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Henri Hüster, Regisseur von Die drei Schwestern
© Jakob Schnetz

Überhörte Warnschüsse

20. Mai 2022

„Die drei Schwestern“ in Wuppertal – Prolog 06/22

Im letzten Jahr waren Aufführungen von Werken russischer Künstler:innen noch keine Besonderheit. Zugegeben: Die Beziehungen zu dem großen Land im Osten von Europa waren trotz Nord Stream 2 in nicht geringem Maße ramponiert. Für Schalke 04 aber war der Schriftzug des russischen Gaskonzerns auf der Sportkleidung der Knappen im wahrsten Sinne des Wortes weiterhin tragbar. Mit dem Beginn der „speziellen Militäroperation“ seit Ende Februar dieses Jahres hat sich das Klima radikal geändert: Gazprom bekam vom Gelsenkirchener Fußballverein den Laufpass, russische Denkmäler und Geschäfte werden in Deutschland beschmiert und im kulturellen Leben drohen, Künstler:innen aus Russland ins Abseits zu geraten. Die Ballettleitung des Essener Theaters setzte vor kurzem die Premiere von Anton Tschechows „Die drei Schwestern“ ab: „Angesichts der schockierenden Ereignisse“, hieß es in der Pressemitteilung, „erscheint die ‚romantisierte‘ Darstellung uniformierter und bewaffneter russischer Offiziere auf der Bühne momentan ganz unangemessen“.

Nun wagt sich die Wuppertaler Bühne an den Stoff von Tschechow heran und stemmt sich damit gegen den Abriss sämtlicher Brücken zur russischen Kultur. Kurz stand auch hier die Streichung des vor zwei Jahren geplanten Stücks zur Diskussion. Doch Regisseur Henri Hüster entschied sich für eine die Ereignisse der letzten Monate nicht unkommentiert lassende Inszenierung des von Thomas Brasch übersetzten Originaltexts. So werden Zeitungsausschnitte eingebaut, die dokumentarisch die  Veränderungen in der russischen Politik seit 2000 illustrieren. Sie sind Warnungen, die man so wenig ernst nimmt wie den dem Alkohol verfallenen Militärarzt, der sie vorliest. Im Originalton erklingt Putins Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007, die für viele als der Wendepunkt russischer Politik gilt. Die Selbstbeschäftigung der in Ohnmacht gefangenen Figuren in Tschechows Drama wird zur Allegorie für die Ignoranz der deutschen Ostpolitik.

Mit der Ansetzung der „drei Schwestern“ geht das Wuppertaler Theater nicht den gefährlichen Weg, alles Russische von der Spielfläche zu verbannen. Die spannende Frage ist, inwieweit es Hüster und seinem Ensemble mit dieser Arbeit gelingt, das Tschechowsche Stück in einen den Krieg in der Ukraine reflektierenden Rahmen zu bringen.

Die drei Schwestern | 21.5. (P) 19.30 Uhr, 22.5. 18 Uhr, 18.6. 19.30 Uhr | Schauspiel Wuppertal | 0202 56 37 666

Georgios Psaroulakis

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