Eigentlich sollte die Spielzeit im Wuppertaler Opernhaus mit einem Stück beginnen, das in einer Zeit spielt, in der keine politischen Gepflogenheiten und Spielregeln mehr gelten. Gesunder Menschenverstand regierte das Volk, nicht die Wahrheit. Die Menschen werden verunsichert mit alternativen Informationen, mit Verschwörungserzählungen, sie werden von Dumpfbacken für dumm verkauft. Also ein Stück über die Gegenwart, wo schon fast zwanzig Prozent deren Käse glauben? Nee, leider nicht. Diese Assoziation ist natürlich gewollt, aber das Stück, das erst einmal nicht Premiere haben kann, weil das von bösen Mächten geschickte Hochwasser das verhindert hat, heißt „Dantons Tod“ von Georg Büchner und erzählt von historisch belegter tödlicher Logik des puren Machterhalts in Frankreich.

Auch der urdeutsche Faust von Johann Wolfgang ist der Verwässerung erst einmal zum Opfer gefallen. „Wir proben wie in einem Theaterlabor, in dem wir Abende kreieren, die in dieser Form unter anderen Umständen vielleicht nie entstanden wären“, schreibt Intendant Thomas Braus in seinem Spielzeitvorwort. Schade, dass die interessierten Zuschauer jetzt weiter auf diesen Kulturgenuss warten müssen. Bei Goethe jedenfalls will Regisseur Nicolas Charaux den Faust-Stoff von einem kollektiven und durchaus deutschen Bewusstsein her betrachten und untersucht, was die faustischen Versuchungen in einer krisengeschüttelten Gegenwart sein könnten. Nur Mephisto weiß allerdings, wann die kostspielige Restaurierung der historischen Oper europaweit ausgeschrieben und finanziert ist.
Im trockenen Theater am Engelsgarten dagegen können Alle am Candle-Light-Dinner von Helen und Danny teilnehmen. Sohn Shane ist bei der Oma, ein netter Abend in einer netten Familie also. Doch in „Waisen“ von Dennis Kelly trügt der Schein und das gewaltig. In die Zweisamkeit (obwohl – Helen ist ja schwanger) platzt nun Liam, der Bruder von Helen. Blutverschmiert ist er. Verwirrt scheint er, im Draußen scheint etwas passiert zu sein. Schnell wissen alle, dass die Geschichte, die er erzählt, nicht stimmt, Helen und Danny starten eine Befragung. Liam verheddert sich, die heilige Familie bekommt Risse. Den Konflikt zwischen Blutsbanden und Moral inszeniert Bastian Kabuth, es ist seine erste Arbeit als Regisseur und Bühnenbildner in Wuppertal (3., 18.9. 19.30 Uhr, 5.9. 16.30 Uhr).
Auch bei der zweiten Premiere (November) der Spielzeit 2021/22 in Wuppertal beginnt eigentlich alles in gemütlicher Zweisamkeit. Die Bühne im Theater am Engelsgarten wird jetzt zur Berghütte irgendwo in den Alpen. Dort spielt in Karl Schönherrs Drama „Der Weibsteufel“ eine Dreiecksgeschichte um Wein, Weib, Besitz und Liebe (ab 6.11.). Peter Wallgram inszeniert das schon 1914 erschienene Kammerspiel, das bis heute als erstaunlich modernes psychologisches Kammerspiel ein Dauerbrenner auf deutschsprachigen Bühnen ist.
Zum Ende des Jahres will Henner Kallmeyer dann seine Version von „Schneewittchen“, natürlich nach den Brüdern Grimm, aber zusammen mit dem mit dem Inklusiven Schauspielstudio und dem Sinfonieorchester Wuppertal im Opernhaus inszenieren (voraussichtlich ab 25.11., aufgrund von Hochwasserschäden evtl. Verlegung in andere Spielstätte). Fragen wir mal den ominösen Spiegel der bösen Stiefmutter, ob bis dahin (immerhin drei Monate) die Heinzelmännchen (sind doch alles Zwerge) die Feuchtigkeit vertrieben haben.
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