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Unsere Moschee soll schöner werden: Merkez Camii Moschee in Wuppertal
Foto: Florian Schmitz

„Moscheen darf man nicht in Hinterhöfen verstecken“

28. Mai 2015

Mustafa Temizer von der Türkisch-Islamischen Gemeinde über Neubaupläne an der Gathe – Thema 06/15 Meine Moschee

Als Mitglied der Arbeitsgruppe für den Moscheeneubau an der Gathe erläutert Mustafa Temizer, warum der Ausbau sowohl platztechnisch als auch für das gemeindeleben notwendig ist und spricht über das Verhältnis zu Autonomen Zentrum in der Nachbarschaft.

engels: Herr Temizer, warum braucht Ihre Gemeinde eine neue Moschee?
Mustafa Temizer:
Wir brauchen neue Räume, weil das alte Gebäude aus allen Nähten platzt. Das gilt nicht unbedingt für die Gebetszeiten. Am Wochenende haben wir circa 240 Schüler der Koranschule hier. Wir müssen aufgrund des Platzmangels viele ablehnen. Dazu kommen 60 Jugendliche aus der Jugendabteilung. Und die Gäste der älteren Generation. Das heißt, dass wir am Wochenende rund 350 bis 400 Leute hier haben.

Es geht also weniger um die Gottesdienste, als ums Gemeindeleben?

Mustafa Temizer
Foto: Presse

Mustafa Temizer (35) war anderthalb Jahre lang Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Ditib-Gemeinde Merkez Camii. Er ist Teil der Arbeitsgruppe für den Moscheeneubau.


Genau, der Gebetsraum ist ausreichend. Die Planungen sehen vor, dass er nicht wesentlich größer sein wird als am aktuellen Standort.

Wie weit sind denn Ihre Pläne?
Wir sind dabei, die nötigen Grundstücke zu kaufen. Das wichtigste war das ehemalige BP-Gelände, das wir Ende letzten Jahres erworben haben. Vom Grundstück einer ehemaligen Schreinerei werden wir im nächsten Jahr Besitzer. Bleiben noch die städtischen Grundstücke, die wir auch kaufen wollen. Das gesamte Areal ist circa 6.000 Quadratmeter groß.

Sie wollen Seniorenwohnungen und Geschäftsräume unterbringen.
Im neuen Zentrum sollen vor allem ältere Menschen alles finden, was sie zum Leben brauchen – zum Beispiel einkaufen, einen Arzt besuchen, einen Anwalt aufsuchen. Wir wollen außerdem ein Studentenwohnheim bauen. Die Studenten sollen sich um die älteren Bewohner kümmern und dafür mietfrei oder für kleines Geld bei uns wohnen können.

Das hört sich an wie betreutes Wohnen mit kurzen Wegen.
Das ist der eine Gesichtspunkt. Im anderen Gebäudetrakt wollen wir die Koranschüler und Jugendlichen unterbringen.

Wenn Menschen alles an einem Ort finden – suchen sie dann nicht weniger Kontakt in der Stadt?
Ich denke nicht. Wir wollen der älteren Generation, in der einige gesundheitliche Probleme haben, einfach kilometerlange Wege ersparen. Diese Leute sollen nicht alleine laufen. Ein Jugendlicher oder Student könnte ihnen die Einkaufstüte tragen. Vorsichtig gesagt ist es für alte Menschen wohl zweitrangig, an der Gesellschaft teilzunehmen. Denen geht es um die Gesundheit und kurze Wege.

2012 haben Sie gesagt, Sie verzichten auf einen Gebetsrufer. Gilt das immer noch?
Genau. Das ist nicht unsere Prämisse. Wir brauchen den Gebetsrufer nicht. Das, was hier religiös passiert, ist nach dem Koran in Ordnung. Wir brauchen nicht mehr und wollen nicht mehr.

Können Sie Sorgen, welcher Art auch immer, in Verbindung mit der neuen Moschee nachvollziehen?
Nein, das kann ich nicht. Unser neuer Standort ist an einer Hauptstraße. Viele Gemeinden liegen in Nebenstraßen, ganz versteckt. Die Menschen wissen nicht, was darin passiert. Bei unserer Gemeinde ist man jederzeit herzlich willkommen. Wir haben täglich Besucher und geben regelmäßig Moscheeführungen. Wenn man sagt, dass Integration gelungen sein soll, darf man die Gemeinden nicht in Hinterhöfen verstecken. Die sollen präsent und zugänglich sein, damit sie wirklich Teil der Gesellschaft sind. Es braucht auch niemand Angst zu haben, dass da eine Prunkmoschee hinkommt. Die Gemeinde mit dem Gebetsraum nimmt nur einen Bruchteil des Areals ein.

Wie wichtig sind neue Räume für das Selbstwertgefühl?
Die Vorstellung, dass wir unsere Platzprobleme lösen können, ist sehr schön. Außerdem steckt kein Investor hinter dem Projekt – alles wird durch Spenden bezahlt. Jedes Gemeindemitglied kann also Teil des Ganzen sein. Es ist ein religiöser Anreiz, an diesem Bau mitzuwirken – ob als Spender oder Architekt, Ingenieur oder Handwerker.

Trägt der Neubau zur Heimatfindung bei?
Das wäre ein netter Nebeneffekt (schmunzelt).

Welche Rolle spielt ihre Gemeinde für die Integration von Einwanderern?
Wir machen unter anderem beim städtischen Projekt „Wegweiser“ mit. Dort finden Neuankömmlinge Informationen zu ersten Kontakten. Wo sie hinmüssen, wo sie Unterkunft bekommen.

Ihre Nähe zum Autonomen Zentrum wurde viel diskutiert. Gibt es schon eine Lösung?
Es wird daran gearbeitet. Die Stadt hat den Autonomen soweit ich weiß Standorte angeboten, die aber nicht in Frage kamen, weil sie teilweise in anderen Stadtteilen lagen. Das AZ würde gerne im Quartier bleiben. Wir haben auch Leute rausgeschickt, die sich umhören sollten, ob es ein Angebot für das AZ gibt. Ob es was wird, muss man sehen.

Das heißt, solange es das AZ gibt, können Sie nicht anfangen?
Es hat weniger mit dem AZ zu tun als mit den Grundstücken. Wenn wir noch nicht alle gekauft haben, fangen wir sowieso nicht mit konkreten Plänen an. Die Käufe sind Meilensteine. Bis wir eine architektonische Zeichnung vorlegen können, dauert es noch ein bisschen (lacht).

Inwiefern profitieren AZ und Moschee voneinander?
Wir leben seit über 20 Jahren in Nachbarschaft. Unser Verhältnis ist immer freundschaftlich gewesen, wir unterstützen uns gegenseitig. Zuletzt haben wir gemeinsam eine Gegendemo zu einem Aufmarsch von Pro NRW veranstaltet.

In Wuppertal hat sich eine muslimische Interessenvertretung gegründet, als eine der ersten in Deutschland.
15 Gemeinden haben sich zusammengeschlossen. Ein wichtiges Thema ist die Erschließung des Friedhofs. Seit letztem Jahr dürfen muslimische Gemeinden Friedhöfe betreiben. Wir sind dabei, ein Grundstück an der Krummacher Straße zu kaufen. Wir könnten den ersten Friedhof für evangelische, jüdische und muslimische Gräber auf einem Areal haben – soweit ich weiß, europaweit. Das ist wichtig, weil Leichname nicht mehr in ein anderes Land verbracht werden müssen. Das ist für einen Lebenden nicht einfach, gerade, wenn er sich in Deutschland zuhause fühlt.

Lesen Sie weitere Artikel zum Thema auch unter trailer-ruhr.de/thema und choices.de/thema

Interview: Florian Schmitz

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