Glücklich war kaum jemand, als das preußische Innenministerium 1929 den Düsseldorfer Regierungspräsidenten anwies, sechs Bergische Kommunen zu einer Stadt zusammenzufassen. Und bis heute ist die einstige Ablehnung gegen die verordnete Städtefusion nicht wirklich überwunden: „Die Stadt leidet immer noch an der Zwangsehe von damals, die die Herzen der Menschen nie erreicht hat“, erklärt Dr. Werner Kleine. Seit 2001 lebt der Theologe mit seiner Familie in Wuppertal, hat den Finger am Puls der Zeit und weiß, wie die Menschen denken: „Bis heute sind die Kommunen nicht wirklich zusammengewachsen. Wer hier geboren ist, nennt sich selbst Elberfelder, Barmener oder Ronsdorfer. Und die Hinzugezogenen erkennt man daran, dass sie sich als Wuppertaler bezeichnen“, erklärt der Pastoralreferent, der zuständig ist für die Öffentlichkeitsarbeit des katholischen Stadtdekanats. Dass der Karneval in Wuppertal nicht gerade zu Hause ist, liegt allerdings nicht nur an der nach wie vor von vielen empfundenen inneren Entfernung der Stadtteile, die einem gemeinsamen Brauchtum entgegensteht. Es liegt auch daran, dass die Stadt entscheidend reformatorisch geprägt ist: „Der Karneval hat katholische Wurzeln. Er hat sich in Wuppertal nie wirklich etablieren können, auch wenn er in einigen kleineren Vereinen gefeiert wird, die hier ein eher subversives Leben führen“, erzählt Kleine. „Früher gab es sogar evangelische Gemeinden, in denen die Gläubigen sich an Karneval zu Sühnegebeten trafen und um Vergebung für das sündige Treiben ihrer katholischen Mitmenschen baten“, berichtet er schmunzelnd.
Der Karnevalsorden kann mit Pina Bausch, Hans-Dietrich Genscher und Johannes Rau namhafte Träger vorweisen
Dennoch gibt es einen Karnevalsumzug und einen Karnevalsorden, der mit Pina Bausch, Hans-Dietrich Genscher und Johannes Rau ganz ähnlich dem Aachener „Orden wider den tierischen Ernst“ namhafte Träger vorweisen kann. „Auch in den katholischen Pfarren wird Karneval gefeiert, und zwar je westlicher, desto intensiver. Je weiter man nach Osten kommt, umso dezenter wird gefeiert“, hat der Theologe beobachtet. „Immerhin verläuft ja auch die Grenze zwischen Rheinland und Westfalen genau durch Wuppertal, an der Haspeler Schulstraße.“ Dass der Karneval in Wuppertal noch feste Wurzeln schlagen wird, hält der Pressereferent für unwahrscheinlich: „In Wuppertal ist Karneval einfach nicht entscheidend, und es ist schwer, stadtweite Traditionen zu etablieren.“ Dennoch, so weiß er, gibt es bei den Menschen ein großes Bedürfnis nach Tradition: „Seit drei Jahren haben wir einen stadtweiten Martinsumzug ins Leben gerufen, und daran beteiligen sich mittlerweile rund 2.000 Menschen aller Konfessionen. Dabei ist es egal, dass der Umzug urkatholische Wurzeln hat, denn gerade das Martinsfest lehrt ja das Teilen.“ Womöglich, so hofft er, könnte dieser Brauch zu einer gemeinschaftlichen Tradition aller Stadtteile werden.
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