Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21

12.572 Beiträge zu
3.796 Filmen im Forum

Henri Hüster, Regisseur von Die drei Schwestern
© Jakob Schnetz

Überhörte Warnschüsse

20. Mai 2022

„Die drei Schwestern“ in Wuppertal – Prolog 06/22

Im letzten Jahr waren Aufführungen von Werken russischer Künstler:innen noch keine Besonderheit. Zugegeben: Die Beziehungen zu dem großen Land im Osten von Europa waren trotz Nord Stream 2 in nicht geringem Maße ramponiert. Für Schalke 04 aber war der Schriftzug des russischen Gaskonzerns auf der Sportkleidung der Knappen im wahrsten Sinne des Wortes weiterhin tragbar. Mit dem Beginn der „speziellen Militäroperation“ seit Ende Februar dieses Jahres hat sich das Klima radikal geändert: Gazprom bekam vom Gelsenkirchener Fußballverein den Laufpass, russische Denkmäler und Geschäfte werden in Deutschland beschmiert und im kulturellen Leben drohen, Künstler:innen aus Russland ins Abseits zu geraten. Die Ballettleitung des Essener Theaters setzte vor kurzem die Premiere von Anton Tschechows „Die drei Schwestern“ ab: „Angesichts der schockierenden Ereignisse“, hieß es in der Pressemitteilung, „erscheint die ‚romantisierte‘ Darstellung uniformierter und bewaffneter russischer Offiziere auf der Bühne momentan ganz unangemessen“.

Nun wagt sich die Wuppertaler Bühne an den Stoff von Tschechow heran und stemmt sich damit gegen den Abriss sämtlicher Brücken zur russischen Kultur. Kurz stand auch hier die Streichung des vor zwei Jahren geplanten Stücks zur Diskussion. Doch Regisseur Henri Hüster entschied sich für eine die Ereignisse der letzten Monate nicht unkommentiert lassende Inszenierung des von Thomas Brasch übersetzten Originaltexts. So werden Zeitungsausschnitte eingebaut, die dokumentarisch die  Veränderungen in der russischen Politik seit 2000 illustrieren. Sie sind Warnungen, die man so wenig ernst nimmt wie den dem Alkohol verfallenen Militärarzt, der sie vorliest. Im Originalton erklingt Putins Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007, die für viele als der Wendepunkt russischer Politik gilt. Die Selbstbeschäftigung der in Ohnmacht gefangenen Figuren in Tschechows Drama wird zur Allegorie für die Ignoranz der deutschen Ostpolitik.

Mit der Ansetzung der „drei Schwestern“ geht das Wuppertaler Theater nicht den gefährlichen Weg, alles Russische von der Spielfläche zu verbannen. Die spannende Frage ist, inwieweit es Hüster und seinem Ensemble mit dieser Arbeit gelingt, das Tschechowsche Stück in einen den Krieg in der Ukraine reflektierenden Rahmen zu bringen.

Die drei Schwestern | 21.5. (P) 19.30 Uhr, 22.5. 18 Uhr, 18.6. 19.30 Uhr | Schauspiel Wuppertal | 0202 56 37 666

Georgios Psaroulakis

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Ich - Einfach unverbesserlich 4

Lesen Sie dazu auch:

„Giftmord als Kammerspiel ist immer willkommen“
Regisseur Roland Riebeling über „Arsen und Spitzenhäubchen“ am Schauspiel Wuppertal – Premiere 11/23

„Zu Theater gehört Wagnis und Experiment“
Intendant Thomas Braus über die neue Saison am Schauspiel Wuppertal – Premiere 08/23

„Wir wollen eine Art Geisterbahn bauen“
Anne Frick über „Dream on – Stadt der Träume“ in Wuppertal – Premiere 05/23

„Jede starke Komödie ist tragisch“
Maja Delinić über „Der Revisor“ am Schauspiel Wuppertal – Premiere 03/23

Bühnenluft per Podcast
Sherlock Holmes: „Das Tal des Grauens“

Revolte gegen Pakete-Engels
„Die Weber“ von Gerhard Hauptmann in der Oper – Auftritt 11/20

Das antiseptische Denkmal der Liebe
„Romeo und Julia“ im Opernhaus – Auftritt 10/20

Wie immer ist kein Pferd zu finden
Henri Hüster inszeniert Shakespeares Richard III. – Auftritt 06/19

Das Treibhaus mit geiler Klimaanlage
Sex-Fantasien in der Friedhofsgärtnerei: Peter Wallgram inszeniert „Der Drang“ – Auftritt 05/19

Schattenspiel der Rüstungsindustrie
Esther Hattenbach inszeniert Christoph Nußbaumeders „Im Schatten kalter Sterne“ – Auftritt 04/19

Ewiger Krieg gegen den Fahrtwind
„Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ im Theater am Engelsgarten – Auftritt 11/18

Liebe ohne Psychokardiogramm
Peter Wallgram inszeniert am Theater am Engelsgarten „Mädchen in Not“ – Auftritt 05/18

Bühne.

Hier erscheint die Aufforderung!