Und an diesem Abend passt hier bereits alles: eine schnelle witzige Choreografie, Fritz glänzt mit ein paar lustigen Sprüchen und ein Blick auf die Kostüme (Silke Rekort) zeigt, wie detailreich hier gearbeitet wurde, da stimmt jeder Knopf und jede Rüsche. Warum aber die Bootsmannspfeife in Drosselmeiers Weste nicht zum Einsatz kam, das wird nur der geheimnisvolle Pate selber wissen, der auch der Schlüsselmeister zu sein scheint. Kallmeyers kluge Regie erzeugt immer wieder auch kuriose Nebenschauplätze, die die Handlung umrahmen. So lässt er beim Weihnachtsessen den Tisch nicht mit Suppe, sondern mit Goldflitter besprühen oder einen Fotoblitz als Waffe benutzen. Seine Protagonisten aus Theaterensemble und dem inklusiven Schauspielstudio sprühen vor Spielfreude und Engagement für das fantastische Geschehen, dass jetzt in der Nacht zum Leben erwacht. Marie hat den Nussknacker vom Paten geschenkt bekommen und Fritz hat ihn kaputt gemacht. Doch jetzt ist der notorische Reimer (Kevin Wilke) lebendig geworden und sucht Hilfe für die Rettung der zwischen Tag und Traum schwebenden Prinzessin Pirlipat (Flora Li).

Die grandios und live spielenden Musiker:innen des Wuppertaler Sinfonieorchesters intonieren immer wieder mal Tschaikowskis Nussknacker-Suite, dann wird aus dem großen Bett Maries ein Segelschiff und so reist man ins Schlaraffenland, wo die böse schwarze Mausekönigin ihr Unwesen treibt. Aber dort tauchen auch merkwürdige Wesen auf, der Hampelmann, der Hase und die Eisenbahn und eine lebendige Bonbontüte (Aline Blum). Trotz der anhaltenden Dauerbewegungschoreografie bleiben alle Protagonist:innen erstaunlich präzise, die bunten Bühnenbilder und exquisiten Requisiten (Isabell Ziegler) verblüffen durch die 70-minütige Aufführung. Am Ende geht alles gut aus, Marie hat die extrem harte goldene Nuss Krakatuk längst im Besitz, dann überwindet sie ihre Angst und verjagt die böse Mausekönigin, gemeinsam retten sie die Prinzessin – aus die Maus, die Nuss ist geknackt. Marie erwacht am Weihnachtsmorgen. War alles nur ein Traum? Und wenn sie nicht gestorben sind ...? Dem begeisterten Premierenpublikum war erst mal nach mächtigem Beifall zumute, diese Fragen diskutiert man mit den Kindern traditionell auf dem Nachhauseweg.

Der Nussknacker | R: Henner Kallmeyer | 4., 7., 11., 12., 13., 14., 21.12. | Opernhaus Wuppertal | 0202 563 76 66

Peter Ortmann

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