engels: Frau Süssmuth, inzwischen gibt es eine dritte Außenministerin der USA, eine Bundeskanzlerin. Hat die Frauenbewegung ihre Ziele erreicht?
Rita Süssmuth: Sie hat nicht alle Ziele erreicht. Die Frauenbewegung und auch der gesellschaftliche Einfluss durch die Wiedervereinigung haben eine moderne Frauenpolitik auf den Weg gebracht. Trotzdem sind wir immer noch auf dem Weg. Dazu nenne ich vier Stichpunkte: die neue Frauenarmut, die ungleichen Löhne, die ungleiche Verteilung bei Führungspositionen und die Vereinbarung von Familie und Beruf.
Was ist an der Frauenpolitik der Bundesregierung zu kritisieren?
Das Problem der neuen Frauenarmut wird zu wenig beachtet. Die jetzt alleinerziehenden Mütter werden in die Altersarmut gedrängt. Ich fürchte, die Öffentlichkeit schaut stärker auf das Problem, dass nicht genügend Frauen in Führungspositionen beschäftigt sind, als auf diese neue Armut.
Es scheint, als haben Sie sich im letzten Jahrzehnt der Frauenfrage abgewendet und den Problemen von Migranten zugewendet. Gibt es hierfür Gründe?
Ich habe mich der Frauenfrage nicht abgewendet. Aber das Problem gesellschaftlicher Ausgrenzung finde ich gena so bei den Migrantinnen und Migranten wie bei den Frauen.
Was verbindet Sie mit Ihrer Geburtsstadt?
Meine Eltern, die aus Oberbarmen und Mittelbarmen stammen, haben den Wuppertaler Geist an mich weitergegeben, zu dem Toleranz und Mut gehört. Man sagt immer, Wuppertal sei eine Sektenstadt. Die vielen Gruppen haben aber friedlich miteinander gelebt. Wuppertal ist also tolerant. Und zu der Stadt gehört die Bekennende Kirche. Von ihr kann man lernen, Zivilcourage und Mut zu zeigen. Aber ich verbinde mit Wuppertal auch die Kriegserinnerungen, die Phosphorbomben, die Menschen, die brennend in die Wupper gesprungen sind. Gibt es historische Ursachen, warum gerade aus dem Bergischen Land so viele starke Frauen wie Alice Schwarzer, Else Lasker-Schüler oder Pina Bausch kommen? Das wäre Kaffeesatzleserei. Wir können aber stolz auf diese Frauen sein.
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