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Heike Klussmann, Surround, 2012, Installation mit 20 animierten Videos, Stills (Ausschnitt)
© Heike Klussmann

Fläche im Raum

28. Juni 2012

Heike Klussmann stellt im Neuen Kunstverein aus - Wupperkunst 07/12

Direkt gegenüber ragt der Alex in die Höhe. Vom Atelier auf einem Terrassengeschoss an der Karl-Liebknecht-Straße blickt man allerdings auch auf die desolate städtebauliche Szenerie. Monoton, rau wirken die Funktionsbauten. Viel Beton allenthalben, stumpfe Oberflächen oder gleichförmige Raster. Berlin-Mitte ist hier, an dieser Stelle, Symptom für gescheiterte, kaum versuchte oder doch versuchte Stadtplanung. Für Verödung aus Hochhäusern und Plattenbauten und monströsen Straßen, nur noch Durchgang für Passanten, Fahrzeuge, die Nah- und Fernverkehrszüge.

Gegenstand der Kunst von Heike Klussmann ist die urbane Verfasstheit mit ihren architektonischen Detailstrukturen und Leitsystemen. Die Sichtbarmachung der städtebaulichen Prinzipien und die Organisation des Raumes, aus der Perspektive des Betrachters. Heike Klussmann wurde 1968 in Saarbrücken geboren, sie hat an den Kunstakademien in Düsseldorf (bei Klaus Rinke) und Berlin (bei Rebecca Horn) studiert und lehrt selbst seit 2005 als Professorin für Bildende Kunst am Fachbereich Architektur der Universität Kassel. Ihre eigenen künstlerischen Beiträge sind vor allem ortsbezogene Installationen, Filme und filmische Animationen sowie fotografische Direktbelichtungen auf Fotopapier. Die Konzeption, die sich durch alle Medien zieht, stand schon frühzeitig fest, und bis heute kommt Heike Klussmann auf den gleichen situativen und motivischen Kanon zurück. Ihre Kunst durchmisst Räume und verdeutlicht deren Grenzen, etwa indem sie die potentielle Fortsetzung vor Augen führt. Der Blick mäandert durch Systeme aus aneinander anschließenden Gefügen und stellt so eine Topographie des Ortes auf. Mehr als für die Außenhaut interessiert sich Heike Klussmann für die innere Struktur und den osmotischen Austausch mit dem Draußen.

1997 ist die temporäre Installation „Steg“ für das Parkhaus Behrenstraße in Berlin entstanden. Im 13. Stockwerk hat sie eine langgestreckte Bahn aus weißer retroreflektierender Straßenmarkierung gestrichen; analog dazu führt im Stockwerk darunter ein Steg mitten durch das Stockwerk auf die Fassade hinaus. Zugleich wurde das Parkhaus zum modular gestapelten Modell für den Topos Stadt mit seinen Strukturen und Verknüpfungen. Die kontinuierliche Form, die ein Raumkonstrukt geradlinig durchmisst, nahm sie dann bei ihrer Intervention in der daadgalerie in Berlin 2001 wieder auf. Dort reichte eine 28 Meter lange Pipeline bis auf die Brüstungen der gegenüber befindlichen Balkone außerhalb des Hauses. Zugleich funktionierte die Röhre als Camera Obscura. Sie verwies damit aber nicht nur auf die Fotoarbeiten von Heike Klussmann, sondern im Grunde auch schon auf ihre Hinwendung zu tunnelartigen Konstrukten, gesehen von innen. So hat sie 2008 eine filmische Animation zum Tiefbunker unter dem Alexanderplatz realisiert, entwickelt aus rund 6.000 Einzelbildern, die sie dort aufgenommen hat.

Blick von innen
Die Hinwendung zur Beschaffenheit von Architektur im Stadtraum und unter der Erde hat bei Heike Klussmann aber auch zu Projekten geführt, die über die eigentliche Kunst hinausweisen und auf praktische Anwendung zielen und zugleich die ästhetische Gestaltung des Stadtraumes postulieren. Dazu gehört ihre Zusammenarbeit mit Architekten und die Gründung einer interdisziplinären Forschungsgruppe an der Universität Kassel. In diesem Kontext steht die Beschäftigung mit Materialien im öffentlichen Raum und deren Beschaffenheit und Textur; mit Thorsten Klooster hat sie einen Licht reflektierenden Beton entwickelt, den BlingCrete: „Das optische Phänomen wird durch Mikroglaskugeln erzeugt, die in das Trägermaterial Beton eingebettet werden“, schreiben Klussmann und Klooster dazu in einem Aufsatz zu einem Symposion auf Schloss Solitude in Stuttgart.

Bereits seit 2002 plant Heike Klussmann mit „netzwerkarchitekten ParG“ die fünf Stationen der U-Bahnlinie Wehrhahn in Düsseldorf, die 2015 eröffnet werden soll: Im Atelier stehen dazu etliche Modelle in unterschiedlichen Größen, die ausgesprochen filigrane und für sich komplexe skulpturale Gebilde aus gefalteten und gewinkelten Bändern sind. Ausgehend von den jeweils vier Zugängen und von der linearen Außenform abknickend, ergeben die Bahnen ein Netz aus Überlagerungen und Durchlässigkeit, das einen dreidimensionalen Körper unter der Möglichkeit der Begehbarkeit bildet.

Das ist nun die Ausgangsbasis für die Videoinstallation im Neuen Wuppertaler Kunstverein, deren Titel „Surround“ das Verhältnis von architektonischer Umgebung und individuellem Standpunkt anspricht. 20 verwandte Projektionen laufen auf Augenhöhe horizontal nebeneinander ab. Indem sie verschiedene Längen besitzen, stellen sich im Loop immer neue Konstellationen ein. Der Betrachter sieht jeweils ein fließendes Schreiten durch einen offenen Raum, der an den teils schrägen Seiten, der Decke und dem Boden einheitlich aus s/w-Bändern besteht, abbiegt und dabei nie überschaubar ist. Mit jeder Bewegung ändern sich seine Struktur und sein Verlauf, ist wieder alles neu. Fläche wird zu Raum und Raum zu Fläche. Der Betrachter dringt immer tiefer in die Raumkonstruktion ein und gleitet doch an ihr ab, und mithin wird dabei auch unser Körpergefühl mit der Schwerkraft verhandelt. Natürlich ist diese Videoarbeit, bei aller wunderbaren Ästhetik als Kaleidoskop mit Anklängen an die Parallelwelten von Computerspielen, auch eine Metapher und ein Forschungsansatz zur Frage, wie wir uns im Stadtraum und innerhalb von Gebäuden verhalten, wie sich Überschaubarkeit und Unübersichtlichkeit einstellen. Schließlich geht es auch um die Frage, wie wir sehen, und wie wir uns orientieren. Und was die Kunst und die Architektur dazu leisten könnten.

„Heike Klussmann – Surround“ I bis 29.7. I Neuer Kunstverein Wuppertal I www.neuer-kunstverein-wuppertal.de

THOMAS HIRSCH

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