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Irgendwann wird auch beim Fahrrad die Parkplatzsuche schwierig
Foto: Jon Witte

Mehr Fahrräder als Einwohner

30. Januar 2014

Kopenhagen steht Modell für Stadtplaner aus ganz Europa – Thema 02/14 Mobilität

Dänemark ist nicht unbedingt ein Urlaubsland für Sonnenanbeter. Selbst in Juli und August liegen die Temperaturen im Schnitt bei 21 Grad, in Dezember und Januar knapp über dem Nullpunkt – also vergleichbar mit Deutschland. Während der Deutsche im Winter aber lieber den Wagen in der Garage eine halbe Stunde lang warmlaufen lässt oder sich maximal und auch nur bei günstiger Anbindung mit Bus und Bahn zur Arbeit begibt, steigt der Kopenhagener dennoch aufs Rad – bei Wind und Wetter. Dänemarks Hauptstadt hat sich ein hehres Ziel gesetzt: Bis 2015 soll die Hälfte des Verkehrs mit dem Rad erfolgen und Kopenhagen Europas erste klimaneutrale Stadt werden. Weit davon entfernt ist man nicht, denn der Anteil der Kopenhagener die mit dem Rad, dem Auto oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit oder zur Schule fahren, hält sich bereits mit je einem Drittel in etwa die Waage. Während im restlichen Land der Griff zum Lenker seit 1990 um 30 Prozent gefallen ist, hat Kopenhagen seit 1998 sein Radwegenetz um 30 Prozent auf 460 Kilometer erweitert – unter Anderem durch Abkürzungen, speziell für Radler.

Die Stadt forciert ihr Ziel mit allen Mitteln: Umwelterziehung in Kindergärten und Grundschulen, mehr Parks im Zentrum, breite und sichere Wege für Radfahrer und Fußgänger, denen auch mal Autoparkplätze weichen müssen. Weniger Parkplätze lassen mehr Platz für Spielplätze, Grünanlagen und Einkaufsmöglichkeiten. Viele Radwege verlaufen abseits der Autostraßen, so dass sich die beiden „Fraktionen“ nicht in die Quere kommen. In der S-Bahn kann man das Rad gratis mitnehmen, sogar die Taxis verfügen samt und sonders über Fahrradträger. Bis 2025 sollen Straßenmarkierungen aus LED-Lichtern die Fahrbahnen während der Stoßzeiten für Radler verbreitern können. Das Netz soll so ausgebaut sein, dass man mit dem Rad genauso schnell am Ziel ist wie mit dem Auto, und das System so sicher, dass sich jeder aufs Rad traut – Umfragen zufolge fühlen sich derzeit „nur“ 76 Prozent von Kopenhagens Radlern sicher.

1,27 Millionen Kilometer legen die Einwohner täglich mit dem Rad zurück. Auf 550.000 Einwohner kommen 650.000 Räder und nur 125.000 Autos. 17 Prozent der Familien besitzen ein Transportrad, das sie zum Einkaufen nutzen oder um ihre Kinder zu fahren. Die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt 15 km/h, dort, wo Radler grüne Welle haben, sogar 20. Mit dem Auto schafft man es im Schnitt nur auf 27 km/h. Statistiken zufolge gewinnt die Gesellschaft mit jedem geradelten Kilometer umgerechnet 16 Cent und verliert mit jedem Autokilometer neun Cent. Die Kosten eines Rades pro gefahrenen Kilometer liegen bei vier Cent, beim Auto sind es 29. Zur Kasse werden dafür die Autofahrer gebeten. Parkrestriktionen und enorme Parkgebühren von bis zu vier Euro pro Stunde sind keine Seltenheit. In die Innenstadt kommt man nur mit Umweltplakette, ein Partikelfilter ist Pflicht. Eine Fahrt über die 167 Kilometer lange Öresund-Brücke, die Kopenhagen mit dem schwedischen Malmö verbindet, kostet einen Pkw-Fahrer stolze 33 Euro Maut. In der Diskussion ist noch immer eine Innenstadt-Maut. Wer sich ein Auto kauft, muss 180 Prozent des Kaufpreises an Steuer zahlen – die Meisten legen sich daher erst jenseits der 40 eines zu. Längst hat dieser Vorgang es in die Wörterbücher geschafft: Wann immer die Rede davon ist, dass eine Stadt den Radverkehr ausbauen will, spricht man von der „Kopenhagenisierung“.

KLAUS BUNTE

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