Manche Dinge scheinen auf den ersten Blick nicht zu passen. Sardinen und Schokolade. Tom und Jerry. Ehe und Glück. So mag es sich auch mit den Wörtern Öko und Disco verhalten. Ökologie galt lange Jahre als ein Synonym für Verzicht. Diskotheken und Clubs wiederum sind eher die Tempel des Hedonismus. Latzbehoste Grünkernbrätlingesser und miniberockte Schönheitsköniginnen boten bislang nur einen publikumswirksamen Kontrast in TV-Formaten wie „Das Model und der Freak“. In der Realität lebten Umweltaktivisten und Szenegänger in Parallelwelten. Doch die Zeiten ändern sich. Die LOHAS-Bewegung versucht mit Macht, Lifestyle mit Wildlife zu verbinden. Diese Tendenz nutzt eine Initiative aus Berlin. Der „Green Club Index“ möchte Diskotheken und andere Veranstalter dazu bewegen, auf umweltfreundliche Technologie umzusteigen und ressourcensparend zu wirtschaften. Laut Aussage der Initiative verbraucht eine durchschnittliche Location im Jahr 150.000 kWh Strom. Das entspricht dem Bedarf von 40 Drei-Personen-Haushalten. Geht man von über 5.000 Diskotheken in Deutschland aus, kommt schon ein erklecklicher Verbrauch in diesem Zweig der Freizeitindustrie zusammen. Noch gieriger sind Großevents. Ein durchschnittliches Festival pulvert die CO2-Emissionen einer Stadt von 50.000 Einwohnern in die Luft, erklärt Fritz Reusswig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
In Nordrhein-Westfalen haben sich nun sechs Clubs an der Initiative beteiligt. Zunächst wurde ermittelt, wie viel Strom pro Besucher und Jahr an jedem Veranstaltungsort verbraucht wird. In einem zweiten Schritt wurden einfache Energiesparpotentiale gesucht und gefunden. Weniger Beschallung und Beleuchtung sind die Energiefresser, so stellte sich heraus, als die Kühlung der Getränke. Englische Pubs mögen dieses Problem nicht so sehr haben. Aber der Kontinentaleuropäer trinkt sein Kaltgetränk gerne kalt. Allerdings helfen zuweilen ganz einfache Maßnahmen, Strom zu sparen. Daumendicke Eisflächen vor den Kühlaggregaten schützen nach dem Iglu-Prinzip Saftflaschen vor der Kälte. Sind zusätzlich die wärmeableitenden Flächen an der Rückseite der Kühlschränke mit dicken Staubschichten verhangen, ackert der Wärmetauscher doppelt unnütz. Auch müssen die Kühlungen nicht die ganze Woche laufen, wenn der Veranstaltungsort zum Beispiel nur am Wochenende geöffnet hat. Energieeffiziente Neuanschaffungen können natürlich auch bares Geld bringen, sobald sich deren Kosten durch die Einsparung amortisiert haben. Und das ist oft nach zwei Jahren schon der Fall. Die beteiligten Clubs in NRW waren durchaus überrascht, welche Sparpotentiale durch einfache Maßnahmen auszuschöpfen waren.
„Wir laufen nicht mit dem Zeigefinger herum“
Das Modellprojekt, bei dem sich bislang mit dem Butan und dem eventum nur zwei Veranstalter in Wuppertal beteiligt haben, kann durchaus Nachahmer gebrauchen. Dabei geht es den Organisatoren des „Green Club Index“ nicht nur um das ganz praktische Einsparen von CO2-Emissionen, sondern auch um eine Änderung des Verständnisses der Besucher. Wer feststellt, dass seine Stammdisco ökologisch denkt und handelt, ist vielleicht dadurch auch motivierter, seine eigenen Verbrauchsgewohnheiten zu ändern. Außerdem soll es trotz anderslautender Gerüchte auch beim eher jungen Publikum Menschen geben, denen das Thema Klimawandel nicht egal ist. Manche Wirtschaftsunternehmen machen inzwischen mit ihrem grünen Image sogar Werbung. Eine Kinokette erklärt in einem Spot vor jedem Hauptfilm, dass sie nur Strom aus regenerativen Quellen nutzt. Bierbrauereien retten den Regenwald. Autos lassen Bäume sprießen. Limonade ist aus biologisch angebauten Zutaten hergestellt. Ähnliche Marketingeffekte nutzen inzwischen auch Musiker. Die englische Band „Radiohead“ vertröstete einen Talkmaster in New York, der sie in seine Sendung eingeladen hatte, mit einer Videobotschaft. Der Flug in die USA sei ökologisch für einen kurzen TV-Auftritt nicht zu rechtfertigen. Talkmaster und Band profitierten durch diese unkonventionelle Teilnahme an der Show durch gesteigerte Aufmerksamkeit, die Umwelt durch ein paar gesparte Liter Kerosin. Auch die Helden von früher werden wieder aktiv. Der alte Neil Young ließ vor ein paar Jahren seinen legendären Lincoln Continental Cabrio MK IV umbauen. Der Acht-Zylinder-Motor mit einem Hubraum von 7,5 Litern flog raus. Stattdessen wurde ein mit Biosprit betriebener Wankelmotor mit ergänzender Hybridtechnik eingebaut. Die Umrüstung vom Schluckspecht zum grünen und trotzdem amerikanischen Traum beschrieb er in dem Song „Johnny Magic“. Ob man allerdings weit über zwei Tonnen Blech bewegen muss, um einem älteren Herrn eine Freude zu machen, bleibt dahingestellt.
Auch die Initiatoren vom „Green Club Index“ wollen niemandem Zumutungen abverlangen. Jacob Bilabel erklärt auf der Homepage, dass die Initiative das „…unsexy Thema Energieeffizienz in den Club“ bringt. Der Club soll nach seiner Meinung ein Ort der Vergnügung bleiben. „Wir laufen da nicht mit dem Zeigefinger herum. Der Club ist genauso laut, genauso schön und genauso lustig, aber wir werden in Zukunft weniger Strom dafür verbrauchen.“ Das klingt verlockend. Fisch und Schokolade bilden in der mexikanischen Küche übrigens eine phantastische Kreation.
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