Dreiecksbeziehungen sind kein einfaches Terrain, egal ob bei Menschen oder bei Städten. Zu diesem Schluss muss der Beobachter des Bergischen Städtedreiecks in den letzten Jahren kommen. Während sich zur Zeit der Regionale bis zum Jahr 2006 die Verantwortlichen in Wuppertal, Remscheid und Solingen bemühten, gute Miene zu gutem Spiel zu machen, ist die Euphorie inzwischen gewichen. Damals konnten die Städte noch auf den warmen Regen aus dem Landeshaushalt hoffen. Die Landesregierung nämlich fördert durch die Strukturförderprogramme ihrer Regionale-Projekte den Zusammenhalt von benachbarten Städten. Vor sechs Jahren hoffte man in Düsseldorf, im Zentrum des Bergischen Landes durch verbindende Maßnahmen ein starkes Zentrum für das Bergische Land zu schaffen. Viele Hilfsangebote kamen allerdings eher den einzelnen Städten zugute. Besonders in Wuppertal wurde durch das Projekt viel geschaffen. Der Zoo bekam ein hochmodernes, artgerechteres Raubtiergehege, die Sambatrasse als Fuß- und Radweg über den Dächern des Zoos wurde fertiggestellt, der noch immer unvollendete Döppersberg geplant, die Kulturachse in Barmen vorangetrieben.
Ist die Zusammenarbeit im Bergischen Städtedreieck wegen Baufälligkeit des Projektes eingestellt worden?
Bei anderen Projekten profitierte aber auch die gesamte Region. Der „Bergische Ring“ vereinigte 11 Vereine und ermöglichte einen sehr attraktiven touristischen Zugang zur hiesigen Industrie- und Verkehrsgeschichte. An der gemeinsamen Grenze von Solingen und Remscheid entstand der Müngstener Brückenpark, der inzwischen Hunderttausende von Besucher anlockt. Die Müngstener Eisenbahnbrücke, Hauptattraktion des Parks, ist aber inzwischen ein Synonym für die Verbindungen zwischen den drei Bergischen Großstädten geworden. Der Eisenbahnverkehr ist wegen Baufälligkeit der Brücke bis auf weiteres eingestellt worden. Ist die Zusammenarbeit im Bergischen Städtedreieck inzwischen wegen Baufälligkeit des Projektes auch eingestellt worden?
Beispiele, die die Krise der Kooperation belegen, gibt es genug. Die Wirtschafts- und Tourismusförderung soll eigentlich durch die gemeinsame Bergische Entwicklungsagentur (BEA) erfolgen. Wuppertal hat sich da allerdings ausgeklinkt und überlässt diese Aufgabe der eigenen Wuppertaler Marketing GmbH. Wuppertals Stadtkämmerer Johannes Slawig glaubt, so berichtete bereits Anfang des Jahres die Westdeutsche Zeitung, dass diese Lösung für Wuppertal besser sei als die regionale Zusammenarbeit. „Es gibt nicht die große faszinierende Idee“, wird er dort zitiert. Das klingt nicht nach Aufbruchsstimmung. Skeptisch ist man im Rathaus in Barmen auch bezüglich der Beantragung von Zuschüssen. Für den Kontakt nach Brüssel wurde eine Mitarbeiterin abgestellt, die nun für Wuppertal die Aufgaben wahrnimmt, die eigentlich die BEA erledigen soll. Doppelt gemoppelt hält besser? In Solingen und Remscheid ist man anderer Ansicht und beobachtet die Wuppertaler Alleingänge mit Argwohn. Andere Kooperationen sind inzwischen nämlich Erfolgsmodelle geworden. Die Bergische VHS vereinigt die Volkshochschulen und Familienbildungsstätten von Wuppertal und Solingen. Beide Städte teilen sich auch die Leitstelle für ihre Feuerwehren. Das Polizeipräsidium in Wuppertal ist sogar für alle drei Städte zuständig. Solingens Oberbürgermeister Norbert Feith fallen noch weitere Beispiele der fruchtbaren Zusammenarbeit ein: die Gesundheitsverwaltung, die Forstverwaltung, das Orchester. Das Orchester? Nachdem die Fusion zwischen Wuppertaler Symphonikern und Bergischem Orchester bereits im vergangenen Jahr scheiterte, feilschen jetzt Solingen und Remscheid um die städtischen Zuschüsse ihres gemeinsamen Orchesters.
Tatsächlich begründen viele Protagonisten des Bergischen Städtedreiecks dessen Notwendigkeit mit den Sparzwängen in Zeiten der klammen kommunalen Kassen. Sparen allein reicht allerdings als Daseinsberechtigung nicht aus. Eine gemeinsame Identität, die in anderen Regionen für Zusammenhalt auch in schwierigen Zeiten sorgt, ist im Bergischen Land nicht sehr ausgeprägt. Die geografischen Ränder des Bergischen Landes fühlen sich eher Metropolen zugewandt. Der Leverkusener ist inzwischen heimlich Kölner, der Sprockhöveler Ruhrgebietler, der Mettmanner Düsseldorfer. Vielleicht liegt es an den Bergen im Bergischen, die die Wege zwischen den Städten so mühsam machen. Oder hat sich das Bergische einfach überlebt? Die Grafschaft aus dem Mittelalter ist inzwischen reif für das Museum. Die ehemalige Grafenresidenz Schloss Burg, malerisch an der Wupper gelegen, zerfällt langsam. Investitionen von 15 Millionen Euro wären nötig, um den Tourismusmagneten zu erhalten. Eine Million Euro steht nun an EU-Fördergeldern zur Verfügung, berichtete Solingens Bürgermeister Norbert Feith Anfang des vergangenen Monats auf einem Treffen auf dem historischen Areal. Dies mag zunächst als Tropfen auf dem heißen Stein erscheinen. Aber vielleicht besinnen sich die drei Städte ihrer gemeinsamen historischen Wurzeln. Das Bergische Land wurde übrigens nur vom Jahr 1133 bis ins späte 14. Jahrhundert von Schloß Burg aus regiert. Danach residierten die Herrscher über Barmen, Elberfeld, Solingen und Remscheid in – Düsseldorf.
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