Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27

12.332 Beiträge zu
3.656 Filmen im Forum

Alle adligen Homunkuli wollen irgendwie mal Richard werden
Foto:Uwe Schinkel

Wie immer ist kein Pferd zu finden

29. Mai 2019

Henri Hüster inszeniert Shakespeares Richard III. – Auftritt 06/19

Da stehen die acht Homunkuli vor der Wand aus Blut, eine Mauer mit der Assoziation von Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater – und ein Fest des Schlachtens wird es allemal bei Shakespeares „Richard III.“, diesem verkrüppelten Ungetüm aus leicht zuerdachter britischer Historie, verliebt nur in sich selbst und grenzenlose Macht. Ein Intrigenschmied mit dem Mythos Mimes, der alle Familienmitglieder jedweden Alters meuchelt um endlich auf dem Thron zu sitzen.

Und alle werden zittern vor Angst. Dunkel und düster drohend inszeniert Henri Hüster im Wuppertaler Theater das Historiendrama. Mit Engelsgarten hat das nichts mehr zu tun. Alle verrenken sich um eigene Ziele, imitieren den Bösewicht, können nicht anders, halten ihre gekünstelten Posen ab und an fast bis zur Erschöpfung aufrecht, eine grandiose Choreografie lenkt die Abläufe und Grausamkeiten bei einem unentwegt grollenden Soundtrack, der Schlachtenlärm und hilflose Schreie wie Nebel über den Raum bläst. Denn aus dem Raum, oft aus den Zuschauerreihen treten die Protagonisten ins Spiel, mit überdrehter Theatralik oder mit wilden Grimassen versuchen sie die eigenen körperlichen Ticks, die eigenen Ansprüche zu verbergen. Doch der Aufstieg des einen (neuen) Usurpator scheint unaufhaltsam, er ist der Schamloseste, er ist der Schlauste. Wie sagt es Ekkehart Krippendorff im Programmheft: „Der Herzog von Gloucester ist Fleisch von ihrem Fleisch und in jeden seiner Mitspieler steckt ein kleiner Richard III.“ Und wenn man das Streben und Intrigieren auf der Bühne punktiert betrachtet, die Inszenierung ist eine Performance der Verherrlichung von Macht, kein durchdesigntes Historienspiel à la Game of Thrones – wenn auch der Duke of Buckingham dies oft mittransportiert. Lena Vogt gibt ihm etwas verschlossen natternhaftes, aufrichtig böse für eine große Belohnung, die sich allerdings – wie sollte es auch anders sein – in eine Hinrichtung verwandelt. Denn was interessiert einen Despoten sein Geschwätz von gestern?

In der Pause heißt es dann für alle Schauspieler öffentliches „Schrubben für den Durchblick“: Ein breiter weißer Streifen teilt anschließend die Orgienwand. Die Handlung strebt dem Finale zu. Immer noch wandeln die Geister rechts und links durchs Publikum. Mirko Greza orakelt als düstere Königin Margaret das Ende herbei. Scheinwerfer aus dem Spalt blenden die Zuschauer-Mitte. Der wahre (oder der echte?) Gloster ist am Ziel, doch solange die jüngsten Thronerben noch leben, muss weitergemeuchelt werden. Und gedungene Mörder lassen sich in der Zeit locker finden, seien es schwäbische Dumpfbacken oder kalte Gemüter. Und Thomas Braus zelebriert den „Dreckskerl“ wunderbar wie eine gebrechliche Diva durch die Spalten und Risse im Königreich, die durch die verschobenen Wände sichtbar werden. Am Schluss in der Schlacht versucht er noch sich im Getriebe des Staates zu verstecken. Doch fast gekreuzigt hängt er da und schreit nach dem berühmten Pferd zur Flucht. Nix da. Licht aus. Feierabend. Andere Richards werden nun die Löcher in der Macht füllen, die das Ekel gerissen hat. Ist doch klar. Richards gab und gibt es überall. Und Missvergnügen an jeder Machtverteilung auch, wenn alle Weltanschauungen ins Wanken geraten sind und nur noch Plattitüden die Welt regieren. Ein großartiger performativer Abend.

Richard III | R: Henri Hüster | Fr 31.5. 19.30 Uhr, So 16.6., So 23.6. je 16 Uhr | Theater am Engelsgarten | www.schauspiel-wuppertal.de

PETER ORTMANN

Neue Kinofilme

Maleficent: Mächte der Finsternis

Lesen Sie dazu auch:

Das Treibhaus mit geiler Klimaanlage
Sex-Fantasien in der Friedhofsgärtnerei: Peter Wallgram inszeniert „Der Drang“ – Auftritt 05/19

Schattenspiel der Rüstungsindustrie
Esther Hattenbach inszeniert Christoph Nußbaumeders „Im Schatten kalter Sterne“ – Auftritt 04/19

Ewiger Krieg gegen den Fahrtwind
„Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ im Theater am Engelsgarten – Auftritt 11/18

Liebe ohne Psychokardiogramm
Peter Wallgram inszeniert am Theater am Engelsgarten „Mädchen in Not“ – Auftritt 05/18

Monotones Leid bis in den Untergang
Jakob Fedler inszeniert Genets „Die Zofen“ – Auftritt 12/17

Ein Spießer will wieder an die Macht
Marcus Lobbes inszeniert in der Oper „Der Sturm“ von Shakespeare – Auftritt 11/17

„Offenheit heißt, dass wir auch offen sein müssen“
Schauspieler Thomas Braus leitet das Schauspiel – Premiere 11/17

Bühne.