Ende Oktober kam es zum Eklat vor dem Wahlkreisbüro des grünen Bundestagsabgeordneten in Elberfeld. Drinnen empfing Hermann Ott ökologische Stromanbieter zu seiner Stromwechselparty. Draußen machten Mitarbeiter der Wuppertaler Stadtwerke, die nicht eingeladen waren, für ihren Strom Werbung. Später beschwerte sich der WSW-Betriebsrat Andreas Scheid in einem offenen Brief an Stadtkämmerer Johannes Slawig über das unlokalpatriotische Verhalten des Bundestagsabgeordneten. Der Grüne aber verteidigte sein Handeln, indem er auf die Geschäftsverbindung zwischen den WSW und dem Energiemulti GDF Suez AG verwies, der in Frankreich und Belgien Atomkraftwerke betreibt. Auf Anfrage von engels allerdings wiederspricht Norbert Hüttenhölscher, der bei den WSW für neue Energiekonzepte zuständig ist, der Argumentation von Ott. Die Stadtwerke bieten, so Hüttenhölscher, ebenfalls grünen Strom an, der nicht weniger ökologisch sei als der der geladenen Partygäste. Tatsächlich ist der Anteil von Atomstrom bei den WSW geringer als im Bundesdurchschnitt und bei regenerativen Energien höher. Deshalb hätte Hüttenhölscher es begrüßt, wenn Ott auch die WSW eingeladen hätte. „Jeder unserer Kunden, der grünen Strom bezieht, unterstützt uns, noch ökologischer zu werden.“ Eines wird bei dieser Begebenheit deutlich: Der Energiemarkt ist wie auch der Markt der Telekommunikationsanbieter heiß umkämpft.
Die bunte Werbewelt macht es uns vor. Es ist ganz einfach. Als Verbraucher kann ich mich je nach Bedarf häuten und so mit immer neuen Identitäten ausstatten. Bin ich Vielsurfer, nehme ich den Vielsurfertarif. Bin ich Vielsimser, nehme ich den Vielsimsertarif. Und bin ich ein verstaubter Vieltelefonierer, dann ist die Telefon-Flatrate mein Ding. Bin ich Grüner, nehme ich grünen Strom, bin ich Gelber, nehme ich gelben Strom. Der Markt der Netze passt sich dem Individuum an, so die frohe Botschaft. Früher gab es Stadtwerke und Post, heute lärmt das Gewimmel der Daseinsversorger. Wer nicht den günstigsten Tarif nutzt, ist ein Depp, lautet der Subtext der Inszenierung. Natürlich wäre es töricht, die neugewonnene Liberalität des Marktes nicht zu nutzen und einfach beim erstbesten und oft teuersten Lieferanten zu bleiben. Aber ist Geiz wirklich immer geil?
Der Markt für Internetverbindungen, der inzwischen für viele auch der Markt der Telefonanbieter ist, ist verhältnismäßig jung. Als er vor etwa 15 Jahren ein breites Publikum erreichte, konnte man oft nur zwischen dem damals noch staatsmonopolistischen Unternehmen T-Online und dem US-amerikanischen Onlinemulti wählen. Inzwischen gibt es den Draht zum weltweiten Netz von Hinz und Kunz via Kabel, Stromkabel und Funk. In Wuppertal sind flächendeckend die Formel 1-schnellen Verbindungen verfügbar.
Die „vier Besatzungsmächte“ teilten sich den Strommarkt weitestgehend unter sich auf
Komplett anders verhält es sich beim Energiemarkt. Während das Staatsmonopol des Fräuleins vom Amt erst in den letzten Monaten der Regierung Kohl Anfang 1998 aufgehoben wurde, war der Energiemarkt faktisch seit Anbeginn in den Händen der Konzerne. Die Wiege des europäischen Stromnetzes stand übrigens nicht weit entfernt von Wuppertal, im Ruhrgebiet. Die Industriellen Hugo Stinnes und August Thyssen kauften 1902 das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk und bauten ein flächendeckendes Netz auf. Inzwischen ist RWE einer der größten Energieversorger Europas und der zweitgrößte Deutschlands. Der größte nichtstaatliche Energiekonzern der Welt residiert übrigens in Düsseldorf. E.ON ging im Jahr 2000 unter anderem aus den Konzernen VEBA, VIAG, Preußen Elektra und Bayernwerk hervor. Mit Vattenfall und EnBW waren RWE und E.ON bis vor kurzem die alleinigen Besitzer der Hochspannungsnetze Deutschlands. Die von Fachleuten so genannten „vier Besatzungsmächte“ teilten sich den Strommarkt weitestgehend unter sich auf. Durch den Siegeszug erneuerbarer und dezentraler Energien und auch durch Gründung der Bundesnetzagentur, die die Stromkabelbesitzer kontrolliert, hat sich der Markt seit etwa sechs Jahren geöffnet. Je nach Kommune kann der Konsument aus 70 bis 100 Anbietern auswählen. Wären nicht gerade bei älteren Menschen psychologisch begründbare Hemmnisse vorhanden, der Wettbewerb würde funktionieren, und der Strompreis für den Endverbraucher könnte tatsächlich fallen. Bis jetzt aber haben nur etwa zehn Prozent der Bundesbürger ihren Stromversorger gewechselt.
Die großen Energiekonzerne befinden sich trotzdem in rauer See. Die steigenden Abgaben auf Kohlendioxidemission setzen den Betreibern fossiler Kraftwerke zu. Die doppelte Energiewende der Bundesregierung in Bezug auf Atomkraft zerstört eine weitere sichere Einnahmequelle der großen Vier. Der heimische Energiemarkt ist durch kritischer werdende Verbraucher und viele neue Kleinerzeuger wohltuend unübersichtlich geworden. Vielleicht gelingt sie tatsächlich noch, die Demokratisierung der Netze. Dann könnte Hermann Ott, wenn er sich von den Ökologen innerhalb der WSW überzeugen ließe, sogar Ökostrom aus Wuppertal in seiner Wohnung in Berlin verbrauchen.
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