Die Spuren des Krieges waren überall augenfällig zu sehen. Die Menschen sehnten sich nach Frieden und Aussöhnung mit den europäischen Nachbarn. Wie in vielen anderen westdeutschen Städten keimte auch in Wuppertal der Wunsch, Städtepartnerschaften einzugehen. Wuppertal schloss als eine der ersten Städte in der Bundesrepublik eine solche Partnerschaft, und zwar mit der englischen Stadt South Tyneside. Die Parallelen waren offensichtlich. Beide Städte hatten in besonderem Maß unter den Flächenbombardements der jeweiligen gegnerischen Luftwaffe gelitten. Beide Städte sind von Industrie geprägt und relativ jung. Wuppertal wurde 1929 gegründet, South Tyneside an der englischen Ostküste sogar erst 1974. Vor genau 60 Jahren fand ein erster Jugendaustausch statt. Eine Reise nach Großbritannien, inzwischen für viele Jugendliche eine Selbstverständlichkeit, war zu jener Zeit noch ein echtes Abenteuer.
Nicht mehr ganz so spektakulär war die fast zehn Jahre später geschlossene Partnerschaft zum französischen Saint-Étienne. Wie Wuppertal und South Tyneside wurde die Stadt nahe Lyon im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört. So waren es ehemalige Soldaten aus Frankreich und Deutschland, die den Grundstein für die Städtepartnerschaft legten. Auch Saint-Étienne und Wuppertal ähneln sich. Hier wie dort gab es eine sehr entwickelte Textil- und Stahlindustrie.
Immer war der Beginn neuer Städtepartnerschaften Ausdruck der gerade aktuellen Weltpolitik. Während die ersten beiden Partnerschaften als Reaktion auf den Weltkrieg zu werten sind, war die 1964 geschlossene Verbindung zum Berliner Stadtteil Schöneberg Ausdruck der Solidarität mit der drei Jahre zuvor von der DDR eingemauerten halben Stadt. Der Kalte Krieg beherrschte das außenpolitische Klima Europas. Als erste deutsche Großstadt schloss Wuppertal 1977 mit einer israelischen Großstadt ein Partnerschaftsabkommen ab. Be’er Scheva, etwa 100 Kilometer südlich von Tel Aviv und Jerusalem gelegen, war vor Gründung des Staates Israel eine Kleinstadt, in der wöchentlich ein Beduinenmarkt stattfand. Inzwischen ist durch den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion und Palästinensern aus der Westbank und dem Gazastreifen eine multikulturell geprägte Großstadt mit entsprechenden Problemen geworden. Jährlich fahren Menschen aus Wuppertal an den Rand der Negev-Wüste. Und: immer wieder besuchen ehemals Verfolgte des Nazi-Regimes, die nun in Be’er Scheva leben, ihre alte Heimatstadt an der Wupper. Oft fließen Tränen der Trauer aber auch der Rührung, wenn sich nach 65 Jahren ein Lebenskreis schließt.
Oft fließen Tränen, wenn sich nach 65 Jahren ein Lebenskreis schließt
Die Stadt Wuppertal war 1980 wieder Vorreiterin, als sie eine Städtepartnerschaft mit der damals tschechoslowakischen Großstadt Košice einging. Keine andere Großstadt in Westeuropa hatte zuvor partnerschaftliche Beziehungen zu einer Großstadt im damaligen Ostblock geschlossen. Sie entwickelte sich im politisch geteilten Europa zum Modellfall für Städtepartnerschaften zwischen Ost und West. Zweieinhalb Jahre vor dem Fall der Mauer besuchten fünf Bürgerinnen und Bürger von Schwerin Wuppertal. Die Partnerschaft war zu jener Zeit brisant. Während die DDR besonders an wirtschaftlichen Beziehungen interessiert war, schließlich verfügte man damals über billige Arbeitskräfte und wollte gleichzeitig Devisen einnehmen, wollten die Politiker aus Wuppertal auch regelmäßige Besuche von Jugendgruppen in beiden Städten organisieren. Hierzu kam es dann erst nach dem Ende der SED-Herrschaft.
Im Jahr 1987 wurde Matagalpa in Nicaragua Partnerstadt. Das damals von den sozialistischen Sandinisten regierte Land galt als Modell für ein vom Norden unabhängiges Land. Ironie des Schicksals: während in vielen lateinamerikanischen Ländern Linke an der Macht sind, herrscht in Nicaragua eine rechte Regierung. Als letzte Partnerstadt wählte Wuppertal 1993 Legnica, das ehemalige Liegnitz, zur Partnerstadt.
Der Austausch von Gastgeschenken und Städtewimpel erscheint etwas antiquiert
Seit knapp 20 Jahren sind keine neuen Städteverbindungen hinzugekommen. Mit insgesamt acht Partnerschaften mag das Soll für die inzwischen finanziell nicht mehr ganz so potente Stadt erfüllt sein. Längst werden auch nicht mehr zu jeder Stadt regelmäßige offizielle Delegationen geschickt, wie dies vor Jahrzehnten noch der Fall war. Manche Verbindungen sind auch sonst nicht mehr so intensiv wie früher. In Zeiten, in denen die Welt durch Ferntouristik, Massenmedien und Internet zu einem Dorf geworden ist, erscheint der Austausch von Gastgeschenken und Städtewimpel etwas antiquiert. Dabei könnten gerade moderne Kulturtechniken der Idee der basisorientierten Weltpolitik neue Impulse verleihen. Wenige Freundeskreise in Wuppertal, die für die Partnerschaften zuständig sind, haben eine eigene Internetseite. Andere zeitgemäße Kommunikationsstränge sucht man vergebens. Warum gibt es zwar Webcams auf dem Döppersberg aber nicht in Nicaragua oder Israel? Warum wird noch nicht getwittert und gefacebooked? Eine Partnerschaft 2.0 wäre doch eine echte Zukunftsvision.
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