Auch unterhalb der Etage mit den spektakulären Ausstellungen zu Klassikern der Moderne passiert im Von der Heydt-Museum eine Menge. So hat sich eine lockere Ausstellungsfolge mit eher einzelgängerischen Positionen etabliert, die das Gegenständliche der letzten hundert Jahre bereichern, aber nicht aus den Angeln heben. Weniger, dass sie Stile begründen, als vielmehr, dass sie diese vertiefen und variieren. Die Künstler sind weitgehend vergessen oder für das große Publikum noch nicht entdeckt.
Das gilt auch für den Zeichner Jochen Stücke, der 1962 in Münster geboren wurde und als Professor für Zeichnen und Druckgrafik an der Hochschule Niederrhein in Krefeld unterrichtet. Jochen Stücke arbeitet mit der Zeichnung klassisch gegenständlich auf handwerklichem Fundament, im moderaten Format auf Papier, dabei impulsiv expressiv und skizzenhaft. Er sprengt das Format geradezu und treibt die Linie in alle Himmelsrichtungen. Seine Federzeichnungen wirken wie getrieben, fast manisch auf Schritt und Tritt, auch wenn das, was er zeigt, meist der eigenen kombinatorischen Erfindung folgt. Stücke übersetzt in Bilder, was er liest und an klassischer Kunst sieht. Dabei verknüpft er verschiedene Zeiten und Ebenen und erzeugt mitunter einen surrealen Ton. Alles ist vorübergehend, im Kippen begriffen und mit den Mitteln von Licht und Schatten atmosphärisch verdichtet.
Fixpunkt und roter Faden seiner Kunst ist seit einem Jahrzehnt Paris, wohin er immer wieder reist und in die Kultur und Geschichte eintaucht. Auf dieses Themenfeld konzentriert sich nun die Ausstellung in Wuppertal, der es gelingt, Zusammenhänge deutlich zu machen und doch jede Zeichnung für sich zu würdigen. In einer inhaltlichen Gruppe nähert sich Stücke dem Maler Theodore Géricault, indem er auf Texte von Louis Aragon eingeht. In einer anderen widmet er sich Emile Zolas literarischer Auseinandersetzung mit dem Impressionismus in Paris. Und er verwebt assoziativ Kunstgeschichte mit Literatur. Dazu gehört ein Blatt, in dem Rodin Victor Hugo und Hemingway bei einem Gespräch über Balzac zeichnet.
Nur auf den ersten Blick haben seine Blätter etwas von einer effektvollen Sepia-Zeichnung, die mit dem Infinito kokettiert. Denn Jochen Stücke geht gerade dem Raffinierten aus dem Weg. Die Linie stockt, verdichtet und wägt jedes Mal neu zwischen Konkretion und Abstraktion ab. Sie lotet zwischen Innen- und Außenraum aus und verschränkt diese durch Aussparungen und Auswaschungen. Stücke schafft Erinnerungsräume, in die wir als Publikum schauen.
Mit seinen fiktionalen Episoden aus der Kulturgeschichte des vergangenen Paris tastet er sich an das Wesen der Seine-Metropole heran und fragt noch nach ihrer Zukunft. Und: Was ist aus der Geschichte geworden? Wie gehen wir heute mit unserem kulturellen Gedächtnis um, und was heißt das für das Heute? Die Fragen, die Jochen Stücke in seiner Kunst stellt, sind grundsätzlich und betreffen uns ganz direkt. Sie thematisieren unsere postmoderne Gesellschaft.
Bei einzelnen Blättern hält indes alle Zeit still, die Zitate und die Anspielungen verschwinden fast ganz. Stücke hinterfragt die Existenz des Einzelnen, auch die eigene. Dies trifft im ersten Ausstellungsraum etwa auf das Bild „Besuch im Atelier“ zu, das noch Stückes feinsinnigen Umgang mit Farbe belegt und zwischen Realität und Illusion vermittelt. Ebenfalls mit (vermeintlicher) Leere handelt ein anderes Bild, das Dächer unter einem weiten lastenden Himmel zeigt. Einsamer war die Metropole, aus der tausende Antennen und Giebel aufragen, nie … Vielleicht ist das Werk von Jochen Stücke in seinen ruhigen Momenten doch am eindrucksvollsten.
Jochen Stücke: „Pariser Album“ | bis 22.2. | Von der Heydt-Museum | 563 26 26
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