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Die Vermarktung des Mysteriums lohnt sich
Foto: Uwe Schinkel

Die Vermarktung des Mysteriums

30. Mai 2018

Neil LaButes „Zur Mittagsstunde“ im Engelstheater – Auftritt 06/18

Wunder gibt es immer wieder. Selbst für ein armes Würstchen wie John Smith, der zur Mittagsstunde als einziger einen blutigen Amoklauf überlebt, der allen seinen Kollegen in der Firma das Leben kostete und der ihn anschließend zum Propheten werden ließ. Auch wenn man weiß, dass wenn einmal ein Wunder geschieht, noch lange nicht alle Wünsche wahr werden: John Smith scheint nach dem Anschlag nur verwirrt. Im Wasserbecken an der Rampe sucht er sein Spiegelbild, doch auch die Kneippsche Gangart verwirbelt die Realität. Also rauf auf die Ebene, hinein in die Welt aus fluoreszierenden Goldfäden, in denen nichts mehr so sicher ist, selbst die eigene Wahrnehmung. Schon früh hebt Regisseurin Schirin Khodadadian auch die Welt, in der sich Smith neu verorten möchte, aus den Angeln: Wasserbecken, Spiegelflächen, blendende Lichtschauer, nur Gottes Präsenz scheint irgendwie unauffindbar. Der US-Dramatiker Neil LaBute (55) ist einer der meistgespielten zeitgenössischen Autoren in Europa. In „Zur Mittagsstunde“ (von 2010) will er zeigen, wie Glauben sich wegen seiner Unerklärbarkeit und der damit verbundenen Sprachlosigkeit immer weiter verflüchtigt, wie sein Hauptprotagonist nicht nur am Zynismus seiner Umwelt scheitert.

Thomas Braus ist dieser John Smith, der die unerhörten Vorgänge zu seiner Erleuchtung, dem Schrecken im Kopierraum und auch die Ansage Gottes anfangs ruhig und gelassen vorträgt und der den langen Nachhall der Katastrophe nicht mit Depression, sondern mit Predigten füllen will. Viel passiert in den langen Monologen nicht, langsam bewegen sich die Personen durch den flimmernden Nichtraum. Das Innen und Außen hat die Regisseurin geschickt verwoben, der Zuschauer erkennt die Szenerie nicht sofort. Rein dialogisch kommt der Text daher, mit nie mehr als zwei handelnden Charakteren wird die Geschichte erzählt, die von Anfang an auch Haken und Ösen erzeugt. John Smith hat ein Handy-Foto gemacht, von einer verstümmelten Leiche und dem Täter. Sein Anwalt erkennt die zeitgenössische Goldader, die ein solches Bild erzeugt. Gott ist dummerweise nicht darauf zu erkennen, aber Stefan Walz lässt die Figur des Anwalts vorsichtig argumentieren und schürt dennoch die Euphorie. Da sind Millionen im Spiel, die der frisch gebackene Prophet natürlich auch für seine „heilige Mission“ nutzen will.

Aber zuerst will er sein verkorkstes Leben in Ordnung bringen. Seine Ehe hat er ruiniert, die Schwägerin ausgenutzt. Doch der Weg vom Saulus zum Paulus ist steinig und dornenreich. Seine Frau und seine Geliebte (alles Philippine Pachl) nehmen ihm die Offenbarung zum Besseren nicht ab. Die Regie aktualisiert nun die Fassung: Das Fernsehen und die öffentliche Meinung schalten sich ein, ein bisschen Witz kontrastiert die Gedankenspiele, die Choreografie bleibt gemächlich, wenn auch Philippine Pachl als Moderatorin Jenny gekonnt herumflippt. Doch das Flimmern hemmt langsam die Augen, der Kommissar (auch Stefan Walz) hemmt John Smiths Tatendrang im Taufbecken. Er entlockt dem die ganze Geschichte, denn eigentlich sind Smith und seine Kollegen die Ursache der Bluttat. Sie haben den Täter bis an die Schmerzgrenze gemobbt. Smith hat ihn dann boshaft entlassen. Das göttliche „Du sollst gerettet sein“ wird immer unglaubwürdiger. Eigentlich hatte die Knarre, mit der er erschossen werden sollte, dreimal Ladehemmung, dann richtete der Amokschütze sie erstaunt gegen sich selbst und drückte ab.

Das Problem mit dem Stück ist eigentlich nicht die Suche nach der neuen Selbsterfindung oder die Frage, ob es erlaubt ist, wenn man sich diesen Reset mit dem Foto der verstümmelten Frau und dem Täter erkauft. Es bleibt die Frage nach dem Vorleben und der Schuld, die John Smith auf sich geladen hat und die eigentlich schon deshalb den Neustart und seine Offenbarung verhindert. Schirin Khodadadian zeigt dies anschaulich, wenn Smith in den Dialogen, mit denen er die Menschen aus seiner Vergangenheit wieder versöhnen will, in alte Muster zurückfällt. Und Thomas Braus spielt immer, als halte er das Böse mühsam zurück. Gott oder nicht. Insofern sind viele Gedankengänge als Zuschauer sehr spannend und bleiben über den Schluss hinaus tricky. Dennoch: Schade, dass die Knarre Ladehemmung hatte.

„Zur Mittagsstunde“ | R:Schirin Khodadadian | So 3.6. 16 Uhr, Fr 22., Sa 23.6., Do 5.7. je 19.30 Uhr | Theater am Engelsgarten, Wuppertal | 0202 563 76 66

PETER ORTMANN

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