Am Morgen des 11. März unterbrach WDR 2 seine Sendung für eine kurze Eilmeldung. Ein schweres Erdbeben habe Japan erschüttert. Meldungen über Tote oder Verletzte gäbe es zunächst nicht. Seit diesem Tag ist die Welt nicht mehr, wie sie war. Beim Schreiben dieser Zeilen war noch nicht klar, wie viele Menschenleben das Beben, der Tsunami und die Reaktorkatastrophe von Fukushima letztlich kosten würde und ob die havarierenden Atomkraftwerke größere Landstriche als die in der ersten Woche eingerichteten Sperrzonen erheblich kontaminieren würden.
Als regional erscheinendes Monatsmagazin kann engels nicht die Aktualität eines Live-Tickers im Internet oder einer abendlichen Sondersendung liefern. Sehr wohl aber sollen die LeserInnen ermutigt werden, diese Welt nicht denjenigen zu überlassen, die in ihrem Fortschrittsglauben und ihrer Profitsucht den menschgemachten Teil dieser Katastrophe verursacht haben.
Drei Tage vor dem Beben, das im übertragenen Sinn die ganze Welt erschütterte, wurde zum 100. Mal der Internationale Frauentag begangen. Aus diesem Anlass gab es viele Veranstaltungen in Wuppertal und Umgebung. Auf dem Von-der-Heydt-Platz führten Frauen aus vielen Ländern dieser Welt eine bunte Straßenaktion durch. Eigentlich sollten hier die neuen Fragestellungen anlässlich des runden Jubiläums thematisiert werden. Kann die Welt durch mehr Frauen in Machtpositionen ein menschenwürdigeres Antlitz bekommen? Unsere Beiträge dazu wurden vor den Ereignissen in Japan und Libyen produziert, erscheinen aber aktueller und wichtiger denn je.
Empört sang John Lennon „Woman Is the Nigger of the World“
Empört sang bereits im September 1972 John Lennon „Woman Is the Nigger of the World“ und kreierte so eine der ersten Hymnen der Frauenbewegung. Hat er, aus heutiger Perspektive gesehen, recht behalten? Hillary Clinton ist Vizepräsidentin der USA, Angela Merkel ist Bundeskanzlerin von Deutschland. Sogar Nordrhein-Westfalen wird seit knapp einem Jahr von zwei Frauen geführt. Eine davon, und zwar die Schulministerin Sylvia Löhrmann, kommt gar aus dem Bergischen Land. Sind also tatsächlich von Washington bis Solingen Frauen an der Macht? Mitnichten. Die Welt erscheint auch knapp 40 Jahre nach Lennons Protestsong geführt von alten Männern, die an den Hebeln der Macht den Planeten nicht gerade in eine rosige Zukunft lenken.
Aber es sind ja auch nicht die einzelnen Personen, die die Welt verändern können. Es sind die Strukturen. Und die haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten radikal gewandelt. Die Frauenquote in Parlamenten und Parteien hat sich signifikant erhöht. In vielen gesellschaftlichen Bereichen, die einst als männliche Bollwerke galten, ob es der Fußball ist, die Polizei, die Armee oder das Bischofsamt, sind Frauen im Vormarsch. Nur ein Bereich verweigert sich bislang konsequent der Entwicklung. In den Chefetagen der führenden deutschen Unternehmen sind so gut wie keine Frauen anzutreffen. Eine Josephine Ackerfrau als Chefin der Deutschen Bank erscheint so undenkbar wie eine Päpstin. Wahrscheinlich ist das kein Zufall, fallen doch viele wichtige Entscheidungen über unsere Zukunft nicht im Parlament oder auf dem Fußballplatz, sondern an der Börse. Heftig wurde deshalb in den vergangenen Wochen über eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote in den Vorständen von DAX-Unternehmen gestritten. Sogar die Frauen innerhalb der CDU waren sich nicht einig. Natürlich sind folgende Fragen hypothetisch: Hätten Bankerinnen den letzten Börsencrash verhindert? Würden Leiterinnen von Energiekonzernen weiter auf Atomkraft setzen? Könnte eine Managerin der Rüstungsindustrie die Produktpallette ihres Unternehmens komplett umstellen und verhindern, dass Despoten mit modernster Waffentechnologie ausgerüstet werden? Selbstverständlich sind Länder, in denen mehr Frauen in führenden Positionen anzutreffen sind, nicht sofort paradiesische Orte. Aber ein auf WELT-ONLINE veröffentlichter Zahlenvergleich mag zu denken geben. Der Frauenanteil in Vorständen lag 2010 in Schweden bei 17 Prozent, in Deutschland bei nur zwei Prozent. Das entspricht dem Wert von Indien. Russland und China wiesen sechs Prozent vor.
Eine Josephine Ackerfrau als Chefin der Deutschen Bank erscheint so undenkbar wie eine Päpstin
Natürlich kann Frau und Mann sich nicht darauf verlassen, dass irgendwann einmal Frauen in Machtpositionen die Welt menschenfreundlicher gestalten. Gesellschaftliche Veränderung, dass weiß besonders die Frauenbewegung, kann nur durch Protest und Widerstand erreicht werden. Gerade Wuppertal hat mit seinen vielen Basisinitiativen, erwähnt sei hier exemplarisch „Wuppertal wehrt sich“, eine funktionierende Protest-Infrastruktur vorzuweisen. Ob sich die Frauen und auch die Männer aus dem Bergischen Land nun angesichts der Katastrophe in Fukushima die Regierungspolitik aus Berlin widerspruchslos gefallen lassen, bleibt abzuwarten. Der Wuppertaler und besonders die Wuppertalerin sind oft recht renitent.
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