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Der Intendant kämpft sich durch Dantes Hölle in den Eingeweiden der Wuppertaler Oper
Foto: Klaus Lefebvre

„Offenheit heißt, dass wir auch offen sein müssen“

26. Oktober 2017

Schauspieler Thomas Braus leitet das Schauspiel – Premiere 11/17

trailer: Herr Braus, ist das Wuppertaler Theater insgesamt eine Hölle oder doch nur die Oper?
Thomas Braus: Also, ob die Oper die Hölle ist, oder das Theater? Nein. Das Wuppertaler Theater ist nicht die Hölle. Das ist jetzt schwer zu beantworten, denn ich verbinde die Hölle natürlich immer noch mit Johann Kresniks Inszenierung „Die Hölle/Inferno“ in der Oper und die finde ich ja toll. Also in dem Sinne, wenn schon, dann ist es eine aufregende Hölle. So kann man es sagen. Und es sollte auch eine aufregende Hölle sein, aber eben nicht im Sinne des Fegefeuers.

Aber auch „Surrogate Cities / Götterdämmerung“ in der Oper am Anfang der Spielzeit war doch ein Statement für Wuppertal, oder?
Das müsste man jetzt Berthold Schneider als Opernintendant fragen, weil das ist ja seine Planung. Ich jedenfalls finde die Musik von Heiner Goebbels toll, ich finde die Idee, Wagner und Heiner Goebbels zu verbinden, ist natürlich ein Statement. Das ist eine Setzung, und ich finde es super, dass man so anfängt, und ich fand, dass es ein toller Abend war.

Zwei Premieren im Schauspiel sind vorbei. Geht es in der ersten Hälfte nicht oft um Selbstzerstörung?

Thomas Braus
Foto: Uwe Schinkel
Zur Person

Thomas Braus (*1966) absolvierte sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Graz und an der Filmhochschule Wien. Engagements führten ihn u.a. an die Wuppertaler Bühnen. Als Schauspieldozent ist Braus an der Hochschule für Musik und Tanz Köln tätig. Seit über 15 Jahren im Wuppertaler Schauspielensemble, hat der Freiburger ab der Spielzeit 2017/18 die Intendanz übernommen.

Nun, Shakespeares „Sturm“ ist jetzt aber keine Selbstzerstörung. Aber dann stimmt es natürlich, dass es auch um Selbstzerstörungen geht. Doch wie blickt man auf Stücke? Bei „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ ist beispielsweise die Inszenierung so gewählt, dass dieser Schritt in den Wahnsinn auch der Schritt in die Freiheit ist. Bei Dante Alighieris „Hölle“ ist es eigentlich ähnlich – da ist dieses Durchgehen durch die Hölle, um dann an einem Punkt zu enden, an dem man wieder neu beginnen kann. Bei „Bilder von uns“ von Thomas Melle liegt unser Schwerpunkt auf der Sache, zu fragen, was machen wir uns für Bilder von uns selber, wie gehen wir mit den Bildern um, die wir uns von uns selber machen und wie gehen wir mit dem um, was wir uns selbst vorspielen. Wo scheitert man und wo kann man damit weiterleben. Das ist kein Scheitern in dem Sinne – das ist sehr allgemein menschlich, da geht es wirklich um das Thema: sich etwas vorspielen. Natürlich sind die Hölle und Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ zwei Wiederaufnahmen, die etwas mit Selbstzerstörung zu tun haben, aber auch mit Abgründen. Und Abgründe sind im Theater immer spannend.

Und anstrengend. Bei so einem fitten Intendanten, braucht das Ensemble jetzt einen Fitnesstrainer?
Nein, ich muss ja schon aufpassen, dass ich die Messlatte nicht zu hoch ansetze. (lacht) Nein, kein Fitnesstrainer.

Hat die Schwebebahnstadt nicht ein ausgesprochen konservatives Publikum?
Nein. Natürlich gibt es verschiedene Publikumsstrukturen in Wuppertal. Auch innerhalb des Publikums. Aber ich glaube, eine Stadt, die eine so große, lebendige freie Szene hat, eine Stadt, in der das Tanztheater so lebt und so auch gewollt ist, die kann keine konservative Stadt sein. Wir haben natürlich konservatives Publikum. Aber wir haben auch anderes Publikum. Mein Ziel ist es zu sagen: Wir wollen ein offenes Publikum haben. Das ist für mich das Schönste. Offenheit heißt, dass wir auch offen sein müssen. Deswegen haben wir im Theater am Engelsgarten ein Bistro eingerichtet, wo man nach dem Theaterabend einlädt, zu bleiben, und dass man vielleicht danach auch gemeinsam diskutiert. Offenheit entsteht nicht nur, indem wir sie einfordern, sondern in dem wir selber dafür offen sind. Und über das reden, was wir machen.

Sind wir ehrlich, das Theater am Engelsgarten wird keine Volksbühne?
Sie meinen die Berliner Volksbühne? Nein, das schließe ich jetzt nicht so aus. (lacht) Der Raum ist zwar schwierig, aber wir haben ja zwei Bühnen. Wir haben die große Bühne in der Oper und wir haben auch unsere Idee, in die Stadt zu gehen. Wir machen ja jetzt im Rathaus ein Projekt, wir machen an der Uni ein Projekt. Ich will das überhaupt nicht ausschließen. Bleibt natürlich die Frage, was ist gut an der Volksbühne, was nicht, auch in dem Zusammenhang, was jetzt gerade in Berlin los ist.

Wie ködert man die Jugend?
Das ist ein großes Thema, das diskutieren wir bereits. Natürlich müssen wir mit den sozialen Netzwerken arbeiten, das ist klar. Die sind für uns was Wichtiges, weil die jungen Menschen da sehr drin sind. Aber ich glaube, wir haben das jetzt auch gestern bei der zweiten Vorstellung von Thomas Melles „Bilder von uns“ gemerkt, da sind junge Leute gekommen, die wollten danach mit uns diskutieren, und das haben wir auch getan. Ich glaube, dass man sie so erstmal kriegt, aber wir machen ja auch verschiedene andere Projekte. Wir haben einen Jugendclub gegründet, da sind auch Studenten drin, und der läuft super. Der richtige Weg wird sein, immer wieder zu versuchen, auf sie zuzugehen und in den sozialen Netzwerken sehr präsent sein. Ich versuche dazu gerade auch sehr präsent in der Stadt zu sein und überall immer wieder zu sagen, es gibt uns.

Mini-Eintrittspreise wie in Bochum oder Oberhausen?
Ja, wir haben das Schüler-Abo und die Wuppertaler Studenten kommen kostenlos rein.

Thomas Braus` Special in der ersten Spielzeit?
Ich bin natürlich Schauspieler und ein Schauspieler, der plötzlich ein Intendant wird, der plötzlich einen Spielplan macht, das ist für mich auch etwas Neues. Aber der Spielplan ist mein Herzblut. Da habe ich kein Special-Stück, sondern das ist der Spielplan selbst, so wie er gebaut ist – und ich habe sehr wenig Zeit gehabt. Ich will natürlich auch, das ist mir sehr wichtig, dass das was Eigenes ist, ich will meinen eigenen Stil entwickeln. Das ist kein Revival der Christian-von-Treskow-Zeit. Die war sehr gut, aber ich muss aufpassen, dass man nicht sagt, jetzt kommt das Alte wieder. Das wäre falsch. Ich will nicht das Alte wieder, ich will was Neues schaffen. Aus dem, was wir haben, auch Neues ausprobieren. Mich reizt das Experiment. Deswegen reizt mich das Ganze.

Nächste Premiere:
„Die Zofen“ | R. Jakob Fedler | Sa 11.11. 19.30 Uhr | Theater am Engelsgarten, Wuppertal | www.schauspiel-wuppertal.de

Interview: Peter Ortmann

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