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Samuel Kron alias Krone
Foto: Sarah Fischer

„Positive Dinge schreiben, statt Gangster spielen“

31. Januar 2019

Der Rapper Krone über philosophischen Rap und Verse der Achtsamkeit – Interview 02/19

engels: Krone, dein Debüt und die im Februar nachgeschobene EP offenbaren einen Flow und eine Kompetenz, bei der man sich fragt: Übt dieser 17-jährige Sprechgesang, seit er sprechen kann?
Krone: Nein. Meinen ersten Text habe ich mit 14 Jahren geschrieben. Wirklich ernsthaft betreibe ich das Stückemachen und Produzieren seit ich 15 war. Gandhi Chahine und Germain Bleich haben mich damals an die professionelle Arbeitsweise herangeführt. Sie sind Sänger und Gitarrist bei Sons Of Gastarbeita. Echte Pioniere, eine der ersten Hip-Hop-Bands, die es im deutschsprachigen Bereich gab. Mittlerweile sind sie bekannte Kulturförderer und Projektleiter, zum Beispiel in der Jugendarbeit von Hagen. Im heimischen Tonstudio von Germain habe ich meine ersten Titel aufgenommen.

Du hast dich allerdings schnell von dieser Betreuung emanzipiert. Bei deinen heutigen Titeln stehen verschiedene Produzenten in Klammern.
Produzenten wie Buckroll, Khronos oder T. Customz sind diejenigen, von denen man als Rapper seine Beats bekommt. Es gibt riesige Börsen im Internet, auf denen man sich das passende Klanggerüst suchen und ankaufen kann. Das eigentliche Stückemachen geschieht dann allerdings hier, in meinem Zimmerstudio. Die Endmischung lagere ich derzeit noch in die Ukraine aus. Dort bekommt man das Mastering für einen Song ab 15 Euro. Immerhin habe ich kein großes Budget.

In die Ukraine? Wie geht das denn?
Über Fiverr. Das ist ein internationaler Marktplatz für Freelancer aller Art. Dort bieten Übersetzer genauso ihre Dienste feil wie Programmierer, Designer, Filmleute oder eben Toningenieure.

Am Ende klingen deine Stücke wie aus einem Guss. Die Kunst im Hiphop besteht schließlich auch darin, was man aus den unendlichen Möglichkeiten der Klangcollage wählt. An einer Stelle textest du selbstironisch, bei dir sei das oft Material aus „Opas Plattenkiste“.
Das ist auch der Grund, wieso nur die EP „Kronibal Lector“ mit ausgewählten Stücken vom Album und die neue EP „Premium“ bei den kommerziellen Streaming-Portalen erscheinen konnten, nicht aber das ganze Album. Ich hatte nicht restlos für jedes Sample die Rechte. Bei den Liedern, deren Beats von meinem Lieblingsproduzenten Buckroll stammen, waren die inklusive.



Als 17-jähriger ignorierst du die aktuelle Sound-Ästhetik des Hip-Hop und pflegst beste Traditionen. Jazzige Einsprengsel, klassisch knusprige Boombap-Rhythmen statt verschlepptem Trap und vor allem kristallklar artikulierte Verse mit viel Text statt nuscheligem Mumble Rap und zigfach wiederholter Slogans.
Ich höre natürlich fast alles, was im Deutschrap passiert, aber mir ist dieser Klang lieber, genauso wie positive Dinge zu schreiben, statt den Gangster zu spielen, was bei einem Jungen aus Gevelsberg auch wenig glaubhaft wäre. Wobei ich mit 14 Jahren tatsächlich auf der schiefen Bahn unterwegs war und mir nichts mehr erlauben darf.

Was hast du auf dem Kerbholz?
In Anführungsstrichen nur zwei Anzeigen wegen Dealens mit Dope. Nicht viel, aber ich hatte damals immer was auf Tasche. Ich war sehr anstrengend. Heute würde ich meinem 14-jährigen Ich gerne richtig auf die Fresse hauen, da es sich voll dem Asi-Gangster-Trip hingegeben hatte.



Und nur wenige Jahre später flechtest du ein dichtes Netz aus Referenzen zum Buddhismus, zur spirituellen Suche, zum menschlichen Miteinander und zu Klassikern der Philosophie. Was den 08/15-Rappern ihr Hurensohn ist, ist dir dein Aristoteles, dein Siddharta oder dein Kant.
Und mein Marx, den ich als meinen Lieblingsphilosophen bezeichnen würde, falls man ihn Philosoph nennen darf. Darf man? Sagen wir, er war im Prinzip ein Gesellschaftsphilosoph.

Wie kommt so ein radikaler Umschwung in so jungen Jahren zustande? Bei den meisten Rappern dauert das ein halbes Leben.
Das mag jetzt kitschig oder unglaubwürdig klingen, aber es war tatsächlich wie folgt: Vor rund zwei Jahren habe ich mal psychoaktive Pilze genommen und am gleichen Abend meditiert, Hermann Hesses „Siddharta“ gelesen und klassische Musik gehört. Diese Nacht war für mich ein absoluter Wendepunkt. Seither befasse ich mich mit Meditation und Einkehr, auch durch meinen Vater, der in diesem Bereich beruflich tätig ist und sogar Achtsamkeitsseminare gibt.

Aber ohne Pilze?
(lacht) Die waren einmalig, aber ein heilsamer Startpunkt. Ein Survival-Wochenende im Wald hatte eine vergleichbar eindrucksvolle Wirkung, organisiert von einem Freund meines Vaters, der sich auch viel mit Meditation befasst und dem Kampfkunstverband des Krav Maga in Deutschland vorsteht.



Man merkt dem Flow und der frühen Reife deiner Texte diese intensive Einkehr tatsächlich an. Bei deinem nächsten Album solltest du selbstbewusst berühmte Gäste aus dem Bereich des positiven Rap anfragen.
Im Vergleich zu mir sind schon meine jetzigen Gäste wie Duan und Kosmo zumindest im Underground und auf YouTube gewisse Größen. Davon abgesehen spielen die meisten Musiker, die ich schätze, in der Nische. Zum Beispiel mein mit Abstand liebster Rapper unter den Deutschen dieser Tage, Umse, der auch nicht wegen eines bestimmten Images oder möglichen Chart-Erfolgen seine Musik macht. Klar sind die plakativen Gangster am meisten sichtbar, aber Hip-Hop ist als Kultur so groß und allgegenwärtig geworden, dass man unendlich viele Möglichkeiten hat. Ich möchte mit denen zusammenarbeiten, denen es wichtig ist, Neues zu schaffen, wenn auch teilweise gerade wieder mit klassischen Mitteln. Daher picke ich eben auch Instrumentals, die anders klingen als die typische Elektronik von heute.

Das heißt, der Meditierer und selbsternannte „Umweltschutzterrorist“ mit den vielen dicken Büchern im Zimmer wird sich niemals eine Gang suchen, um „Rücken“ zu haben und dann in zweistündigen Videogesprächen mit Hip-Hop-Moderatoren irgendwelches Seemannsgarn spinnen und andere Rapper beleidigen, um seine Platten zu promoten?
Es ist unterhaltsam, aber auch alles sehr schade. Vielen geht es überhaupt nicht um die Liebe zur Musik, sondern rein darum, Klickzahlen zu generieren. So veröffentlichen die meisten zum Beispiel am Freitag, zu Beginn der Chartswoche, mit vorher gezielt gepushtem Vorverkauf. Alles nur Kalkül und Taktik. Obwohl sie sonst wenig mein Ding sind, fand ich es da sogar richtig cool, was die 187 Strassenbande aus Hamburg getan hat. Am Dienstag veröffentlicht, ohne Vorverkauf – und dennoch in die Charts gegangen.

Interview: Oliver Uschmann

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