
engels: Frau Baier, was steckt hinter der Debatte um die Selbstbestimmung der Frau bei einer ungewollten Schwangerschaft?
Alicia Baier: Wir merken immer wieder deutlich, dass gesellschaftliche Machtdynamiken, die durch das Patriarchat geprägt sind, mit hineinwirken. Das sind speziell äußere Kräfte wie der Staat oder die Kirche. Es geht viel um Ausübung von Macht und Kontrolle über Menschen, die schwanger werden können und um Bevölkerungspolitik. Darum, wer Kinder bekommen soll und wer nicht. In dieses Raster fallen auch Abtreibungsverbote.
Ähnlich, wie in der DDR Regime-Kritikern Kinder weggenommen und dann von Linientreuen adoptiert wurden?
Das kann man auch darunter fassen. So eine selektive Bevölkerungspolitik hat es schon oft gegeben. Im Nationalsozialismus sollten arische Frauen vier Kinder kriegen und bekamen dann das Ehrenkreuz der Mutter. Und Frauen, deren Nachkommen nicht erwünscht waren, mit Erkrankungen, oder Sinti, Roma oder Jüdinnen wurden zwangssterilisiert oder zur Abtreibung gezwungen. Auch in Peru wurden Ende des 20. Jahrhunderts sehr viele indigene Frauen ohne ihr Wissen zwangssterilisiert, obwohl sonst aber in Peru ein sehr strenges Abtreibungsverbot gilt. In den USA gibt es Beispiele, wo indigene Frauen zwangssterilisiert wurden. Auch global: Der reiche Norden hat zum Teil Entwicklungsprogramme mitgeführt, durch die im globalen Süden bei ärmeren Frauen vor allem Langzeitverhütungsmittel eingesetzt wurden, häufig ohne eine richtige Wahlfreiheit oder Beratung. Das ist ein großer Eingriff in die reproduktiven Rechte dieser Menschen. Es gibt sehr viele Beispiele dafür, dass ein Staat ein Interesse daran hat, zu steuern, wer Kinder bekommt und wer nicht. Auch in Deutschland gibt es Parteien, deren Programm ganz stark die Familie als Kern der Nation propagiert. Die AfD Sachsen-Anhalt fordert in ihrem aktuellen Wahlprogramm die Einführung eines Begrüßungsgeldes für Neugeborene, allerdings nur für diejenigen, deren Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit haben.
„Es geht um Bevölkerungspolitik“
Frauen, die sich zu einer Abtreibung entschließen, haben Mühe, geeignete Praxen zu finden.
Für die Betroffenen bedeutet es eine große psychische Belastung, weil sie häufig mehrere Praxen abtelefonieren müssen, weitere Fahrtwege in Kauf nehmen müssen, höhere Transportkosten haben, die Kinderbetreuung organisieren müssen. Wenn dadurch der Abbruch später stattfindet und die Schwangerschaft voranschreitet, die Schwangerschaftsanzeichen wahrgenommen werden, ist das sehr belastend, vor allem, wenn man schon sicher weiß, dass man diese Schwangerschaft nicht möchte. Da fühlt sich jeder Tag an wie eine ganze Woche. Dazu kommt noch die Stigmatisierung aus dem persönlichen Umfeld oder vom Gesundheitspersonal.
„Stigmatisierung aus dem persönlichen Umfeld oder vom Gesundheitspersonal“
Auch die Beratungspflicht wird diskutiert. Ist eine Beratung nicht immer positiv, weil sich dabei den Frauen neue Hilfen eröffnen?
In der Tat denken viele Menschen, die Beratungspflicht solle der Schwangeren dienen. Laut Strafgesetz dient sie jedoch dem Schutz des Embryos. Es geht darum, die Schwangere von der Fortführung der Schwangerschaft zu überzeugen. Es ist also eine gerichtete Beratung, keine offene. Trotzdem versuchen in der Praxis viele Beraterinnen, so ergebnisoffen wie möglich zu informieren. Das sieht auch das Schwangerschaftskonfliktgesetz so vor. Trotzdem könnte sich zum Beispiel eine AfD-Regierung auf das Strafgesetz berufen und einseitige Beratung einfordern. Pro Familia selbst, als größte Beratungsorganisation, ist für die Abschaffung der Beratungspflicht, weil eine Beratung nur Sinn ergibt, wenn die Person freiwillig kommt. Deswegen empfiehlt ja auch die Weltgesundheitsorganisation eben, eine Beratungspflicht durch ein Recht auf Beratung zu ersetzen.
„Beratungspflicht: Es geht darum, die Schwangere von der Fortführung der Schwangerschaft zu überzeugen“
Oft heißt es, die Zahl der Abbrüche nähme zu, wenn sie entkriminalisiert würden.
Nein, denn Verbote treiben Abbrüche nur in die Illegalität, aber verhindern sie nicht. Das sieht man schon in anderen europäischen Ländern. Polen hat ein sehr strenges Abtreibungsverbot. Dort werden offiziell nur sehr wenige Abtreibungen pro Jahr durchgeführt, aber inoffiziell wird die Zahl auf 80.000 bis 200.000 pro Jahr geschätzt. Damit hat Polen eine deutlich höhere Abbruchsrate als Deutschland. Gleichzeitig sehen wir in Ländern wie Schweden und Frankreich – die haben ein sehr liberales Abtreibungsgesetz, also einen guten Zugang – trotzdem die höchsten Geburtenraten in Europa. Dort greifen nämlich Maßnahmen wie staatliche Kinderbetreuung, bezahlbare Mieten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das sind Faktoren, die es Menschen ermöglichen, Kinder zu bekommen.
„Kinderbetreuung, bezahlbare Mieten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Das sind Faktoren, die es Menschen ermöglichen, Kinder zu bekommen“
Wann beginnt denn der Zusammenschluss von Samen und Eizelle „ein Mensch“ zu sein? Gibt es da wissenschaftliche Erkenntnisse?
In der Medizin gibt es darüber keinen Konsens. Weder die Medizin noch die Biologie kann die Frage beantworten, wann Leben beginnt. Das ist am ehesten eine philosophische Überlegung. Wir wissen, dass die Menschenrechte und die Grundrechte ab Geburt gelten. Selbst die katholische Kirche sieht erst seit 1869 den Embryo ab Befruchtung als beseelt an, deswegen gilt eine Abtreibung in der katholischen Kirche ab Befruchtung als eine schwere Sünde. Die längste Zeit des christlichen Werteverständnisses galt jedoch die Ansicht, dass der Embryo in der Frühschwangerschaft eben nicht beseelt ist und deswegen eine Abtreibung Privatangelegenheit. Man sieht daran, dass die Vorstellung, ab wann ein Mensch Mensch ist, über verschiedene Zeiten und Kulturen unterschiedlich ist. Und ich glaube, wenn Sie zwanzig Leute fragen, werden Sie zwanzig unterschiedliche Antworten bekommen. Für mich hat der Embryo das Potenzial, ein Mensch zu werden, ohne Frage. Aber das ist eben nur ein Potenzial und geknüpft an die Schwangere, daran, ob sie es mit ihrem Körper ermöglichen möchte. Genau deswegen ist die Schwangere meine Patientin. Sie sitzt vor mir mit ihrer Lebensgeschichte, mit ihren Ressourcen und sie behandle ich als Gynäkologin.
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