Eine Beerdigung in Köln ist lustiger als der Karneval in Wuppertal. Diesen bösen Satz postete eine Facebook-Nutzerin zu Beginn der tollen Tage auf ihrer Pinnwand. Tatsächlich gilt die Metropole im Bergischen Land nicht gerade als Karnevalshochburg, noch nicht einmal als Zentrum ganzjähriger Fröhlichkeit. Der Wuppertaler muss zum Lachen in den Keller gehen oder kommt dafür noch ein paar Stockwerke tiefer gleich in die Hölle. Dies zumindest vermuten Bewohner der rheinischen Nachbarregionen. Und diese Einschätzung ist tatsächlich nicht aus der Luft gegriffen, sondern beruht auf historischen Tatsachen. Bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts versuchten Menschen in Elberfeld, Karneval zu feiern, wurden aber von der reformierten Kirche und deren „… Predigern und einem Ältesten absonderlich bestraft“. So zumindest geht es aus einem erhaltenen Dokument hervor. Zwar kennt die Evangelische Kirche offiziell keine Inquisition, die absonderliche Bestrafung wird allerdings über eine bloße mündliche Verwarnung weit hinausgegangen sein. Man witterte im wilden Tanz verkleideter Menschen um das Feuer heidnische Bräuche. Auch später, unter französischer Besatzung, blieb der Karneval verboten. Es herrschte unter Androhung von Prügelstrafe in der fraglichen Zeit Ausgehverbot.
Erst das erstarkende Bürgertum etablierte den Karneval im Tal – zunächst nur in geschlossenen Sälen. 1866 aber fand dann in Barmen der erste Rosenmontagszug statt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden mondäne und rauschende Karnevalsfeste in der Elberfelder Stadthalle auf dem Johannisberg gefeiert. Mal wurden in dem Saalbau japanische Teehäuser errichtet, mal Iglus, mal eine Buschkneipe oder ein Hexentanzplatz. Heutzutage würde man Motto-Show zu solch einer Fete sagen. Auch im Thalia-Theater, in den Zoo-Gaststätten und im Rex-Theater, das damals noch „Salamander“ hieß, stiegen wilde Partys. Und die Stadt verdiente zum Ärger der pietistischen Kirchenoberen einen Haufen Geld mit dem sündhaften Treiben. Erst der Erste Weltkrieg beendete die karnevalistische Feierei. Ausgerechnet während des Faschismus erlebte der Karneval in Wuppertal eine gewisse Renaissance. Es ist zu vermuten, dass die braunen Machthaber, die die Jecken in den rheinischen Hochburgen misstrauisch beäugten und gleichschalteten, im Bergischen Karneval eine Möglichkeit sahen, der hier verbreiteten Bekennenden Kirche eins auszuwischen. Belegt ist diese These allerdings nicht. In der Nachkriegszeit wurde erneut feste gefeiert. Lustigkeit kannte mal wieder keine Grenzen. Auf einem Foto aus dem Jahr 1963 ist zu sehen, wie sich der Karnevalsprinz durch das Dachfenster einer Limousine zwängt. Repräsentativere Prinzenwagen waren in jener Zeit wohl nicht zu haben. In den 1980er Jahren waren der Straßenkarneval und auch der organisierte Karneval in Festsälen eine feste Größe in der Region. Die Karnevalsprinzen 1998 und 1999 machten den Sturm auf das Rathaus übrigens besonders einfach, waren doch Bernhard Simon (CDU) und der inzwischen verstorbene Udo Gothsch (SPD) in jenen Jahren sowohl Prinzen wie auch Ratsherren. Simon bekommt am Rosenmontag ungeachtet der Skandale in der CDU-Ratsfraktion in diesem Jahr sogar den August-Fassbender-Gedächtnisorden für besondere Verdienste um den Wuppertaler Karneval verliehen.
Einen Alternativkarneval sucht man in Wuppertal vergeblich
Ansonsten aber ist es um das närrische Treiben etwas ruhiger geworden. Die Vereine klagen über Nachwuchsprobleme. Die jungen Leute gehen, wenn sie lachen wollen, zu den Comedians, die unablässig durch die Republik touren, oder bleiben gleich vor dem Fernseher sitzen. Und einen Alternativkarneval, wie er in vielen Hochburgen von der Kleinkünstler- und Kabarettistenzunft zelebriert wird, sucht man in unserer Stadt auch vergeblich. Vor Beginn der Fastenzeit flieht der karnevalsbegeisterte Szenegänger lieber Richtung Rhein. Derjenige, dem Karneval nichts bedeutet, kann gefahrlos zu Hause bleiben. Die gesellschaftliche Randerscheinung Karneval wird ihn nicht an seinem üblichen Lebensvollzug hindern. Auch die Politiker, die vor der Bissigkeit manch eines Wagens aus Düsseldorf zittern, brauchen närrische Querschläger aus Wuppertal nicht zu fürchten. Der hiesige Karneval ist weitgehend unpolitisch. Dabei war das vergangene Jahr ja nun nicht arm an möglichen Themen.
Bleibt noch die Frage, ob ein anderes Fest zur Brauchtumspflege oder zur Identitätsstiftung der Wuppertaler in Frage kommt. Die vielleicht längste Kaffeetafel der Welt, die 2009 das 75jährige Stadtjubiläum würdigte, mag dafür geeignet gewesen sein, war aber nur ein singuläres Ereignis. „Wuppertal 24h live“ wird tatsächlich jährlich veranstaltet. Mit Fröhlichkeit hat diese Leistungsschau von Kulturschaffenden und Wirtschaftsunternehmen allerdings wenig am Hut. Aber ausgelassenes Lachen, auch über sich selbst, das Spiel mit verschiedenen gesellschaftlichen Rollen oder gar hemmungsloses Ausleben niederer Triebe kommt für uns Bergische wohl sowieso nicht in Frage. Das alles müssen wir den Rheinländern überlassen.
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